"Wir wollen schwimmen" - das steht auf einem selbstgemalten Plakat geschrieben und spricht den vielen Kindern und Erwachsenen gerade bei den hochsommerlichen Temperaturen aus dem Herzen. Die Leute sind vor dem Rathaus, nicht in anderen Freibädern, um das Wetter auszukosten.

Sie stehen am Marktplatz mit Schildern in der Hand, kämpfen für ihr Freibad und wollen den Stadtrat vor Sitzungsbeginn ein deutliches Zeichen geben. "Jetzt ist nicht die Zeit für Absichtserklärungen. Es ist die Zeit für Entscheidungen. Die brauchen wir heute, wenn wir noch in diesem Jahr baden wollen. Wir sind bereit, morgen den ersten Spatenstich zu machen", ruft Andreas Hofmann, Vorsitzender des Fördervereins für das Freibad. Applaus und Trommelwirbel von den Demonstranten und Freibadfreunden folgen seinem Appell.
Ein Planschbecken, in dem eine schwarze Ente über den Beckenrand lugt, steht vor dem Rathaus. "Sollen wir hier schwimmen lernen?", fragt sich wohl nicht nur dieses aufgeblasene Tier. "3000 Unterschriften sind hier drin", erklärt Eken Gürkan und blättert in dem Ordner, zeigt auf die Ausformulierungen der Lehrer auf den Unterschriftenblätter.

Badetage haben die Schulen eingeplant, gingen immer ins Freibad mit ihren Klassen. Jeder ist gespannt, wie der Stadtrat entscheiden wird. Musik spielt, einige Demonstranten klopfen Trommeln.
Die Kinder halten Schwimmnudeln in der Hand, stellen sich in einem Reigen auf, den die Stadträte durchschreiten müssen, um ins Rathaus in den Sitzungssaal zu kommen. "Es geht um alles oder nichts. Wir haben unser Herzensanliegen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gestellt", sagt Hofmann.


Ladungsmangel sorgt für Chaos

Das Herzensanliegen ist das Freibad, das kurz vor Beginn der Badesaison vom Gesundheitsamt geschlossen wurde. Auch Bürgermeister Hans-Jürgen Nekolla hat sich lange vor Sitzungsbeginn auf dem Marktplatz zu den Gräfenberger Bürgern gesellt. Auch er kämpft für den Erhalt des Freibads. Auch er weiß, dass die Entscheidung des Stadtrats in den nächsten Stunden die Weichen stellen wird.

Ausgerechnet an diesem Tag gab es eine verspätete Postzustellung bei den Sitzungseinladungen. "Ladungsmangel" nennt sich das. Der kann geheilt werden, wenn alle Stadtratsmitglieder an der Beratung und dem Beschluss teilnehmen und den Mangel niemand rügt. Das erklärte Nekolla im Sitzungssaal. Die Stühle sind alle von den Freibadfreunden besetzt.

Kinder sind dabei, halten ihr selbstgemaltes und mit Freibadbildern beklebtes Plakat in die Höhe. "Was sollen wir in den Ferien machen?", fragen sie und warten, ob alle Stadträte kommen. Die Freie-Wähler-Stadträtin Krause fehlt. Nicht zu glauben für die Freibadfreunde. Für einen Moment ist alles wie erstarrt. Muss die Sitzung abgeblasen und die Entscheidung vertagt werden? Weitere kostbare Wochen würden verstreichen.
Die Stadträte versuchen ihre Kollegin telefonisch zu erreichen. Schließlich fahren sie zu ihr nach Hause, holen sie ab. Sie war kurzfristig verhindert, muss aber vor dem Stadtrat sagen, dass sie verhindert ist und den Ladungsmangel nicht rügt.

40 Minuten verstreichen. Auch die Demonstranten auf dem Marktplatz warten, harren aus und jubeln schließlich, als die Stadträtin kommt. Die Entscheidung wird fallen, das ist nun klar.


Räten wagen ersten Sanierungsschritt
Alternativlos ist der Begriff der großen Politik, den niemand nennen wollte. Trotzdem war es das Wort, das die meisten Stadträte nannten, denn die Entscheidung, die Zwischenlösung als ersten Sanierungsschritt anzugehen, war alternativlos.
Diese Zwischenlösung sei nicht DIN-gerecht und es gibt keine Gewähr, mit der Ausführung dieser ersten Sanierungsmaßnahme die Erlaubnis des Gesundheitsamtes zu erhalten.
Trotzdem zeigte sich Bürgermeister Hans-Jürgen Nekolla (SPD) zuversichtlich. "Ich bin optimistisch, dass wir die Wasserqualität hinkriegen und ich bin optimistisch, dass dieser mutige Schritt anerkannt wird." Mit den Vorschlägen der Fachfirma für Wassertechnik Grünbeck werde man eine deutlich bessere Hydraulik erhalten.
Die Stadt geht in Vorleistung - ohne Gewähr. Die Maßnahme würde 88 117,89 Euro kosten. 50 000 Euro hat die Stadt im Haushalt geplant, auch vom vergangenen Jahr sind noch Reserven eingestellt. Der Förderverein würde seine finanziellen Ressourcen in die Waagschale werfen. "Es geht nicht nur um diese Badesaison, sondern auch weiter", sagte Nekolla.
Viele Vorfahren der jetzigen Einwohner von Gräfenberg nahmen vor 78 Jahren Pickel und Schaufel in die Hand, um das Bad in Eigenregie zu bauen.
Nun ist die fehlende Wasseraufbereitung das Problem. Eine kleine Umwälzpumpe, kleine Dosier- und Regeleinheiten, eine kleine Hydraulik sind der Ist-Zustand des Bades. Vor allem die Tri Halogen Methan Werte (THM) passten bei der Prüfung nicht. Nun sollen zwei große Filterpatronen und eine Beflockungsanlage eingebracht werden, um das THM herauszufiltern.
Um eine Vorstellung von dem Wagnis zu haben, erläuterte ein Verantwortlicher der Fachfirma technische Details. Das große Becken müsste eine Umwälzleistung von 450 Kubikmeter pro Stunde erreichen. Das sei selbst in der Theorie nicht machbar, meinte der Vertreter der Firma. Aber es gebe einen DIN-Sonderfall - den Nachbetrieb.


Bedenken wegen der Kosten

Das Bad könne die Pumpe drosseln und eine DIN-mäßige Notversorgung von 140 Kubikmeter einstellen. Mit zwei großen Filteranlagen könne das erreicht werden. Der Vorteil: Die Filtration könne in der Generalsanierung integriert werden.

Ob es sich bei diesem Sanierungsschritt um eine Pionierleistung handelt, wollte Werner Wolf (FW) wissen. Der Firmenfachmann meinte: Ohne Planung, ohne Zeit, dafür mit Trommeln und Demonstrationen, das habe man noch nie gehabt. Aber es sei machbar, die Technik beherrschbar.

Alternativlos ist der Schritt für Matthias Striebich (Grüne), der seine Ratskollegen ermutigte, das Risiko einzugehen. Alternativlos findet auch Hans Derbfuß (CSU) die Zustimmung, wenn man das Bad erhalten wolle. Er dankte und lobte das ehrenamtliche Engagement des Fördervereins für den Erhalt des Bades.
Bedenken hatte die Zweite Bürgermeisterin Sylvia Hofmann (FW) diesen Schritt zu gehen, bevor man wisse, ob sich die Stadt eine Generalsanierung leisten könne. Wie teuer diese käme, wollte sie wissen. Mit einer halben Million wurde die Generalsanierung beziffert.

Doch diese stehe nun nicht zur Debatte. Lars Laufer (CSU) konterte: "Hätte das Gesundheitsamt den Hammer nicht fallen lassen, hätten wir uns nächstes Jahr nicht bewegt. Wenn wir das Bad wollen, müssen wir nun den ersten Schritt erhalten."

Der Stadtrat beschloss den ersten Sanierungsschritt als Zwischenlösung, wohlwissend, dass keine DIN-gerechte Aufbereitung installiert wird, so der Beschlussvorschlag. Alle Stadträte stimmten zu. "Wir haben es geschafft", freute sich ein Mädchen aus den Zuschauerreihen und hielt ihr Plakat fest. map