Selbst anderthalb Jahre nach der Revolte von Saison-Arbeitern mit körperlichen Angriffen gegen ihren Arbeitgeber weiß der Spargelbauer, der deshalb sogar ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, nicht, wie es dazu kommen konnte. Gestern stand einer der Saisonarbeiter, der den Landwirt damals übel zugerichtet hatte, vor Gericht.

Warum die Spargelstecher nach sechswöchiger Tätigkeit "von einem Tag auf den anderen" die Arbeit verweigerten und ihren Lohn forderten, ist dem Spargelbauern bis heute ein Rätsel. Hatten die Arbeiter Angst, dass ihnen der Lohn vorenthalten werden würde? So zumindest stellte es der Angeklagte dar.

Der Anwalt des Arbeitgebers, Rechtsanwalt Stefan Kohler, der Zeuge der Tat war, bestätigte vor Gericht:"Ich habe das schon drei Mal erlebt, dass rumänische Arbeiter nach vier Wochen genug verdient hatten und zurück in die Heimat wollen."


Korrekt Buch geführt

Der Kläger versicherte, dass jeder der Arbeiter zu jedem Zeitpunkt einen Überblick hatte, wieviel Geld ihm zustand. Der Landwirt hatte einen Verwahrungsvertrag für den Lohn mit seinen Mitarbeitern geschlossen.

"Die Leute haben kein Konto, weder zuhause in Rumänien noch hier", weiß der Landwirt. Damit das Geld nicht verloren gehen kann oder gestohlen wird, bewahrt der Arbeitgeber das Geld üblicherweise bis zur Abreise bei sich auf. Diese Verträge seien den Mitarbeitern schriftlich vorgelegen, auf deutsch und rumänisch.

Auch Vorschuss-Zahlungen seien unbürokratisch gehandhabt worden. "Die Leute haben gesagt, wieviel Geld sie haben wollen, das haben sie dann ausgehändigt bekommen." Eine Beschränkung habe es nie gegeben.


Einfach aufbegehrt

Dass die Mitglieder der Arbeitskolonne aufbegehrten, weil ihnen die Unterkunft zu teuer war, schließt der Spargelbauer ebenfalls aus. "Die haben drei Euro für die Übernachtung auf unserem Hof bezahlt. Das ist nicht unverschämt", so der Bauer. Die Verpflegung lag in den Händen der Erntehelfer, die oft gemeinsam gekocht hätten.

Um Unstimmigkeiten auszuschließen, kontrollierte er die Stundenzettel der Spargelstecher wöchentlich. "Nach acht Wochen, so wie das früher gehandhabt wurde, kann sich keiner mehr erinnern, wer wann wie lange auf dem Feld gearbeitet hat", so der Landwirt. Deshalb habe er auf einen wöchentlichen Abgleich der Datenumgestellt. Da differierten die Aufzeichnungen höchsten um eine halbe Stunde. "Kein Grund für einen Aufstand", so der Spargelbauer, dessen Saison-Arbeitskräfte geschlossen die Arbeit niedergelegt hatten.


Des Hofes verwiesen

"Selbst das wäre noch nicht das große Problem gewesen", findet der Spargelbauer, der den Rumänen frei gestellt hatte, die Arbeit nach der Frühstückspause wieder aufzunehmen oder nicht. Allerdings habe er keinen Zweifel daran gelassen, dass jeder, der nicht mehr weiter arbeiten wollen, den Hof verlassen müsse. "Ich entscheide, wer Gast auf meinem Hof ist, oder nicht", unterstreicht der Landwirt, der diese Ankündigung via Dolmetscher klar gemacht habe.

Darauf wollten sich die "Rebellen" aber nicht einlassen. Erst als er ihnen ein Alternativquartier in Gosberg angeboten habe, seien sie dorthin umgezogen.


Aufgebrachte Menge

Am nächsten Tag habe er den Leuten ihren Lohn ausbezahlen wollen. "Ich kam an mit 19 000 Euro in Couverts verpackt für 14 Mitarbeiter und stand einer aufgebrachten Menge gegenüber, die an die Fenster des Autos hämmerten, auf die Motorhaube trommelten und am Wagen rüttelten", schildert der Arbeitgeber seine Situation. Daraufhin habe er die Polizei zu Hilfe gerufen. Er habe die Original-Abrechnungen auf die Motorhaube gelegt und Kopien an die Mitarbeiter verteilen wollen. Stattdessen sei die Situation immer weiter eskaliert.

Der Landwirt fürchtete, dass ihm die Erntehelfer das Geld abnehmen würden. Deshalb übergab er den Betrag siner Freundin, die es zu der Polizeiwache fahren sollte. Dort hätten es die Arbeitnehmer später abholen sollen.


Spargelbauer flüchtete

Der Arbeitgeber indes gab Fersengeld. Nach einem Kilometer hatten die Leiharbeiter zu ihm aufgeschlossen. Dann wurde der Landwirt "von hinten zu Fall gebracht".Und es setzte eine ordentliche Tracht Prügel. Mehrere Rumänen traten auf den Spargelbauern ein.

Diesen Tathergang bestätigte vor Gericht ein Erlanger Polizist, der gerade auf dem Heimweg war, als er die Verfolgungsjagd beobachtete: "Ich habe am Anfang gedacht, dass es eine Jugendfreizeit ist. Erst als die Verfolger den Mann zu Fall brachten und auf ihn einschlugen, realisierte ich, was da passiert."

Der Angeklagte schilderte eine andere Version, wonach der Inhaber des Spargelfeldes über einen Straßengraben gesprungen und gestolpert sei. Er habe mit den Attacken auf den Landwirt nichts zu tun gehabt; vielmehr habe er sich um eine Arbeiterin gekümmert, die durch einen Ellenbogenstoß bewusstlos gewesen sei. In den Einlassungen des Klägers vermutete der Angeklagte einen Komplott.


Erdrückende Beweislage

Diese Geschichte glaubten ihn allerdings weder Richterin Silke Schneider noch Staatsanwalt Stephan Schäl. "Sie sollten noch mal nachdenken, ob Sie bei diesen Tathergang bleiben wollen", ermahnte ihn der Staatsanwalt. "Aufgrund der Verletzungen und der Aussage der Zeugen kann Ihre Geschichte ausgeschlossen werden", machte Richterin Schneider deutlich.
Nach reiflicher Bedenkzeit bekannte sich der Angeklagte schuldig. "Ich werde meine Strafe annehmen und es tut mir sehr leid."

Das Strafmaß für die eingeräumte Körperverletzung liegt bei mindestens sechs Monaten Freiheitsentzug. Für den Angeklagten sprach aber, dass er nicht vorbestraft ist.
" Eine etwaige Freiheitsstrafe, die zur Bewährung auszusetzen wäre, würde er kaum merken, meinte Staatsanwalt Stephan Schäl. Er plädierte dafür, den Angeklagten zu einer Zahlung von 200 Tagessätze zu je sieben Euro zu verurteilen. Dieser Einlassung folgte Richterin Schneider, was in Anbetracht dessen monatlichen Einkommens von 200 Euro eine erhebliche Summe darstellt.