Alte Papierschnipsel, wertloses Zeug oder einfach "alter Schamott", ein Wort, das aus dem Jiddischen kommt, würde der nicht eingeweihte Laie dazu sagen. Der Staub der Jahrhunderte liegt auf dem, was auf dem Dachboden der Alten Synagoge in Mühlhausen entdeckt wurde. Dass es sich dabei um eine "Genisa" handelt, eine Ablage von Dingen, die nach jüdischer Vorschrift nicht vernichtet werden durften, erklärt Martina Edelmann, promovierte Historikerin aus Veitshöchheim. Die Vorstandschaft des Vereins "Forum Alte Synagoge Mühlhausen" hat sich die Expertin zur "Bergung" der Dachbodenfunde zu Hilfe geholt.

Die Synagoge aus dem Jahr 1754 ist seit November vergangenen Jahres im Besitz des Vereins "Forum Alte Synagoge Mühlhausen". Dort trafen sich die beiden Vorsitzenden Irina Gerschmann und Christian Plätzer mit Martina Edelmann, Thomas Pickel von der Sparkasse und der Studentin Sophia Ludäscher, die eine Arbeit über die Synagoge schreibt. Edelmann, die Kulturreferentin der unterfränkischen Gemeinde, hat viel Erfahrung mit Genisa-Funden. Die Funde aus der einstigen Synagoge Veitshöchheim hat sie im Jüdischen Kulturmuseum ihrer Gemeinde als Ausstellung eingerichtet. Dort wurde auch ein "Genisa-Projekt" ins Leben gerufen, das weitere Fundorte in ganz Franken betreut und erforscht.

Ein Potpourri an Einblicken

"Es ist immer ein Potpourri an praktischen Informationen", sagt Martina Edelmann beim Ortstermin in Mühlhausen. Meist seien es Gebetbücher, Texte und Schriftstücke, aber auch Warenlisten, Quittungen, Kalender, Briefe, handschriftliche Zeugnisse, Dokumente eben, die Geschichten erzählen und ganz neue Einblicke in jüdisches Leben geben.

Dass es sich bei ihrer Forschung um eine Puzzlearbeit handelt, kann sich der Betrachter beim Anblick der Funde leicht vorstellen. Tausende winzig kleiner Papierschnipsel, Fragmente und noch dazu in hebräischer Sprache oder in Jiddisch geschrieben. "Das sind Zeugen eines Dialekts, den heute niemand mehr spricht, der aber durch diese Funde erhalten werden kann."

Man müsse sehr sorgfältig damit umgehen, genau hingucken, sortieren und inventarisieren. Die Funde seien fragmentarisch und man könne sie nur schwer entziffern. Edelmann empfiehlt, sich das ganz praktisch vorzustellen: Man habe die Dinge, die man nicht wegwerfen wollte, auf den Dachboden gebracht. In der Synagoge, dem Gott geweihten Haus, also an einen heiligen Ort. Liturgische Gegenstände, zum Beispiel Leuchter, wären praktisch nie dabei. Dafür aber viele Textilien und immer wieder Schuhe. "Das mit den Schuhen hat mir noch niemand erklären können", sagt Edelmann. Schuhe wurden auch in Mühlhausen gefunden.

Was soll nun mit den Funden von Mühlhausen geschehen? Vereinsvorsitzender Christian Plätzer kann dazu im Moment noch keine konkreten Auskünfte geben. Die Bauuntersuchungen seien noch nicht abgeschlossen. Einiges davon könne sicher ausgestellt werden. Der Verein habe ohnehin vor, in der Alten Synagoge ein Archiv und eine Ausstellung einzurichten. Alles, was sich nicht dafür eignet, müsse nach religiösem jüdischem Verständnis eigentlich "bestattet" werden. "Wir bringen es in eine andere Ruheposition", sagt dazu die Historikerin.