Es ging einfach nicht mehr. Bei steigenden Ausgaben wurde die Gewinnspanne für den Kunreuther Apotheker Manfred Wiedekind immer kleiner. Vor zwei Jahren hat der jetzt 65-Jährige die Kuno-Apotheke für immer geschlossen. Interessenten, die das Geschäft übernehmen wollten, hat er die Kassenbücher gezeigt. "Ich hätte meinem eigenen Sohn abgeraten, hier weiterzumachen" schildert Wiedekind die Situation.

Verantwortlich dafür seien die veränderten Rahmenbedingungen. "Aber das ist politisch so gewollt", meint der gelernte Bio chemiker, der auf Umwegen zur Pharmazie kam. "Es war ein schöner Beruf", blickt Wiedekind zurück, der die Apotheke in Kunreuth 1982 übernommen hatte.

Heute sind die größten Schreckgespenster für Christian Bleile, den Forchheimer Sprecher des Apothekerverbandes, die Retaxierung und die nicht geregelte Vergütung des Nachtdienstes. "Themen, die wohl auch den Bayerischen Apothekertag beherrschen werden, der an diesem Wochenende in Bamberg stattfindet", vermutet Christian Bleile.

"Wir verbringen eine Unmenge von Zeit damit, die Rezepte zu kontrollieren. Mehrmals. Bei der kleinsten Unstimmigkeit weigert sich nämlich die Kasse zu zahlen", erklärt der Inhaber der Forchheimer West-Apotheke.
Hatte der Arzt früher auf dem Rezept das Kästchen "aut item" angekreuzt, konnte der Apotheker noch auswählen, ob er dem Patienten das auf dem Rezept verordnete Arzneimittel oder eines der drei günstigsten wirkstoffgleichen Mittel (Generika) aushändigte. Die gleiche Packungsgröße und Wirkungsstärke vorausgesetzt.

Rabattverträge entscheiden

"Diese Zeiten sind vorbei. Wir müssen genau das Medikament herausgeben, mit dessen Hersteller die Krankenkasse des Kunden einen Rabattvertrag geschlossen hat. Bei 260 Krankenkassen wird die Sache unübersichtlich. Theoretisch müssten wir jedes Medikament jeder Firma in jeder Größe vorrätig haben. Ein Unding", findet Bleile.
So ist das Medikamentenmanagement eine der großen Herausforderungen der Apotheken. Bleile: "Einer unserer Fahrer lebt quasi im Auto. Der fährt mehr als 200 000 Kilometer pro Jahr, um die gewünschte Medizin in wenigen Stunden zu besorgen. Wie sich die Preise zusammensetzen, wird selbst für uns immer undurchschaubarer. Schlichtweg nicht nachvollziehbar."

Sein Fazit: Mit den verschreibungspflichtigen Medikamenten allein sei eine Apotheke betriebswirtschaftlich nicht lebensfähig. Für Manfred Wiedekind war das ein Grund, die Reißleine zu ziehen. "Die Apotheke wurde immer mehr zum Gemischtwarenladen", bedauert Wiedekind. "Angesichts der Rahmenbedingungen ist ein Apotheker gezwungen, dem Kunden Dinge aufzuschwatzen, die er nicht unbedingt braucht. So etwas ist mir zuwider", betont Wiedkind, der nach über 30 Jahren als Apotheker aufgehört hat.

Der Anfang vom Ende

"Obwohl die Sache ganz einfach wäre", sinniert er: "Man muss den Menschen nur ein Defizit nahe legen und schon sind sie bereit zu kaufen." Aber das verträgt sich nicht mit dem Ethos, das Wiedkind von einem Apotheker hat. Und: Gesünder als gesund geht nicht.

"Für mich ist eine Apotheke eine soziale Einrichtung." Als da eine marktwirtschaftliche Komponente hinzukam, sei das der Anfang vom Ende gewesen.

"Mit der prozentualen Taxe, die jeder Apotheker bis 2002 auf jedes Medikament bekam, konnten wir leben", blickt der Kunreuther Apotheker zurück. Dann wurden Festbeträge pro Packung eingeführt."Die waren damals hoch genug, um existieren zu können." Nun aber seien diese Beträge von der wirtschaftlichen Prosperität abgekoppelt worden. Das führe zur Selbstausbeutung, sind sich beide Apotheker sicher.

Zunehmender Bürokratismus

Hinzu komme ein Zertifizierungswahn, mit erheblichen finanziellen Folgen, die allein der Apotheker tragen muss, will er konkurrenzfähig bleiben. "Diese Dinge werden von den Kassen gefordert", schildert Christian Bleile, der ebenfalls über zunehmenden Bürokratismus klagt.

Für Unmut sorgt auch die Entlohnung für den Nachtdienst. Pro Medikament, das verabreicht wird, gibt es 2,50 Euro. "Gerade in ländlichen Gegenden liegt der Erlös unter dem, von Gewerkschaften angestrebten Mindestlohn. "Meine Frau betreibt zusammen mit einer Kollegin die Apotheke in Muggendorf." Mehr als zehn, maximal 20 Euro kämen da im Durchschnitt pro Nacht nicht zusammen. Und die 2,50 Euro sind eine "Kann-Regelung." Bei frei verkäuflichen Pharmazieprodukten bezahlt die Kasse ohnehin nicht. Der Apotheker kann den Kunden zur Kasse bitten, muss aber nicht.

Verschärft werde die Situation durch den Notdienst, den nun die Ärzte am Forchheimer Klinikum garantieren. "Wenn die Leute schon in der Stadt sind, holen sie sich das Medikament hier. Die Apotheker auf dem Land stehen sich die Füße in den Bauch", fürchtet Bleile. Wie der Kollege in Kunreuth sagt auch der Sprecher der Forchheimer Apotheker: "Wenn die Politiker nicht zur Vernunft kommen, wird das Apothekensterben weitergehen." Bleile weiß von 40 Apotheken in Oberfranken, die im letzten Jahr dicht gemacht haben.Tendenz steigend.

Generika aus dem Ausland

Kritisch steht Bleile auch der Vielzahl der verordneten Nachahmerprodukte (Generika) gegenüber. Dies schwäche den Forschungsstandort Deutschland. Wiedekind belegt das mit einem Beispiel.

Ein Patient in Mittelehrenbach hatte sich abends die Tablette, die er am nächsten Morgen einnehmen sollte, zurecht gelegt. Statt titanweiß, war sie aber schwarz. Eine Nachforschung, die Wiedkind anstrebte, ergab, dass der vom indischen Hersteller beauftragte Subunternehmer in der Mongolei Bleiweiß verwendet hatte. "In der Menge für den Patienten nicht gesundheitsschädigend aber für den Produzenten gewinnfördernd."