Am Montagnachmittag läuft bei Stefan Düsel das Telefon heiß. Der Trainer der Effeltricher Sportschützen erhält Glückwunschanrufe von Nah und Fern. Nicht direkt für sich. Sondern für seinen Schützling Alin George Moldoveanu. Der Rumäne hat am Vormittag sensationell Olympisches Gold im Luftgewehrschießen in London ergattert. Natürlich nur für sein Heimatland, doch die Mitglieder seines deutschen Vereins Bavaria Effeltrich jubeln, als wäre es ihr eigener Triumph. Die Begeisterung gipfelt schnell in dem Satz: "Deutschland hat noch keine Medaille geholt, und jetzt geht das erste Gold nach Effeltrich!"

Größer kann die Freude über den Aufstieg der Bavaria-Schützen um Moldoveanu vor wenigen Monaten in die II. Liga kaum gewesen sein. "Das ist ein Riesending. Und dabei völlig überraschend", urteilt Düsel und liest eine SMS von Evi Trummer, der Top-Schützin der Mannschaft, vor: "Das ist ja saucool, echt Klasse! Und er schießt weiter für uns nächstes Jahr. Wahnsinn!" Bürgermeister Richard Schmidt (FW) ist "regelrecht geschockt": "Das freut mich ganz besonders. Für uns ist das ein Traum."

599 von 600 möglichen Ringen

Stefan Düsel verfolgt die Olympischen Wettkämpfe der Schützen sehr aufmerksam. Am Montagvormittag ist der 40-Jährige, der sich im Bereich Gravur- und Frästechnik selbständig gemacht hat, allerdings beruflich eingebunden und erfährt spät von der sensationellen Vorrunde Moldoveanus.

Der 29-Jährige hat mit 599 von 600 möglichen Ringen gemeinsam mit dem favorisierten Italiener Niccolo Campriani den Olympischen Rekord eingestellt und lag auf Platz 2 im Wettkampf. Sofort schaltet Düsel auf den Livestream des ZDF und verfolgt zusammen mit Schützenbruder Christian Wolf das Finale. Vor dem Bildschirm ist Düsel nervöser als der Rumäne auf dem Schießplatz der Royal Artillery Barracks. "Er hat absolut supercool gearbeitet und einen sauberen Zehner nach dem anderen geschossen", erzählt Düsel. Diese Leistung ist auch nötig, um Campriani (701,5 Ringe) um den Hauch von 0,6 Ringen zu übertreffen. Düsel überschlägt sich: "Einfach phänomenal! Das war keine Eintagsfliege. Das war kein Zufall." Er verweist auf die Sommerspiele vor vier Jahren in Peking, als Moldoveanu nur um ein Zehntel an der Bronzemedaille vorbeigeschrammt ist.

Bescheiden, besonnen, intelligent

Damals kannten sich Düsel und der Rumäne noch nicht persönlich. Erst 2009 kreuzten sich ihre Wege bei Dynamit Fürth, wo Düsel als Trainer einstieg. "Bescheiden, besonnen und sehr intelligent" habe der Sportler damals schon auf ihn gewirkt. Als die Fürther Mannschaft nach zwei Jahren auseinanderbrach, entschloss sich Moldoveanu seinen Trainer zu dessen Stammverein nach Effeltrich zu begleiten. Das bedeutete zwar für ihn, zwei Klassen tiefer zu schießen, doch "Alin ist der menschliche Kontakt wichtiger als finanzielle Verlockungen" (Düsel).

Diese Saison war für den Diplom-Psychologen, der bei der rumänischen Polizei beschäftigt ist, eher eine schwächere, er trug jedoch mit gut 391 Ringen im Schnitt einen großen Teil zur Vizemeisterschaft in der Bayernliga bei, die den Zweitliga-Aufstieg möglich machte.

Auf den Punkt genau fit

"Vielleicht war das gerade das Wichtige, dass ihn nach dieser Saison keiner auf den Zettel hatte", erklärt Düsel und fügt hinzu: "Es hilft ja auch nichts, wenn man über das ganze Jahr Top-Ergebnisse schießt und dann beim wichtigsten Wettkampf versagt." Moldoveanus Ziel sei genau das Gegenteil gewesen, nämlich auf den Punkt genau fit zu sein.

Stefan Düsel beobachtete schon beim letzten Besuch des "gut integrierten Ausländers" in Effeltrich, dass er sich "vor Olympia etwas isoliert". Dadurch sei es ihm gelungen, "kleinere technische Problemchen" wie die Handhaltung oder den Ablauf beim Schießen zu verbessern. Vor einer Woche habe ihm Alin seine Trainingsergebnisse im Nationalteam gemailt, "da hat sich schon angedeutet, dass er deutlich zugelegt hat." Der Athlet nahm sich selbst aber nur den Einzug ins Finale der besten Acht vor. Jetzt wurde die Goldmedaille daraus.

Glückwunsch-SMS nach London

Das Edelmetall soll am 21. Oktober dann auch auf der Effeltricher Schießanlage beim ersten Wettkampf in der II. Liga funkeln. Denn: Moldoveanu hat schon für die neue Saison in Oberfranken unterschrieben. Düsel weiß allerdings, dass der Erfolg bei Olympia einige Begehrlichkeiten wecken dürfte. "Wenn er einen anderen Weg einschlagen kann, sei ihm das gegönnt", betont der Coach. Düsels Telefonleitung wird also nicht so schnell abkühlen. Und dann will er ja selbst auch endlich bei seinem Schützling durchkommen, um persönlich zu gratulieren. Am Montag findet nur eine Glückwunsch-SMS den Weg nach London.