Krisen haben auch ihre positiven Seiten. In Herzogenaurach hat sich, nachdem durch die rasante Ausbreitung des Coronavirus' bayernweit viele Geschäfte geschlossen wurden, eine beispielhafte Unterstützungsaktion für die Einzelhändler entwickelt.

Bis Gründonnerstag waren schon an die 20 000 Euro zusammengekommen - Geld, das den Einzelhändlern direkt übergeben werden konnte. Ein stattlicher Betrag also, mit dem die Initiatoren in dieser Höhe nicht gerechnet hatten. Und am heutigen Ostersamstag dürfte noch einiges hinzukommen.

Auf die Idee sind Gaby Richter, die ehemalige Leiterin der Herzogenauracher Tafel, und ihr Bruder Jürgen Rattmann gekommen. Der betreibt das "Café Handgebäck" in der Erlanger Straße, wo die Beiden einen Verkaufstisch aufgestellt haben. Inzwischen haben sich der Aktion 26 Einzelhändler, vorwiegend aus der Innenstadt, angeschlossen. Für die Läden, die jetzt geschlossen haben müssen, kann man Gutscheine kaufen. Das Geld bekommen die Geschäftsleute sofort, die Gutscheine können nach dem Ende des Lockdowns eingelöst werden. Nachgefragt wurden bisher Summen zwischen fünf und fünfhundert Euro, sagt Jürgen Rattmann.

Liefern mit Maske und Fahrrad

Christina Grübler betreibt einen kleinen Modeladen in der Hauptstraße. Sie zeigt sich überwältigt von dieser "genialen" Idee zu helfen. "Es ist eine super Aktion", sagt sie, "total gut organisiert". Und: "Ich hab am Donnerstag gleich zehn neue Gutscheine hingebracht". Immerhin habe sie mit dem Geld ihre Miete zahlen können.

Die Inhaberin des "Red Corner" ist aber während der Schließzeit nicht untätig - sie liefert nach Wunsch aus. Wie am Donnerstagnachmittag, als wir sie telefonisch erreichen. Mit Fahrrad und Schutzmaske brachte sie ein T-Shirt in die Romstraße auf der Herzo Base.

Zur gleichen Zeit war auch Theresia Hauke unterwegs. Die Inhaberin von "Männermoden Horbaschek" lieferte eine Jeans und ein Hemd zu einem Stammkunden nach Veitsbronn aus. Doch über die Runden komme man damit nicht, ohne das Geld aus der Gutscheinaktion würde es schwierig.

Auch Theresia Hauke hat großes Lob für die Initiatoren. Die Herzogenauracher Geschwister seien mit die ersten gewesen, die diese Idee hatten. Inzwischen gebe es überall schon viele solcher Aktionen. Die Unternehmerin freut sich, dass ihre Stammkunden rege davon Gebrauch machen. Das sehe sie an den Gutscheinen, 18 seien für ihren Laden schon verkauft worden.

Sie legt viel Wert auf diese Kundenbindung. Ein Handelsvertreter habe ihr mal gesagt, "die Zukunft hat der sympathische Laden vor Ort". Das können die Initiatoren bestätigen. So sei das Interesse der Bürger an der Gutscheinaktion durchaus firmenabhängig. Freilich würden vor allem die Läden profitieren, die auch zu "normalen" Zeiten stark frequentiert seien, sagt Jürgen Rattmann.

Auch Ellwanger-Chef Thomas Kotzer findet die Aktion "total gut". Für die Geschäftsleute sei damit keine zusätzliche Arbeit verbunden, dank des Engagements der Initiatoren: "Die machen das mit einem großen Aufwand für uns."

Viele Gespräche mit Bürgern

Kotzer hat seit dem Lockdown viele Gespräche geführt. Er habe den Eindruck, die Leute seien sensibler geworden für den Einzelhandel am Ort. "Die wollen, dass es mit den kleinen Geschäften weitergeht." Von solchen Reaktionen berichtet auch Gaby Richter. So bekomme sie oft zu hören: "Ich geh wieder mehr zum Bäcker und Metzger". Ihr Bruder bestätigt das. Der Verkauf an der Ladentheke in seiner Bäckerei sei um ein Drittel gestiegen. Die Schließung des Cafés könne das freilich nicht ausgleichen. Dort habe er dreimal am Tag Gäste bewirtet, bis zu einhundert am Tag. "Ich habe 50 bis 60 Prozent weniger Umsatz". Auch weil ihm zurzeit die Lieferungen an die Kantinen der beiden Herzogenauracher Sportartikler wegbrechen.

Auch Elke Bollmann, die aktuelle Leiterin der Herzogenauracher Tafel, hat dieser Tage einen Gutschein gekauft, zur Unterstützung der Läden und aus Dankbarkeit. Denn die Tafel profitiere ebenfalls von der großen Spendenbereitschaft der Bevölkerung. Auch die Kirchen sammeln Geld für die Einrichtung. Und es gibt eine Aktion, die die Turnerschaft und der FC gestartet haben. Dort kann mit Gutscheinen Essen abgeholt werden. Damit könne sie ihren Kunden an Ostern auch mal was Besonderes bieten, sagt Bollmann. Bedarf an Lebensmitteln besteht reichlich: "Wir unterstützen in Herzogenaurach monatlich rund 750 Personen aus 255 Haushalten."

Weitere Teilnehmer willkommen

Die Gutscheinaktion läuft weiter. "Es ist kein geschlossener Fond", sagt Rattmann. "Jeder kann noch aufspringen." Gutscheine können zu den Öffnungszeiten des Café Handgebäck erworben werden, auch an den Osterfeiertagen von 7 bis 13 Uhr. Vielleicht braucht ja noch jemand ein kurzfristiges Geschenk. So wie Joachim Schroff. "Wir unterstützen die Aktion seit Anfang an", sagte er. Seine Frau und er hätten schon mehrere Gutscheine gekauft und bestellen zudem Essen bei den hiesigen Gastronomen. Jetzt hat er nochmal einen Gutschein gekauft. "Der ist für meine Frau, zu Ostern." Also Martina, diesen Bericht bitte erst am Ostersonntag lesen.

Kritik an der Regelung: Unfair verteilt

Bei aller Freude über den großen Erfolg der Gutscheinaktion - besser wäre es für die Läden, wenn sie wieder öffnen dürften. Die Ungeduld wächst, und Verständnis für die jetzige Regelung hat nicht mehr jeder.

Gaby Richter verweist darauf, dass Lebensmittelmärkte und auch die Drogeriemärkten öffnen dürften, andere Läden für Materialien des täglichen Bedarfs aber nicht. "Die Märkte verkaufen deren Sortiment aber auch", sagt die Herzogenauracherin und spricht damit konkret Schreibwaren an. Aber auch Spielsachen oder Kleidung fielen darunter. "Die einen dürfen öffnen, die andere n nicht" - für Gaby Richter ist das "ein bisschen unfair". Man sollte nur noch Lebensmittel und Hygiene zulassen, wenn schon Auswahlen sein müssten. "Das wäre eine klare Ansage". Auch könnte der Staat die Not etwas lindern, wenn er den Geschäftsleuten wenigstens die Soforthilfe umgehend ausbezahlen würde.

Schreib- und Spielwaren Ellwanger ist einer der von Richter genannten Betroffenen. "Ich werde immer wieder darauf angesprochen", sagt Inhaber Thomas Kotzer. "Die Leute verstehen das auch nicht, dass ich nicht öffnen darf." Kotzer kann die Beschränkungen zwar durchaus nachvollziehen. Er würde sich aber wünschen, dass alle gleich behandelt werden.

Zinslose Kleinkredite

Neben der Gutscheinaktion hat Handgebäck-Chef Jürgen Rattmann noch ein weiteres Angebot. Er könne den Kontakt zu einem Privatmann herstellen, sagt er. Der habe nämlich angeboten, akut bedrohten Läden mit zinslosen Kleinkrediten zu helfen. Denn viele warten, wie Rattmann selbst auch, noch immer darauf, dass die Soforthilfe endlich ausbezahlt werde.