Die Handballerinnen der Turnerschaft Herzogenaurach haben sich vor 500 begeisterten Zuschauern in der Gymnasiumhalle zum bayerischen Meister gekürt.Ein historischer Triumph, denn während es in den vergangenen 35 Jahren zwei Jugendteams der TSH geschafft haben, den Thron zu besteigen, muss man in den Geschichtsbüchern der Senioren schon viel weiter zurückblättern. Für die Frauen jedenfalls war es der größte Erfolg seit dem Aufstieg in die Bayernliga im Jahr 2010.
"Das war ein tolles Event. Allein der Blick von der Auswechselbank auf die volle Tribüne war Gold wert", schwärmt Mannschaftsführerin Lena Mergner. "Ich habe schon einige Final-Four-Turniere mitgemacht, aber dieses war etwas Besonderes. Die Veranstaltung war top organisiert. Es war toll zu sehen, wie der Verein zusammengerückt ist, wie sich die einzelnen Teams eingebracht haben und wie auch die Stadt das Ganze mitgetragen hat", berichtet die Kreisläuferin, die den Pokal über Nacht mit nach Hause genommen hat.


Eine kleine Überraschung

Ausgiebig gefeiert wurde der Titelgewinn noch nicht, was aber einen einfachen Grund hat. "Die Spiele waren so anstrengend, dass wir einfach nur froh waren, auf die Couch zu kommen. Außerdem mussten wir am Montag ja wieder auf die Arbeit." Aber es sei toll, sich für die intensive Trainingsarbeit auf diese Art belohnen zu können.
"Der Pokalgewinn ist ein schöner Zwischenerfolg in einer Saison, in der wir bis zum Schluss oben mitspielen wollen", betont Mergner, für die das gute Abschneiden des Teams eine kleine Überraschung ist. "Wir sind je eine relativ neu zusammengewürfelte Mannschaft, aber die Mischung aus Erfahrung, Jugend und Teamgeist passt einfach. Außerdem sind wir heuer breit aufgestellt und haben die nötige Qualität, um Ausfälle zu kompensieren", sagt die 30-Jährige.
Im besten Fall beflügelt der Gewinn des Molten-Cups die TSH für die kommenden Aufgaben zusätzlich - einen Effekt hat er aber auf jeden Fall. Die Herzogenauracherinnen haben sich für die erste Runde des DHB-Pokals qualifiziert, in der dann ein echter Handball-Hochkaräter in der Sportstadt zu Gast sein könnte.


Halbfinale 1:TS Herzogenaurach - HCD Gröbenzell II 35:21

Das Halbfinale war ein klare Sache - sollte man meinen. Doch die knappe 14:12-Führung zur Pause ließ erkennen, welche Mühe die TSH rund 30 Minuten mit dem Tabellenführer der Bezirksoberliga Alpenvorland hatte. Dies lag an der beachtlichen Qualität der Gäste, die mit ihrer vorbildlichen 3-2-1 Abwehr die TSH zunächst überhaupt nicht ins Spiel kommen ließen und auf die guten Instinkte einer starken Torfrau bauen konnten. Zudem leistete sich Herzogenaurach einige Nachlässigkeiten in der Abwehr und ließ im Gegenstoß die übliche Kaltschnäuzigkeit vermissen. So bedurfte es für lange Zeit der Einzelaktionen von Erdmann oder Mittelheisser und extrem wichtiger Tore vom Kreis, wo sich Lena Mergner nach schönen Zuspielen durchzusetzen verstand. Selbst die wortgewaltige, aber stets faire Unterstützung von Hallensprecher Alfred Weiß, die sofort auf die rund 200 Zuschauer übersprang, schien zunächst eher die Gäste zu beflügeln.
In der Halbzeitpause fand TSH-Coach Hans-Jürgen Kästl dann aber die richtigen Worte, nach Wiederanpfiff zeigte sein Team all das , was es in den vergangenen Monaten so stark gemacht hatte: den Gegner mit konsequenter Abwehrarbeit und unnachgiebiger Laufbereitschaft mürbe machen. Jetzt wurde auch der Klassenunterschied erkennbar, Gröbenzell fiel in wenigen Minuten in sich zusammen. Angeführt von Sarah Stephan brach die TSH mit unerbittlichem Tempohandball den letzten Widerstand des Gegners. Dass die eingewechselte Torfrau Michaela Müller auch noch zwei Strafwürfe meisterte, war zu viel für das junge HCD-Team, welches phasenweise stärker gewirkt hatte, als so mancher Bayernligist.


Halbfinale 2: ASV Dachau - Dietmannsried/Altusried 34:23

Im zweiten Halbfinale wurde der ASV Dachau seiner Favoritenrolle erst nach der Halbzeit gerecht. Bis dahin war das ersatzgeschwächte Team der HSG Dietmannsried/Altusried ein absolut gleichwertiger Gegner und lag nach 30 Spielminuten nur 15:16 zurück. Dann jedoch erhöhte der ASV die Schlagzahl und mit ihrem Tempospiel demoralisierten sie den Gegner zunehmend. Am Ende lautete es 34:23 für den ASV.


Endspiel: ASV Dachau - TS Herzogenaurach 20:29

Wer gedacht hatte, die längere Verschnaufpause würde der TSH im Final in die Karten spielen, wurde eines Besseren belehrt. Wie schon beim Liga-Duell vor acht Wochen an selber Stelle agierte der ASV mit einer äußerst kompakten Abwehr, gut strukturierten Positionsangriffen und konnte auf Kreisläuferin Spatz zählen, die die TSH ein ums andere Mal in Verlegenheit brachte. Zwar blieb Herzogenaurach stets mit ein, zwei Toren in Front, doch Dachau ließ sich - gestützt auf eine aggressive 6-0-Abwehr - nicht abschütteln und spannte die nun rund 500 Zuschauer lange auf die Folter.
Wie hilfreich, dass es Hallensprecher Alfred Weiß gerade in dieser Phase gelang, das sonst meist "defensive" Herzogenauracher Handballpublikum restlos aus der Reserve zu locken. Er und die Zuschauer sorgten so für eine prächtige Atmosphäre und wurden zu einem fairen "achten Mann". Der 13:11-Halbzeitstand war kein angenehmes Ruhekissen, zu giftig hatten sich die körperlich an und für sich unterlegenen ASVlerinnen in den Gegner verbissen.
Das enge Beieinander hielt noch weitere 20 Minuten an, dann jedoch kam die entscheidende Phase, welche von TSH- Torfrau Martina Ebersberger ausgelöst wurde: Zunächst meisterte sie einen Strafwurf, danach rettete sie innerhalb von zwei Minuten gleich dreimal derart spektakulär gegen frei positionierte Dachauerinnen, dass diese fast verzweifelten. Zumal das Kästl-Team alle Aktionen der Torfrau postwendend mit Gegenstoßtoren abschloss. Daraufhin erlahmte der Widerstand der Oberbayerinnen, und Herzogenaurach musste nicht mehr mühsam um jeden Treffer kämpfen. Ab der 50. Minute gelangen herrliche Spielzüge, und es war für die große Anhängerschar der TSH eine Freude, das Tun der Protagonisten live zu verfolgen.


Moral und Kondition

Klar, die TSH hatte einen leichten Vorteil mit der längeren Spielpause und Dachau hatte nur zwei Wechselspielerinnen an Bord. Trotzdem gebührt dem neuen bayerischen Pokalsieger ein riesiges Kompliment - auch für den inneren Zusammenhalt und die gezeigte Spielfreude. Die Herzogenauracherinnen hatten schon in den vergangenen Wochen und Monaten so manches Spiel über tolle Moral und Kondition für sich entschieden.
Hier aber - an diesem einen Tag ging es um alles oder nichts - schafften sie es in beiden Begegnungen, die anfängliche Nervosität in den Griff zu bekommen, was viel Zuversicht für den Meisterschaftsendspurt geben sollte. Den wird Torfrau Annika Bernhardt nicht mehr miterleben, denn sie ist nach München umgezogen. Aus einem tollen Kollektiv tat sich im Finale die junge Laura Wedrich hervor, welche dem Druck gewachsen war und alle sechs Siebenmeterwürfe souverän verwandelte.