Ein bisschen stolz ist Siemens auf diesen Kunden schon. Der Internetriese Amazon hat bei dem Technologiekonzern 65 Windturbinen und 67 Transformatoren bestellt. Noch größer ist die Freude allerdings über einen anderen Deal. Aus Ägypten hat der Konzern den "größten Einzelauftrag für Siemens aller Zeiten" erhalten.


Energiehunger steigt rasant


Der Vertrag mit Ägypten hat ein Volumen von rund acht Milliarden Euro. Siemens soll den Ausbau der Energieerzeugung um mehr als 50 Prozent im Vergleich zur aktuell installierten Kapazität in dem Land am Nil erhöhen. In Erlangen freuen sich die Siemensianer besonders über den Auftrag zum Bau von drei Gaskraftwerken für das energiehungrige Land. Damit will Ägypten den steigenden Strombedarf der rasch wachsenden Bevölkerung decken. "Der Auftrag verschafft uns Luft und sorgt im Bereich Power und Gas in den nächsten zwei Jahren für Beschäftigung", sagt Hans-Jürgen Hartung, Vorsitzender des Betriebsrats bei Siemens in Erlangen-Süd.

Die spannende Frage sei freilich, ob der Markt für Gaskraftwerke nach diesem Super-Auftrag weiterhin funktioniere. "Jetzt hilft uns Ägypten, das aktuelle Tal zu überbrücken", sagt Hartung. Danach könne die Zukunft aber erneut unsicher werden. Siemens-Chef Joe Kaeser hatte erst im Mai mit Verweis auf das schwierige Stromerzeugungsgeschäft angekündigt, rund 2200 Stellen in diesem Bereich bundesweit abbauen zu wollen.


Denkfabrik Erlangen


Durch die Energiewende sei der Markt für große Gaskraftwerke in Europa eingebrochen, hieß es zur Begründung. Insgesamt, so Hartung, gestalte sich das Geschäft mit der fossilen Energieerzeugung für Siemens derzeit schwierig. Rund 50 Stellen seien von diesem Geschäftsfeld am Standort Erlangen direkt betroffen, schätzt er. Erlangen gilt mit seinen zahlreichen Ingenieuren als Denkfabrik im Gegensatz zu den zahlreichen Produktions- und Fertigungsstätten des Konzerns in Deutschland und der Welt.

Neben den Gaskraftwerken soll Siemens auch 600 Windräder in Ägypten bauen. Das Geschäft mit dem Wind hat allerdings fast keine direkte Auswirkungen auf die Situation der Siemens-Beschäftigen in Erlangen und Nürnberg. Das liegt daran, dass der Konzern erst durch eine Übernahme in das Geschäft mit den drehenden Rotorblättern eingestiegen ist.


Saft fürs Rechenzentrum


Nach dem Kauft des dänischen Windkraftanlagen-Bauers "Bonus" hat Siemens die Wind-Sparte derzeit an der Küste in Hamburg konzentriert. Trotzdem ist auch in Franken offensichtlich die Freude groß. "Alles, was für Siemens gut ist, ist auch gut für uns in Erlangen", sagt Hartung. Aber noch größer sei die Freude über den Auftrag aus Ägypten in Franken, gibt der Betriebsrat offen zu.

Für weitere positive Schlagzeilen sorgte kürzlich ein prominenter Auftrag aus Amerika. Siemens soll sauberen Strom für das Rechenzentrum des Internet-Versandhändlers Amazon in den USA liefern. Die Anlage soll im US-Bundesstaat Indiana rund 100 Meilen nördlich von Chicago errichtet werden. Bereits im Juli sollen die ersten Mühlen gebaut werden. In einem Jahr soll der Windpark dann Saft für die vielen Computer im Rechenzentrum des Internetgiganten liefern.

Amerikanische Technologie-Unternehmen wie Amazon wollen ihren steigenden Energiebedarf verstärkt mit sauberem Wind-Strom decken. Amazon hatte sich erst Ende vergangenen Jahres dazu verpflichtet, seine weltweiten Rechenzentren vollständig aus erneuerbaren Energiequellen zu versorgen.

Rotorblätter vom Mississippi


Gebaut werden die Windräder allerdings nicht in Franken. In US-Bundesstaat Iowa werden beispielsweise die Rotorblätter mit einem Durchmesser von 108 Metern hergestellt. Auch die Transformatoren entstehen in einem amerikanischen Siemens-Werk im Süden der Vereinigten Staaten in Jackson unweit des berühmten Flusses Mississippi.

Neben dem Know-how und der Technik liefert Siemens sogar noch das passende Kleingeld. Mit 150 Millionen US-Dollar unterstützt die Finanzsparte des Konzerns die Finanzierung des Amazon-Projekts in Indiana. Ohne diese flankierende Maßnahme hätte der Konzern den Auftrag kaum an Land ziehen können, ist sich das Unternehmen sicher.

Trotz dieser positiven Meldungen sei die ganz große Euphorie bei den Siemensianern noch nicht ausgebrochen, betont Hartung. "Die Verunsicherung hält weiterhin an." Auch der neue Siemens-Chef Kaeser habe noch nicht für Ruhe im Konzern sorgen können. Die Kernfrage laute weiterhin, wie und wo Siemens zukünftig ausreichende Gewinne erwirtschaften kann.

Am Dienstag hat die IG Metall mit einem bundesweiten Aktionstag gegen die Streichung von Arbeitsplätzen bei Siemens protestiert. Auch in Erlangen hatte die Gewerkschaft zu Betriebsversammlungen eingeladen.