Unsere Füße sinken tief in den frisch gefallenen Schnee. Unsichtbare Stolperfallen lauern. Dass wir das Tempo auf etwa sechs Minuten pro Kilometer anpassen müssen, kommt mir entgegen. Eigentlich mag ich es schneller - damit es schneller vorbei ist. Für zehn bis 15 Kilometer, die ich üblicherweise absolviere, ist das in Ordnung, doch heute stehen 22,97 Kilometer und 584 Höhenmeter auf dem Plan. Das sagt die App von Florian Troeger.

Rückblick, 2017: Nach einem 100-Kilometer-Lauf schnappt sich der Forchheimer im Zielbereich nicht wie die meisten Finisher ein alkoholfreies Weizen, sondern schnorrt eine Zigarette bei einer Zuschauerin. Mit der Kippe und einem "echten" Bier in der Hand lenkt er die Blicke auf sich. Dass Ultraläufer ein bisschen verrückt sind, wusste ich, doch Troeger ist selbst unter ihnen eine besondere Marke. Grund genug, sich mit dem 40-Jährigen zu einem harten Lauf zu verabreden - oder wie er es nennt: ein Spaziergang. Denn ein Ultra beginnt bei 42,195 Kilometern.

Absagen kommt nicht in Frage

Vor unserem "Spaziergang" bin ich doch nervös. Es schneit seit Stunden. "Verschieben wir den Termin?", frage ich Florian. "Nein", antwortet er: "Ich habe die Route angepasst. Sie ist flacher." So viel ist klar: Eine Absage kommt für einen Ultraläufer nicht infrage. Für den Kampf gegen den inneren Schweinehund empfiehlt Troeger Gruppendynamik. Wer mit anderen etwas ausgemacht hat, sage nicht so leicht ab. Selbst unter Corona-Einschränkungen könne man ja zumindest mit einer weiteren Person Sport treiben - noch. Fast überall gebe es Zusammenschlüsse für Läufer auf jedem Niveau. Florian machte 2015 seine ersten Schritte im Ultrabereich. Inzwischen trifft er sich regelmäßig mit Gleichgesinnten. Nur sonntags schläft er lieber aus.

Florian holt mich um 12.30 Uhr im Zentrum Forchheims ab. Da er selbstständig ist, kann er sich die sportliche Mittagspause einrichten. Nach einem Selfie für den Vorher/Nachher-Vergleich geht es los. Oder doch lieber erst dehnen? "Das ist eine Glaubensfrage", sagt Florian. "Vor dem Laufen halte ich es nicht für nötig. Danach schon." Jeder müsse für sich herausfinden, was ihm guttut: direkt nach dem Sport oder am nächsten Tag; statisch oder dynamisch.

Wir laufen durch die Fußgängerzone zum Rhein-Main-Donau-Kanal. Die Temperatur liegt um den Gefrierpunkt. Die nächste Frage liegt auf der Hand: Zwiebelprinzip oder Funktionskleidung? "Bei mir ist es eine Mischung", sagt der 40-Jährige. "Ich habe vernünftige Klamotten, trage aber auch mehrere Schichten." Gerade Anfängern empfiehlt er, lieber mehr anzuziehen, überschüssige Kleidung gegebenenfalls in den Rucksack zu packen und bei Bedarf wieder herauszuholen.

Verpflegung mit Waldmeistergeschmack

Nach gut fünf Kilometern Richtung Erlangen greife ich zum ersten Mal auf meinen Sherpa zurück. In seiner Weste transportiert Träger Troeger eine Flasche, die fast so weich ist wie das Gel darin. Ein basisches, salzhaltiges, hypertonisches Getränk mit Waldmeistergeschmack. Auch auf für ihn kurzen Strecken hat der Ultraläufer immer Verpflegung dabei. Als psychologische Hilfe. "Ich weiß, dass ich im Falle eines Energie-Tiefs darauf zurückgreifen kann", sagt Florian.

Von meinem Plan, bei meinem ersten Halbmarathon die Hochphasen zu nutzen und nur im Motivationsloch gemächlich zu laufen, rät er mir ab: "Am besten möglichst langsam und gleichmäßig. Die Zielzeit ist zumindest beim ersten Mal egal." Mein bisheriges Maximum ist erreicht. Obwohl die Belastung aufgrund des Schnees groß ist, fühle ich mich gut. Das mit dem gedrosselten Tempo scheint zu stimmen.

Dank Florian vergeht die Zeit wie im Flug. Er erzählt mir von einem Lauf, bei dem er die "falsche" Verpflegung dabeihatte und einen Stopp im Gebüsch einlegen musste. Von einem Wettkampf, den er mit gebrochenem großen Zeh finishte. Von einer Wadenverhärtung, die ihn zur Aufgabe zwang. Und von einem Berg-Ultra, den er nur dank der Hilfe von Konkurrenten beendete.

Auf dem Rückweg auf der anderen Kanalseite ist der Schnee teilweise geräumt. Teilweise schmilzt er. Die Schritte fallen leichter, aber das Auftreten ist härter. Ein kurzes Stück laufen wir auf der Straße. Ein Auto schleudert eine Ladung Schneematsch auf uns. Florian schaut erst sich und dann mich an. "Geil!", ruft er und tänzelt vom glitschigen Asphalt zurück auf den schneebedeckten Gehsteig.

Zweieinhalb Stunden laufen und lachen

Mit dieser Freude spult Troeger zwischen 70 und 100 Kilometer pro Woche ab. Nicht, weil er einem Trainingsplan folgt. Nicht, weil er Kalorien verbrauchen und abnehmen will. Sondern einfach, weil es ihm Spaß macht. "Wenn ich mit meinen Leuten unterwegs bin, lachen wir manchmal zweieinhalb Stunden am Stück", erzählt der 40-Jährige. Erst seit dem zweiten Lockdown greift er für längere Strecken auf Musik im Ohr zurück. Wer keinen Laufpartner und alleine keine Lust habe, solle sich bei Portalen anmelden. Die virtuelle Gemeinschaft motiviere enorm.

Wir erreichen Forchheim. Meine Knochen und Muskeln machen sich bemerkbar. Troeger, der mitten in der Corona-Krise mit einem Freund einen Vertrieb von Dichtungen gründete, ist langsam warm. Aufs Frühstück hat er verzichtet. "Erst vergessen, dann war es zu spät", sagt Florian. Ungeübten empfiehlt er aber etwa 1,5 Stunden vor dem Start einen kohlenhydratreichen Snack. Um seinen enormen Verbrauch zu kompensieren, nimmt er täglich Magnesium zu sich: "Theoretisch kann man das mit normaler Nahrung, aber so geht es leichter", erklärt er.

Zeit fürs Nachher-Selfie. Mein Kopf glüht nicht. Das Handy kann ich selbst halten. Die Glücksgefühle überwiegen die Schmerzen. Diese Rechnung stellt Troeger für einen gelungenen Lauf auf. Muskelkater spüre ich auch zwei Tage später nicht. Und selbst wenn, Florian sieht das völlig entspannt: "Das ist positiver Schmerz und eine schöne Erinnerung an eine tolle Tour."

Florian Troeger: vom Fußballer zum Ultraläufer

Mit Anfang 20 wechselte Florian Troeger vom Fußball zum Bergsteigen. Die bei längeren Touren in großen Höhen nötige Kondition holte er sich beim Laufen. Ein Freistart führte ihn zum Marathon in München, "aber nach 42 Kilometern war ich nicht platt", sagt der 40-Jährige. Also wurde er "Ultra". Die 167 Kilometer und 11 500 Höhenmeter beim SwissPeaks absolvierte er im vergangenen Jahr in knapp 38 Stunden als 28. und bester Deutscher. "Zwischenzeitlich hatte ich Halluzinationen", berichtet der Forchheimer. Nur 143 der 313 Starter kamen ins Ziel. Mehr auf Instagram:

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Allgemeinarzt Dr. Manfred Lüll rät: Nicht bei unter minus zehn Grad laufen!

Kälte, Dunkelheit, glatter Untergrund - der Winter hält viele Ausreden bereit, wenn es ums Joggen geht. Allgemeinarzt Dr. Manfred Lüll aus Forchheim, der Ballsport betreibt und viel aktiv ist, gibt den Schweinehunde-Haltern teilweise Recht und beantwortete folgende Fragen.

Gibt es eine Temperatur, ab der man nicht draußen laufen gehen sollte?

Ab fünf Grad unter Null wird es aus meiner Sicht für Ungeübte bedenklich, ab minus zehn rate ich davon ab. Man sollte auf jeden Fall Geschwindigkeit und Distanz anpassen. Eine Faustformel ist: Durch die Nase ein-, durch den Mund ausatmen, weil durch den Mund mehr kalte Luft schneller in die Bronchien gerät. Wenn ich mit dieser Atemtechnik Probleme kriege, bin ich entweder zu schnell oder es ist einfach zu kalt.

Inzwischen hat wohl jeder FFP2-Masken. Kann ich damit bei Frost mein Gesicht bedecken?

Das würde ich nicht tun. Diese Masken verringern die Versorgung mit Sauerstoff. Bei einer normalen Stoffmaske kommt zwar mehr Luft durch, dafür besteht da die Gefahr, Partikel zu inhalieren, die sich in der Maske verfangen, zum Beispiel Barthaare.

Wie kleide ich mich am besten?

Ich würde mich so anziehen, dass ich beim Loslaufen leicht fröstele, dann müsste es nach wenigen Minuten angenehm warm sein. Allerdings empfehle ich, sich vorher im Wohnzimmer kurz aufzuwärmen. Wichtig sind die Füße: Kalte Füße verschlechtern die Durchblutung im ganzen Körper, das macht einen anfälliger für eine Erkältung. Entscheidend ist auch das Verhalten nach dem Sport: Nicht in der Kälte stehen bleiben, Zugluft unbedingt vermeiden, nach dem Duschen schnell abtrocknen und ins Warme begeben.

Schnee und Eis erhöhen das Sturzrisiko. Kann ich trotzdem guten Gewissens loslaufen?

Wenn es schneit, taut und wieder schneit, lauern echte Stolperfallen. Auch Waldwege mit ihren Einkerbungen sind tückisch. Am besten sucht man sich geräumte Straßen. Eine Alternative ist Nordic Walking, die Stöcke geben Halt. Bei den aktuellen Verhältnissen würde ich auf keinen Fall im Dunkeln laufen. Wer es nicht vermeiden kann, für den ist eine Stirnlampe bei Dunkelheit Pflicht.