Stefan liegt im Gras. Sein von einem Helm geschützter Kopf ist zur Seite geneigt. Arme und Beine hat er weit von sich gestreckt. Am rechten Skischuh steckt noch der Ski. Der andere liegt etwa zwei Meter entfernt. Ein paar Sekunden verharrt der 30-Jährige regungslos in dieser Position, dann gibt er mit erhobenem Daumen Entwarnung.

Wenige Sekunden zuvor ist Stefan skigesprungen. "Springen kann man es eigentlich nicht nennen. Es war eher ein Hopser", sagt er grinsend, nachdem er sein Sportgerät eingesammelt hat und die Treppe zum höchsten Punkt der Schanze wieder hinaufgelaufen ist. Der Bezirksliga-Fußballer nimmt am ersten Schnupperkurs für Erwachsene des Skiclubs Bischofsgrün am Ochsenkopf im Fichtelgebirge teil. Die einzige andere fränkische Schanze in Betrieb befindet sich in Haselbach in der Rhön.

Erst an den Belag gewöhnen

Anfänger wie Stefan starten ganz unten, auf der K15. Die zwei größeren der drei nebeneinanderliegenden Schanzen in der Ochsenkopf-Arena sind für die sechs Kursteilnehmer tabu. Selbst auf der kleinsten, auf der Weiten um 15 Meter (Konstruktionspunkt) erreicht werden, geht es nicht gleich in die Anlaufspur. Zunächst müssen wir uns an den Belag gewöhnen.

Carina legt ihre eigenen Ski - spezielle Ausrüstung gibt es erst für Fortgeschrittene - unterhalb des Schanzentischs, also am oberen Ende der Landezone, zurecht. Obwohl sie Pistenerfahrung hat, gestaltet sich das Anschnallen am ungewohnten grünen Hang schwierig. Kursleiter Thomas Bauer hält die Bretter und die 25-Jährige fest. Sie ist die Erste aus dem halben Dutzend Möchtegern-Hannawalds, die sich auf das Plastikgras traut. Der Sportvorstand des SCB bringt Carina in Position, dann gleitet sie wie vorgegeben in gebückter Haltung den knapp 30 Meter langen Hügel hinab.

Dass Skispringen nicht nur im Winter bei Schnee betrieben wird, wusste ich. Während der Autofahrt nach Bischofsgrün rechne ich trotzdem minütlich mit einer Absage des Schnupperkurses im Herbst - kurz vor dem zweiten Lockdown. Es regnet ohne Pause. Aber: "Das ist perfekt für uns", sagt Thomas bei meiner Ankunft grinsend. "Da sparen wir uns die Bewässerung." Im trockenen Zustand sei die Schanze nämlich kaum befahrbar. Dabei bietet der SCB den Kurs bewusst nur in wärmeren Monaten an: Da seien die Verhältnisse berechenbarer, erklärt der 47-Jährige. Außerdem solle das Training ein positives Erlebnis sein, was bei 25 Grad und Sonne eher der Fall sei.

Der zweifarbige Kunststoffanzug, den ich bekomme, sorgt bei den Profis für Auftrieb und zusätzliche Weitenmeter. Mir dient er heute als Schutz gegen die feuchte Kälte. Diese kommt nicht nur von oben, sondern auch vom Angstschweiß, den Thomas spätestens dann bei mir auslöst, nachdem wir uns gesteigert haben und er die oberste Luke der Anlaufspur freigibt. Bremsen ist nach dem Losfahren nicht mehr möglich, geschweige denn eine Umkehr.

Der Sturz von Stefan ist in meinem Kopf. Ob ich pünktlich am Schanzentisch abspringe, ist mir egal. Hauptsache heil unten ankommen. Für ein "V", das die Bretter bei den Profis im Flug bilden, ist keine Zeit. Auf den Telemark, bei dem ein Ski weiter vorne aufkommt, verzichte ich bei der Landung.

Erst als ich vom echten Gras am Ende der Auslaufzone gebremst werde, macht sich Erleichterung breit. Das Adrenalin in meinen Adern schreit sofort nach mehr - trotz Dauerregen bei 10 Grad will ich meinen gerade erzielten Rekord von 15 Metern sofort knacken.

 

Skispringen und Höhenangst? Für Thomas Bauer kein Problem

Thomas Bauer bietet in seinem Wohnort für den SC Bischofsgrün Skispringen an. Der Sportvorstand selbst hat sich aber noch nie von der Schanze gewagt. Der 47-Jährige ist im Triathlon zu Hause, hat eine Frau, zwei Jobs und drei Kinder. Das sind aber nicht die Gründe dafür, dass er nicht selbst von der Schanze springt.

Wie kamen Sie auf die Idee des Schnupperkurses für Erwachsene?

Thomas Bauer: Wir versuchen seit etwa zwei Jahren, wieder mehr Nachwuchs aufzubauen und dem Ruf als Landesleistungszentrum gerecht zu werden. Wir drucken Flyer, nutzen neue Medien wie Facebook und den Whatsapp-Status. Zudem sprechen wir gezielt Eltern mit Kindern im Alter von sieben bis zehn Jahren an. Von einigen kam der Spruch: "Da bin ich zu alt für." So entwickelte ich die Idee, ein Einsteigertraining für Erwachsene anzubieten. Ziel ist aber nicht, eine Sportgruppe aufzubauen, sondern den Sport in der Region bekannt zu machen. Leute, die mitmachen oder zuschauen, erzählen hoffentlich ihren Freunden und Verwandten davon.

Gibt es Ausschlusskriterien für die Kursteilnahme?

Wir lassen niemanden volltrunken die Schanze runter. Größe, Gewicht, Alter und so weiter sind aber völlig egal. Viele Teilnehmer, vor allem Kinder, wachsen an der Erfahrung, gesprungen zu sein.

Zahlt sich das Engagement des SC Bischofsgrün schon aus?

In den vergangenen 15 Monaten haben wir fast 20 Nachwuchsspringer gewonnen. Mit der Gruppe wächst die Qualität. Unsere Skispringer kommen nicht nur aus dem Fichtelgebirge, sondern auch aus Bayreuth, Kulmbach, Münchberg, Forchheim, Erding. Sogar ein Junge aus Bali ist manchmal bei uns. Seine Familie ist vor ein paar Jahren ausgewandert.

Ab wann darf oder sollte man von der Alpinausrüstung auf Sprungski umstellen? Ab wann darf man auf die K30, wann auf die K64?

Der Umstieg erfolgt je nach Talent. Wenn ein Kind gut Ski fährt, genügen meist vier bis fünf Wochen, bis es routiniert die Anlaufspur runterkommt, die Anfahrtshocke gut ausübt und sicher landet. Dann ist es fast schon notwendig umzustellen, denn der Absprung ist mit Sprungski ganz anders. Bei Alpinskiern müssen die Beine angezogen werden, um weiter zu springen, beim Sprungski ist es genau umgekehrt. Da werden am Schanzentisch die Beine gestreckt, damit die Bretter hoch kommen und einen Windwiderstand aufbauen.

Die Ausbildung in Richtung V-Stil kommt erst später ab der K30-Schanze, wenn sich die Flugphase verlängert. Wann die höhere Schanze gesprungen wird, entscheidet der Sportler selbst. Wir haben Erwachsene, die sich einfach nicht mehr als die K30 trauen. Im Wettkampf gibt es wiederum klare Vorgaben vom Deutschen Skiverband: bis zehn Jahre - K15; zehn bis elf Jahre - K30; ab zwölf - K64. Bei den Kids geht es also relativ schnell.

Auf welcher Schanze springen Sie?

Gar nicht. Ich hab' Höhenangst. Ich bin auch ein seltener und daher kein guter Skifahrer. Dafür kann ich Biathlon und bin ausgebildeter Breitensport-Trainer für Ski Nordisch. Aus zeitlichen Gründen komme ich aber nicht dazu, selbst mit Skirollern zu trainieren. An der Schanze kümmere ich mich um den Nachwuchs und um Organisatorisches - Selbstverwirklichung steht da hinten an. Dieser Tage hätte unsere Saisonabschlussfeier stattgefunden: Nach zwei Bierchen hätte ich mich aber bestimmt von der K15 getraut. Wer - sobald es Corona zulässt - einen Schnupperkurs belegen will, kann sich bei Thomas Bauer melden. Telefon: 0171 / 866 39 99; E-Mail: sportfreunde.fichtelgebirge@gmx.de.