Munter spielen die Kinder im Gruppenraum des Gerhardinger Kinderhauses in Forchheim, zumindest bis einem der Schützlinge plötzlich die Nase läuft. Was die Erzieher in so einem Fall zu tun haben, ist von der bayerischen Staatsregierung vorgegeben:

"Wir müssen die Kinder nach Hause schicken. Der Rahmen-Hygieneplan ist unsere Grundlage, wir dürfen nur symptomfreie Kinder aufnehmen. Wir haben da im Moment keinen Spielraum zum Handeln", erklärt Monika Kaiser, Leiterin des Kinderhauses.

Tropfnasen füllen Arztpraxen

Der Rahmen-Hygieneplan des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sieht den "Ausschluss von Kindern, die Symptome einer akut, übertragbaren Krankheit aufweisen" vor. Zu diesen Symptomen zählen neben Fieber, Husten und Atemnot auch Schnupfen.

Das Problem: "Ein Kind hat pro Jahr sechs bis acht banale Infekte der oberen Atemwege", erklärt Bernward Hinkes, Kinderarzt aus Forchheim. Allergien nicht eingerechnet.

Seit Wiederöffnung der Kinderbetreuungen sind die Wartezimmer der Ärzte voll von Kindern mit Triefnase. Denn dauert der Schnupfen länger als drei Tage, muss der Einrichtung ein Attest vorgelegt werden.

Zeit für die ernsthaften Fälle fehle

"Die aktuelle Situation in meiner Praxis ist dramatisch. Kinder mit einfachen fieberhaften Infekten sitzen im Wartezimmer oder stehen aufgrund der Hygienebestimmungen bis ins Treppenhaus. Die normalen Patienten plus die sogenannten Rotznasenkinder, dafür reichen die Räumlichkeiten nicht aus", erzählt Kinderarzt M atthias Peisler.

Teilweise würden Einrichtungen Gesundschreibungen verlangen, damit die Kinder wieder in den Unterricht zurück dürfen, berichtet Kinderarzt Manfred Singer. "Diese Atteste sind für Eltern kostenpflichtig, da sie von der Krankenkasse nicht übernommen werden. Das ist für die Eltern doppelt ärgerlich, da sie mit einem gesunden Kind nochmals in die Praxis kommen müssen und dafür auch noch bezahlen sollen."

Durch diese Mehrbelastung werde Singers Sprechstunde für dringend notwendige Vorsorgen blockiert, die bereits aufgrund des Corona-Stillstands verschoben werden mussten.

Corona-Tests nicht immer sinnvoll

Kinderarzt Thorsten Fröhlich stellt daher keine Gesundschreibungen mehr aus. "Das schaffen wir zeitlich nicht und es macht medizinisch keinen Sinn."

"Wir können eigentlich nicht jedes Kind auf Corona testen und daher auch kein Kind gesundschreiben, wenn es eben Schnupfen hat. Wir sind also fast gezwungen, einen Abstich zu machen", fügt Fröhlichs Kollege Hinkes hinzu.

In ihrer Gemeinschaftspraxis werde deswegen aktuell sehr viel auf das Coronavirus getestet, so Hinkes. Aus Platzgründen müssten die Abstriche draußen vor der Praxis stattfinden.

Er verstehe prinzipiell die Vorsicht, aber "von den Kindern, die ich wegen Corona behandelt habe, sind die Erkrankungen nicht sehr schwer verlaufen. Aber natürlich gibt es immer Ausnahmen vom Normalfall."

Winter bringt Dauerschnupfen

Sollte es keine Anpassung der sogenannten "Rotznasenverordnung" bis nach den Sommerferien geben, befürchten die Forchheimer Kinderärzte durch die beginnende Schnupfenzeit eine enorme Mehrbelastung.

"Denn fast alle Kinder im Alter von eins bis etwa sechs haben in der Winterzeit dauerhaft eine Rotznase", erklärt Singer. Er befürchtet daher, dass im Winter circa zwei Drittel der Kindergartenkinder und ein Drittel der Schulkinder längere Zeit daheim bleiben müssten.

Doch hinter den Kulissen werde aktuell stark um eine realistische Umsetzbarkeit des "Rotznasenerlasses" gerungen, verrät Hinkes. "Alle Beteiligten, Kinderärzte, Betreuungen und Politiker arbeiten an einer Änderung. Die Situation ist neu. Wir alle müssen uns erst darauf einstellen, aber man sieht ja, dass dieser Rotznasenerlass in einigen Bundesländern schon wieder zurückgenommen wurde."

Der Beginn der Schnupfenmonate trifft allerdings mit der Rückkehr vieler Familien aus dem Sommerurlaub überein. Daher wäre zwar eine politische Leitlinie, aber vor allem auch eine flexiblere Entscheidungsfreiheit aller Beteiligten notwendig, die sich am Infektionsgeschehen des individuellen Landkreises orientiere, so Hinkes.

Betroffene berichten

Monika Kaiser, Leiterin des Gerhardinger Kinderhaus: "Wir mussten einige Kinder heimschicken, weil ihnen die Nase läuft oder sie husten. Wenn ein Kind zum Beispiel mit dem Rad kommt und wegen dem Fahrtwind die Nase läuft, dann warten wir natürlich ab, wird es aber nicht besser, müssen wir zuhause anrufen. Ich kann die Eltern verstehen, viele der Kolleginnen sind auch Eltern und müssen die eigenen Kinder abholen. Außerdem können auch Kollegen Rotznasen werden, die daheim bleiben müssen. Aber wir haben hier die Verantwortung für 124 Kinder und ich kann nicht medizinisch beurteilen, weshalb die Nase läuft,ob das nur Schnupfen oder doch etwas anderes ist. Wir haben in der Sache keinen Handlungsspielraum."

Sabine Dörfler, Mutter aus Bammersdorf: "Letzte Woche musste ich meine Kleine wegen einem Hautausschlag aus dem Kindergarten abholen. Sie hat Neurodermitis und das weiß der Kindergarten. Trotzdem musste ich ein Attest für fünf Euro bringen, dass es sich bei dem Ausschlag wirklich um Neurodermitis handelt. Ich hoffe, dass ich das nicht bei jedem Schub machen muss, denn das kriegt sie immer, wenn sie ACE-Saft trinkt. Im Moment bin ich noch in Elternzeit, da kann ich die Kinder zumindest kurzfristig abholen, doch ab September arbeite ich dann in der Logistik und mein Mann ist auf der Baustelle. Da ist sowas wie Home Office nicht möglich. Zur Not muss ich meine Kinder mit auf die Arbeit nehmen."

Nadine Steeger, Mutter aus Muggendorf: "Aktuell habe ich alle drei Kinder wegen Schnupfen zuhause. Ich arbeite im Schichtdienst bei Siemens. Zum Glück ist mein Arbeitgeber verständnisvoll, aber ich habe nicht viele Überstunden, die ich aufbrauchen könnte. Die Ferien brauche ich dafür, wenn die Kinder Ferien haben. Und die Kinderkranktage sind schnell aufgebraucht. Ich mache mir Sorgen, weil während des Home Schoolings haben die Kinder zuhause zumindest noch Unterricht gehabt, aber jetzt geht der Unterricht in der Schule mit ein paar Kindern weiter und andere sitzen mit laufender Nase daheim. Wenn meine Kleine ab September in die Schule kommt, frage ich mich schon, wie soll sie lesen und schreiben lernen?"

Aktuelle Informationen rund um die Entwicklungen gibt es hier: Kitas in Bayern: So soll es weitergehen