Bis 1954 musste Kommerzienrat Ignaz Bings Familie vom Ausland aus prozessieren, um eine Entschädigung für die unrechtmäßige Enteignung der Binghöhle durch die Nazis zu bekommen. Zahlreiche seiner Nachkommen starben durch die Hände der Nazis.
Diese Aspekte werden in einem zweiten Teil unserer Miniserie beleuchtet. Die Streitberger Tropfsteinhöhle zieht seit über 100 Jahren Touristen aus nah und fern an. Ihre Entdeckung und Entschließung durch den Nürnberger Unternehmer Ignaz Bing (1840-1918) ist in vielen Publikationen dokumentiert und beschrieben worden. Weniger bekannt ist, wie die Schauhöhle in der Zeit des Naziterrors in den Besitz der Gemeinde Streitberg gekommen war.
Dieser Frage ist die Heimatforscherin Renate Illmann nachgegangen. Unter dem Titel "Die "Arisierung" der Binghöhle (Fränkische Schweiz) im Spiegel der Archivalien 1932-1938" hat sie 2015 Dokumente zusammengetragen, die sie im Staatsarchiv Bamberg, im Gemeindearchiv Wiesenttal und im Höhlenkataster Fränkische Alb fand. Sie zeigen, mit welchen Methoden und Maßnahmen die örtlichen nationalsozialistischen "Machthaber eine legal aussehende Herausgabe des Besitzes" durchsetzten, noch bevor von Berlin aus die Enteignung der Juden organisiert wurde.


Rückforderung

Nach Ende des Dritten Reichs forderten die überlebenden Bing-Erben vom Ausland aus über ihre Rechtsanwälte eine Entschädigung oder die Rückgabe ihres Eigentums. Die amerikanische Besatzungsmacht stellte die Streitberger Höhle - wie sie noch bis Anfang der 50er Jahre hieß - unter Kontrolle des Landesamts für Vermögensverwaltung und Wiedergutmachung und übergab die Finanzverwaltung einem Treuhänder.
Mit dem Militärregierungsgesetz Nr. 59 zur "Rückerstattung feststellbarer Vermögensgegenstände an Opfer der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaßnahmen" begann zwischen der Gemeinde und den Bing-Nachfahren ein Rechtsstreit, der sich bis 1954 hinzog. In einer eigens zu diesem Thema einberufenen Bürgerversammlung sagte Bürgermeister Hans Gebhard im Januar 1949: Die Gemeinde habe "beim Erwerb der Höhle nicht aus unedlen Motiven gehandelt, sondern es sei im Interesse der Allgemeinheit versucht worden, das einzigartige Höhlenwunder arm und reich restlos zugängig zu machen. ... Der Erwerb der Höhle sei kein politisches Geschäft, sondern der Ausfluß moralischer Verpflichtung gewesen."


Anstrich von Legalität

Und ein Jahr später wieder in einer "öffentlichen Bürgerversammlung" zu diesem Thema betonte Kraus, "daß die Transaktion völlig legal abgewickelt wurde, weder Zwang noch Gewalttätigkeiten angewendet wurden".
1950 übernahm die Gemeinde zwar wieder die Verwaltung der Höhle, aber juristisch entschieden wurde der Rechtsstreit erst durch einen Vergleich im Mai 1954. Gegen eine zusätzliche Zahlung in Höhe von 45 000 DM an die Erben ging die Binghöhle in das Eigentum der Gemeinde Streitberg gegenüber.


Verfolgung der Bing-Familie

1903 verlieh die Gemeinde Streitberg Ignaz Bing wegen seiner großen Verdienste um den Ort die Ehrenbürgerwürde. Auf ihn ging nicht nur die Erschließung der nach ihm benannten Höhle zurück.
Er stiftete in der Mitte des Orts den Brunnen, den Prinz-Rupprecht-Pavillon, der Volksschule die Bücherei und der Feuerwehr eine Spritze. Zu Weihnachten lud er die Kinder der Gemeinde zu sich in die Villa Marie ein und bescherte sie mit Geschenken.
Das alles zählte nicht, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Ignaz Bing starb 1918, so dass er die antisemitische Hetze nicht mehr erlebte. Umso mehr aber litten seine Nachfahren unter dem Hass von Hitlers Rassefanatikern.
Rudolf Benario (1908-1933), Enkel von Ignaz Bing, legte im Wintersemester 1929/30 an der Universität Erlangen sein Examen als Diplom-Volkswirt ab. Im Januar 1930 nahm er als Vertreter der Fraktion "Freiheitliche Studenten" an einer Sitzung des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) teil. Seine Anwesenheit veranlasste die Mitglieder des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB), geschlossen die Sitzung zu verlassen und sie platzen zu lassen.
Wegen seiner politischen Aktivitäten bei den Jungsozialisten und in der KPD wurde Benario unmittelbar nach Hitlers Machtübernahme am 10. März 1933 verhaftet. Schon einen Tag nach seiner Einlieferung ins KZ Dachau wurde er zusammen mit drei anderen jungen Männern am 12. April 1933 von drei SS-Wachtposten ermordet, die heute namentlich bekannt sind. Offiziell hieß es aber, er sei "auf der Flucht erschossen" worden.


Nazi-Hetze

Bei den Verhandlungen über die Arisierung der Binghöhle hob Regierungsamtmann Heinz Wirsching in einem Schreiben an die Ansbacher Regierung hervor, dass Marie Benario, eine der fünf Erben, die Mutter des bei einem Fluchtversuch in Dachau erschossenen "kommunistischer Studentenführers" sei.
Wirsching drängte auch schon ab 1934 darauf, die Bing-Villa in Streitberg zu beschlagnahmen, um die Verhandlungen über die Binghöhle zu beschleunigen. Mit Hilfe ihres Rechtsanwalts gelang es den Erben, sie privat zu verkaufen. Nach einer Meldung im Wiesent-Boten, ging die "Villa des früheren Kommerzienrates Bing im Verkaufswege von dessen Erben" für 22 000 Reichsmark im November 1935 an eine ortsansässige "Gasthofsbesitzerwitwe".


Viele Bing-Nachkommen starben durch das Terrorregime
Nach Auskunft der Polizei lebten 1934 alle Bing-Erben in Deutschland. Das änderte sich erst, als 1938 Rudolf Benarios Eltern zunächst die Staatsbürgerschaft entzogen und sie zwei Jahre später ausgebürgert wurden. Sie mussten nach Nizza emigrieren und überlebten in völliger Armut den Krieg.

Rudolfs Vater Leo Benario, von Beruf Zeitungswissenschaftler, starb dort 1947. Seine Mutter übersiedelte danach zu ihrer Tochter Irene, verheiratete Nahon, und starb in den 50er Jahren.

Eine weitere Enkelin Bings - Gertrud Babette Hirschmann, geboren 1900 - kam 1931 in die Heil- und Pflegeanstalt Erlangen, wurde im September 1940 über München in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Alkoven in Oberösterreich gebracht und dort in der Gaskammer ermordet. Auch ihr Vater Heinrich Hirsch Hirschmann, verheiratet mit der ältesten Tochter Ignaz Bings und Teilhaber der Firma, fiel der nationalsozialistischen Vernichtung zum Opfer. Der 79-Jährige und seine 66-jährige Schwägerin Frieda Brüll, geborene Bing, wurden zusammen mit 531 weiteren alten Juden am 10. September 1942 von Nürnberg aus ins KZ Theresienstadt deportiert. Heinrich Hirschmann wurde dort am 12. März 1943 und Frieda Brüll am 29. September 1942 in Treblinka ermordet.

Mit Friedas Tochter Dora Brüll, geboren 1899, verlor Ignaz Bing sein drittes Enkelkind. Dora Brüll wurde am 20. Oktober 1942 in Riga von den Nationalsozialisten ermordet. Ihr Sohn Otto Philipp Brüll kam mit 37 Jahre am 2. September 1942 in Auschwitz ums Leben.

Ignaz Bing, Ehrenbürger und Mäzen von Streitberg, Kommerzienrat und hochdekorierter bayerischer Unternehmer, verlor durch den nationalsozialistischen Holocaust eine Tochter, einen Schwiegersohn, drei Enkelkinder und einen Urenkel.