Wut und Verzweiflung waren am Mittwochnachmittag unter den geschätzten 200 Familienangehörigen förmlich zu spüren, als sie vor den Schaeffler-Werkstoren in Höchstadt für den Erhalt der Arbeitsplätze ihrer Väter, Mütter und Kinder demonstrierten.

Einer Frau treibt die nackte Existenzangst Tränen in die Augen. Ihr 57-jähriger Mann und zwei Söhne arbeiten in der Sparte Industrie, die die Konzernleitung von Höchstadt nach Schweinfurt verlagern will. 450 Stellen sollen am Standort Höchstadt abgebaut werden. Die Frau fürchtet, dass ihre Söhne, die noch nicht lange in der Firma sind, entlassen werden. Ob ihr Mann weiter beschäftigt wird?

Die Alten sind schon draußen

Diese Sorge macht sich eine weitere Demonstrantin auch um ihren Mann, der seit 30 Jahren bei Schaeffler arbeitet - und vor allem um ihre Tochter, die in der betroffenen Sparte erst im Februar ausgelernt hat. Viele Demonstranten fürchten, dass jetzt ihre Angehörigen dran sind, wurden in den vergangenen Jahren doch schon jede Menge Mitarbeiter in Höchstadt sozialverträglich abgebaut.

"Die ältere Generation ist doch schon draußen", ist ebenso zu hören wie "früher war Schaeffler ein Familienbetrieb, dafür stehen jetzt die Familien auf der Straße". Die Angehörigen haben kein Verständnis für den angekündigten Stellenabbau, "nur um mehr Gewinn zu erzielen". "Der einfache Arbeiter ist dem Unternehmen einfach zu teuer", sagt ein anderer Zaungast.

An vorderster Front kämpft in Höchstadt Betriebsratsvorsitzender Roland Holler. Für ihn wird der Standort Höchstadt "halbiert". Und Holler fürchtet gar, dass es diesen Schaeffler-Standort in acht Jahren nicht mehr geben wird. Holler: "Die Fixkosten fressen uns auf, leere Hallen bringen kein Geld."

Rund 1200 Beschäftigte kamen auf dem Werksgelände in Höchstadt zu einer Betriebsversammlung zusammen. Der Auftakt wurde medienwirksam inszeniert, indem ein Sarg mit einem Nadellager ins Werksgelände getragen wurde. Holler begrüßte die Mitarbeiter und kündigte an, um jeden einzelnen Arbeitsplatz zu kämpfen. Von der Firmenleitung sei er enttäuscht.

Von dem Abbau in Höchstadt sieht er auch viele Zulieferer im Umfeld betroffen. Derzeit sei man noch in der Informationsphase, "wir können noch keine Fragen beantworten, denn wir wissen nichts", sagte der Betriebsratsvorsitzende.

Landrat Alexander Tritthart (CSU) folgte natürlich der Einladung zur Betriebsversammlung, sei Schaeffler doch der größte Arbeitgeber im Landkreis. Die Zukunft der Mitarbeiter und des Unternehmens liege ihm am Herzen. Mit Sorge schaue er auf die vielen betroffenen Familien. In Corona-Zeiten sei diese Ankündigung ein Schlag ins Gesicht. Er stehe jederzeit für Gespräche zur Verfügung und helfe, wo er könne. Er sei auch Optimist und hoffe, "dass die Zukunft nicht so kommt wie angekündigt".

Schockiert von der Zahl der Arbeitsplätze, die mit der Sparte Industrie in Höchstadt verloren gehen, zeigte sich Bürgermeister Gerald Brehm (JL) in einer emotionalen Rede: "Es darf nicht sein, dass das der Anfang vom Ende des Standorts Höchstadt ist." Brehm erinnerte an die bisher immer beste Zusammenarbeit mit der Familie Schaeffler. Jetzt müsse man den Anfängen wehren, das Kapital der Firma seien die Mitarbeiter. Auch der Bürgermeister will sich bei der Familie Schaeffler für den Standort einsetzen

Profitabler Bereich

Für Martin Feder, Geschäftsführer der IG Metall Bamberg, entwickelt sich Schaeffler "zu einem Abwicklungskonzern für deutsche Arbeitnehmer". Ein Großteil der hier abgebauten Arbeitsplätze lande in Osteuropa, rief Feder der Höchstadter Belegschaft zu.

Er habe den Eindruck, nichts sei mehr sicher und es gehe nur noch um den Profit. Die Mitarbeiter hätten alles für den Konzern gegeben. Der Dank sei jetzt die Schließung der Industriesparte, eines hoch profitablen Bereichs, der schwarze Zahlen erwirtschafte.