Isabel Thoß und Linda Wurzer wollten vergangene Woche im schneebedeckten Stadtpark Schlittenfahren, als ihnen an der Festungsmauer unweit der Sattlertorstraße ein verletzter Vogel auffiel. "Die Taube hockte da und ließ die Flügel hängen", erinnert sich Isabel. Den beiden zwölfjährigen Freundinnen war sofort klar, dass das kleine gefiederte Tier Hilfe benötigt. Während Isabel nach Hause rannte, um einen Karton zu holen, ließ Linda den Vogel nicht aus den Augen. "Da waren ganz viele Leute, die haben die Taube einfach ignoriert", sagt Linda. Die tierliebenden Teenies retteten dem verletzten Vogel das Leben.

Die Mädchen wohnen beide unweit des Stadtparks. Linda und ihre Mutter fuhren die verwundete Stadttaube, behütet im Karton, zu einem Forchheimer Tierarzt. Der Veterinär ist bereit, dem Wildvogel kostenfrei zu helfen und stellt auf dem Röntgenbild fest: Die Taube hatte nicht nur den Flügel gebrochen - in der Brust des Tieres steckt ein Geschoss. Ein unbekannter Taubenhasser hat den Vogel offensichtlich mit einem Luftgewehr abgeschossen. "Wir waren wütend, weil wir nicht verstehen können, warum man auf Tiere schießt", sagt Isabel. "Das muss in der Nähe passiert sein, weil die Taube ja nicht mehr fliegen konnte", fügt Linda hinzu.

Zunächst schlug der Tierarzt vor, die Taube einzuschläfern, weil sie aufgrund der Verletzungen nie wieder in die Lüfte steigen werden kann. Aber die beiden Mädchen aus Forchheim protestierten dagegen. "Auch Tauben, die nicht fliegen können, können glücklich werden!", sagt Isabel, die selbst Wachteln als Haustiere in Forchheim hat. Gerne hätten die beiden Freundinnen die Taube aufgepäppelt, weil ihnen aber das "Know-how" fehlt, machten sie sich auf die Suche nach Wildtierhelfern.

Über das Soziale Netzwerk Facebook knüpften die Mütter der Mädchen Kontakt mit einer Gruppe für Wildvögel-Notfälle. Noch am selben Abend brachten sie das verletzte Tier zu Nicole Hanschmann nach Eltersdorf, die ehrenamtlich Wildvögel aufpäppelt. Normalerweise pflegt sie vor allem Spatzen oder Amseln, aber die fränkische Wildvogelexpertin betont: Auch Tauben sind schützenswert.

Stadttaube besser als ihr Ruf

Die Stadttaube liegt aktuell im Rennen um den "Vogel des Jahres 2021" ganz vorne. Am Montag startete die erste öffentliche Wahl, die der Naturschutzbund Deutschland und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern organisieren. "Ich möchte zwar nicht ausschließen, dass hier Spaßvögel die Jahresvogelaktion gekapert haben", sagt Wolfgang Fiedler, Präsident der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft der Nachrichtenagentur dpa. Trotzdem könne er der Stadttaube viele interessante Aspekte abgewinnen.

"Das Problem ist, dass viele Leute noch falsche Vorurteile über Tauben haben, wenn sie sie zum Beispiel als Ratten der Lüfte bezeichnen", findet Vogelexpertin Hanschmann. Stadttauben seien verwilderte Brieftauben oder Hochzeitstauben, aber dennoch Wildvögel "wie jeder andere." In Erlangen gebe es bereits betreute Taubenschläge.

Die Stadtvögel würden keine Krankheiten verbreiten. Auch der verhasste Tauben-Kot sei vor allem "aggressiv", wenn es sich um "Hungerkot" handle. "Gerade jetzt durch den Lockdown leiden die Tauben sehr, weil sie nichts zu fressen finden", betont die Wildvogelhelferin aus Eltersdorf. "Ich habe absoluten Respekt vor den Mädchen, die nicht einfach weggeschaut haben, wenn ein Vogel leidet", lobt Hanschmann.

Sobald die Entzündung am Flügel der verletzten Taube abheilt, soll das Geschoss operativ entfernt werden. Nachdem Hanschmann den Vogel anschließend aufgepäppelt hat, soll er ein Zuhause im "Ein Haus für Stefan B." finden, einem Nürnberger Verein, der sich um Stadttauben und Wildtiere kümmert. Die Forchheimer Taube wird zwar nie wieder fliegen können, aber in einer Voliere in Nürnberg weiterleben.

"Tiere sind Tiere. Wir wollen, dass die Taube glücklich wird und überlebt", betont Linda Thoß. Mit ihrer Rettungsaktion wollen die Mädchen eine Botschaft senden: "Bitte Forchheimer, achtet auf die Tiere. Es sind auch nur Lebewesen. Die ein Recht auf Leben haben!"

"Vogel des Jahres 2021"

Im Rennen sind zehn Vogelarten: Stadttaube, Rotkehlchen, Amsel, Feldlerche, Goldregenpfeifer, Blaumeise, Eisvogel, Haussperling, Kiebitz und Rauchschwalbe. Die Art, die bis 19. März die meisten Stimmen erhält, wird "Vogel des Jahres 2021". Die Seite www.vogeldesjahres.de ist seit Montag freigeschaltet.