Wenn die Familie alleine war, saßen acht Mann um den Küchentisch. Doch alleine war die Familie Gundelfinger selten. Die "Sieber", wie der Hausname lautet, waren immer ein Haus voller Menschen unterschiedlicher Nationen und Kultur.

So war die Gaststätte der Gundelfingers nicht nur Kinosaal, sondern am Sonntagvormittag dann auch der Raum für den katholischen Gottesdienst. "Ich erinnere mich noch, dass die Luftschlangen vom Faschingsball bis in die Gebetsbücher hingen", sagt Bürgermeister Hans-Jürgen Nekolla (SPD) lachend. Er hätte sonst nach Weißenohe in die Kirche laufen müssen. Die katholische Kirche in Gräfenberg wurde erst 1965 eingeweiht.


Die ersten Griechen kamen

Da war das Haus der "Sieber" längst schon erweitert worden und die ersten Gastarbeiter fanden hier ihre erste Bleibe. "Zu den ersten Gastarbeitern gehörten Anfang der 60er Jahre Griechen. Eine davon, Elefteria, wurde meine Nachbarin", erzählt Jochen Gundelfinger. Ihm gehört nun das Haus, das um 1500 gebaut wurde.

An- und umgebaut wurde über alle Generationen hinweg. 1841 erbte der Siebmacher Johann Friedrich Gundelfinger das Haus von seinem Schwiegervater Johann Friedrich Müller und übte dort sein Handwerk aus. Der Hausname "Sieber" hat sich seit dieser Zeit gehalten.


Über 20 Gaststätten

1953 erhielt Jochen Gundelfingers Vater Hans das Haus und baute ans Gasthaus an. Zu der Zeit gab es über 20 Gaststätten in Gräfenberg. Die heute 98-jährige Lina Gundelfinger denkt noch immer an diese Zeit, war es doch eine Zeit, in der kaum Gäste kamen. Doch Lina und Hans Gundelfinger investierten, kauften die erste Musikbox und anlässlich der Fußball-WM 1954 auch den ersten Fernseher weit und breit. "Bereits morgens um 8 Uhr hatten die ersten Gäste einen Platz reserviert, um abends bei der WM in erster Reihe am Bildschirm mitfiebern zu können", weiß Jochen Gundelfinger aus Erzählungen.

Die Investitionen waren vor allem auch wegen der Geselligkeit lohnenswert. Das Leben der Stadt spielte sich bei den Gundelfingers ab. Da war die Gaststätte, die Metzgerei mit Gundelfingers Hausmacher-Stadtwurst, die Mittagessen, die für die Firma AEG-Telefunken geliefert wurden, das Kino und vor allem die Kegelbahnen. Schon 1928 hatte Jochen Gundelfingers Großvater die Viehställe aufgestockt und die Kegelbahn eingebaut. Sie liegt noch heute im Keller der Familie.


Legendäre Faschingsbälle

Legendär sind die Faschingsveranstaltungen, die Tanzabende, aber auch das Tischtennistraining in dem großen Gebäude. Anfang der 1970er Jahre kamen dann die ersten Türken in Gräfenberg an. "Ich war damals zehn Jahre alt. Eine Familie Karakas zog ein. Sie hatten zwei Kinder in meinem Alter, Erdal und Berrin. Berrin hat mal für kurze Zeit das Gräfenberger Sportheim gepachtet", erinnert sich Gundelfinger, der noch immer Kontakt zu den Geschwistern hat.


Viel Arbeit

Der Alltag war einerseits durch das gesellschaftliche Leben geprägt, andererseits durch viel Arbeit. "Heute bekomme ich so viele freie Tage nacheinander geschenkt. Damals hätte ich mich schon über einen einzigen freien Tag im Jahr gefreut", erzählt Lina Gundelfinger, die im Seniorenheim in Neunkirchen am Brand lebt.


Brand 1966

Hilfe ist bei den Gundelfingers groß geschrieben worden. Als eine Gräfenberger Familie ihre Unterkunft verlor, durfte sie kostenlos bei Gundelfingers wohnen. Mit 365 Tagen Öffnungszeit pro Jahr, weder Urlaub noch Ruhetag, lässt sich das Leben hinter den Mauern in der Bahnhofstraße 30 zusammenfassen, bis ein Brand am Kirchweihsonntag 1966 das rege Arbeitsleben und somit auch das gesellschaftliche Leben in Gräfenberg gestoppt hat.

Die Gaststätte wurde verkleinert, die Krankenkasse AOK war dort dann 50 Jahre lang mit ihren Büroräumen Ansprechpartner vor Ort. Auch das Arbeitsamt war in Gräfenberg. Nicht nur Jochen Gundelfinger kann sich an die Bauarbeiter erinnern, die im Winter zum Stempeln ins Arbeitsamt gingen, also sich für Arbeitslosengeld meldeten. Ein Vertrauensarzt hatte in dem einst großen Saal einen Behandlungsraum und entschied dort, ob die Arbeiter nach einer längeren Erkrankung wieder arbeitsfähig waren. Und nicht wenige Gräfenberger lernten in der Fahrschule ihre Theorie.


Derzeit Atelier

Doch diese Zeiten sind vorbei. Derzeit sind die Räume als Künstleratelier, an eine Ärztin und an eine Rechtsanwältin vermietet. Neben den Ferienwohnungen und Gundelfingers Wohnung hat eine sechsköpfige Familie aus Syrien ein neues Heim gefunden. Dennoch ist eines gleich geblieben: Das Haus der "Sieber" ist noch immer ein Haus voller Leben und Kultur.