Zu viel Armtraining, es war definitiv zu viel Armtraining. Steven Hoffmann verzieht das Gesicht und die Anstrengung ist erkennbar. Denn Steven Hoffmann macht das, was er seit gut zehn Jahren nicht mehr getan hat: Er ist gelaufen. Was sich wie eine unwirkliche Geschichte anhört, ist Realität geworden.
Aber mal ganz zurück zum Anfang. Im Jahr 2003 änderte sich für Steven das Leben von Grund auf. Im Herzogenauracher Freibad ist er gerutscht, irgendwie ganz blöd aufgekommen und hat sich so verletzt, dass er vom Halswirbel abwärts nicht mehr alles so kontrollieren konnte wie zuvor. Die Arme und Hände kann er bewegen, aber der Rollstuhl schien, bis vor Kurzem, ein ewiger Begleiter zu sein.
"Natürlich gibst Du die Hoffnung nie auf, dass da mal was kommt, was Dir hilft, aber nun ist es eben Wirklichkeit geworden." Steven Hoffmann spricht von einer Erfindung, die revolutionär für Rollstuhlfahrer sein soll. Re-Walk sei die Möglichkeit, dem Querschnittsgelähmten ein Stück Bewegungsfreiheit wiederzugeben, die verloren gegangen schien. Aufgefallen ist diese medizinische Neuerung dem Ergotherapeuten Jörg Jukart. Der ist schon seit einiger Zeit der Therapeut von Steven und dessen ebenfalls im Rollstuhl sitzenden Freund Sid Fechner aus Röttenbach.
Jukart betreut die beiden und ist auf Re-Walk auf einer Messe aufmerksam geworden. "Ich habe mich dort genau erkundigt und dachte, das sollte man unbedingt mal ausprobieren." Über den Zuschlag waren alle ein wenig erstaunt, da beide Kandidaten mit ihren Verletzungen keine "geeigneten Testpersonen" waren. Denn eine der Voraussetzungen, um mit Re-Walk umgehen zu können, ist eine gewisse Funktionalität des Oberkörpers.
Steve und Sid besitzen diese Agilität aber so gut wie gar nicht mehr. Fehlende Muskeln, fehlende Nervenverbindungen, würden es schwer machen, das System zu beherrschen - dachten die Verantwortlichen.
Umso überraschter waren sie, als beide beim ersten Versuch mit dem speziellen Anzug zurecht kamen. "Vielleicht liegt es daran, dass beide sportlich aktiv waren. Neben der Ergotherapie spielen sie beide Rollstuhl-Rugby, das könnte eine Rolle dafür spielen, dass sie recht kräftig sind", erklärt Jukart.
Der Anzug, das Gestell, das außenliegende Skelett - die Bezeichnungen für Re-Walk sind unterschiedlich - ermöglicht ein unabhängiges natürliches Gehen, publiziert der Hersteller. Das Geheimnis des Bewegungsapparates liegt dann aber in der Technik. Bewegungssensoren und Computer registrieren minimale Veränderungen in der Bewegung des Nutzers. In der Folge ist ein selbst eingeleitetes Gehen ohne Haltegurte und Schalter möglich.
Steven Hoffmann trägt das Produkt zum zweiten Mal. Beim ersten Mal hatte seine Mama Tränen in den Augen - sie begleitet ihren Sohn und gibt das auch unumwunden zu, dass sie begeistert ist. "Wenn er dran bleibt, und Steven beißt sich durch so etwas durch, dann ist das eine unglaubliche Chance." Er selber gibt auch zu, dass er überrascht ist. "Es klingt erst einmal so unwirklich" - wobei er die Hoffnung nie aufgegeben habe. "Ja, vor 40, vor 50 Jahren, wäre dies sicher anders gewesen, ich habe schon Glück, in der heutigen Zeit zu leben", vermittelt er den Umstand, dass er in einer Zeit lebt, in der technisch viel möglich ist und wird.
Den ersten Versuch beendet Steven nach etwa fünf Minuten - der Kreislauf spielt nicht mehr mit. Kein Wunder, bei einem 33-jährigen, der ein Jahrzehnt sitzend im Rollstuhl zugebracht hat. Nach zehn Minuten Pause geht es aber weiter. Sven Flöss, Mitarbeiter von Re-Walk, erzählt, dass das Anlegen des Anzuges nur in der Anfangsphase schwierig sei. Da werden die Haltebänder extra zurechtgeschnitten, die Einstellungen vorgenommen. "Wir haben einen Kunden, der hat 60 bis 70 Stunden bereits mit dem Gerät verbracht. Der zieht sich in drei Minuten an."

Mit 2,5 km/h laufen

Dieser Absolvent läuft mittlerweile auch schon zügig durch die Gegend. Bis zu 2,5 Kilometer in der Stunde sind bei regelmäßigem Training möglich. "Die zukünftigen Anzüge werden eine noch höhere Geschwindigkeit ermöglichen, aber die Entwicklung steckt sozusagen noch in den Kinderschuhen." Die "Endgeschwindigkeit" spielt für Steven aber auch keine Rolle - noch nicht. Denn die Bewegung an sich fordert erst einmal alles von ihm. Sein Gesicht verzieht sich immer wieder wegen der Anstrengung. "Ich hätte gestern nicht so viel Armtraining machen sollen", erklärt er seine zitternden Arme. Und gibt zu: "Heute hatte der Anzug mehr mich unter Kontrolle, denn ich den Anzug."
Er ist aber glücklich, denn gut fünf Meter hat er zurückgelegt. Mit einer Größe von deutlich über 1,90 Meter - im Rollstuhl sind es 1,10 Meter. "Das gehört zu den Faszinationen, die sich für den Nutzer ergeben. Die Sicht ist wieder eine andere." Wobei Flöss zugibt, dass die jetzige Entwicklung den Rollstuhl noch nicht ersetzt. "Die Bewegungen verschieben sich, die Querschnittsgelähmten haben wieder eine bessere Sicht, da sie aber massiv mit zwei Gehstöcken arbeiten müssen, ist das Tragen von Gegenständen nicht einfach." Er erklärt, dass die Nutzer nun den Überblick über das Büfett haben, aber die Speisen nicht transportieren können.
Der wichtigere Nutzen sei eh im medizinischen Bereich zu finden. Der Ergotherapeut Jukart sagt: "Dauerhaft Sitzen ist nicht typisch für den Menschen. Der Re-Walk führe dazu, dass die Organe wieder ihren ursprünglichen Platz im Körper suchen, dass der Darm entlastet und die Pobacken nicht wund gesessen werden."
Von der produzierenden Firma, eine von zwei Anbietern auf dem Markt, werden noch weitere Vorteile genannt. Neben dem aufrechten Gehen und der steigenden Mobilität spiele es eine Rolle, dass "Gespräche auf Augenhöhe" stattfinden, dass ein Spaziergang mit der Familie und Freunden möglich sei, ohne dass einer für den Rollstuhl abgestellt werden muss.
Und gesundheitlich? Die Knochendichte nimmt wieder zu, das Körperfett verringert sich, Darm- und Blasenfunktion werden verbessert, die Sitzhaltung wird optimiert - mit der Folge, dass eventuelle Schmerzen abnehmen.
Bereits beim zweiten Versuch zeigt Steven, dass die Handhabung zwar nicht ganz einfach, aber durchaus machbar ist. Der motorisierte Exoskelett-Anzug verwendet eine patentierte Technologie mit motorisierten Beinen, über die die Bewegung von Knie und Hüfte erfolgt. Mit minimalen Impulsen steuert der Nutzer das Gerät. Selbst Steigungen und Gefälle sind kein Hindernis mehr.

Besseres Leben

Alles toll, mag der Laie meinen. Doch leider gibt es auch hier einen Wermutstropfen. Denn der Anzug und die Anpassungsphase kostet rund 100 000 Euro. Das ist auch der Betrag, den derjenige aufbringen müsste, der solch einen Anzug außerhalb der Ergotherapie selber besitzen mag. Nun liege es unter anderem an den Krankenkassen sich zu beteiligen. Doch die scheuen sich. Zum einen sind noch nicht alle Testphasen durchlaufen, zum anderen gibt es die hohe Zahl an möglichen Nutzern. "Gut 1200 Menschen werden im Jahr in Deutschland querschnittsgelähmt, davon könnten etwa 300 mit diesem System eine Verbesserung in ihrer Lebenssituation erhalten." Und Flöss ergänzt: "Die Zahl der jetzigen Patienten ist nur schwer zu ermitteln - denn für jeden ist der Anzug eben nicht einsetzbar."
In einem ersten Schritt will man nun einen Förderverein gründen, um wenigstens einigen Menschen zu helfen. Die Aktiven, allen voran Steven und Sid, hoffen auf Spender, auf Förderer, auf Menschen und Firmen, die sich beteiligen wollen, um diese Idee des Re-Walk zu realisieren. Denn mit dieser Technik wird nicht nur über Integration geredet, sondern sie könnte gelebt werden.