Zwei alte Fahrradreifen, ein wenig Metall, ein handelsüblicher Zugdrache und eine ordentliche Portion Einfallsreichtum - recht viel mehr haben Marietta Gensior und Tom Wagner eigentlich nicht gebraucht, um die Jury beim diesjährigen "Jugend forscht"-Wettbewerb zu beeindrucken. Die beiden Neuntklässler der Realschule Herzogenaurach entwickelten aus den wenigen Materialien eine neue Stromquelle und setzten sich mit dem zweiten Platz im Bereich Physik gegen mehr als 20 Kontrahenten aus ganz Mittelfranken durch.

Dabei fing alles mit einem eher ungeliebten Weihnachtsgeschenk an. "Mein Vater hat mir vorletztes Weihnachten einen Drachen geschenkt", erzählt die 15-jährige Marietta eine Woche nach ihrem großen Auftritt bei dem Physikwettbewerb. Wie viel Kraft aufgebracht werden muss, um diesen zu kontrollieren, wollte sie anschließend ihrem Klassenkameraden und Freund Tom Wagner zeigen. "Mich hat´s da über den halben Acker gezogen und dann ist uns die Idee gekommen, dass man doch damit Strom erzeugen könnte", sagt der 14-jährige Tom. Gemeinsam mit Mariettas Vater und ihrer Physiklehrerin Heike Wohlrab haben die beiden aufgeweckten Realschüler dann nach einer Möglichkeit gesucht, die Windenergie mithilfe des Drachens in elektrische Energie umzuwandeln. Sie entwarfen ein erstes Gerüst, das jedoch nicht lange standhielt. Denn schon beim ersten Flugversuch überforderte die enorme Zugkraft des Plastikdrachen das Gestell und riss es auseinander.


Kürzerer Hebel als Lösung



"Wir mussten also komplett neu anfangen und haben einiges verändert. Der Hebel ist zum Beispiel kürzer geworden", erklärt Marietta, die von der Naturwissenschaft begeistert ist. Dieser Hebel überträgt die Zugkraft des Fluggeschosses auf zwei miteinander verbundene Fahrradreifen, die als Schwungrad dienen. An diesem ist ein Generator angebracht, welcher die dynamischen Kreisbewegungen des Drachens in elektrische Energie umwandelt. Lediglich der Plastikdrache muss noch von Menschenhand in gleichmäßige "Achterbahnen" gesteuert werden.

Wie viel Strom damit tatsächlich erzeugt wird, können selbst die beiden Jugendlichen nicht genau angeben. Über eine Formel aus dem Internet haben es Marietta und Tom jedoch grob überschlagen: "Bei Windstärke sieben dreht sich das Rad mit etwa 61 Kilometer pro Stunde. Das heißt, bei einem dynamischen Zug entstehen dabei 772 Newton." Um das auf der "Jugend forscht"-Messe zu beweisen, drehten die beiden Nachwuchsphysiker einen Film, mit dem sie der Jury ihr Projekt demonstrierten. Selbst die Juroren, allesamt erfahrene Fachmänner und Physiker, waren über diese ungewöhnliche Methode, erneuerbare Energie zu gewinnen, überrascht.


Lukrative Angebote als Belohnung



"Bei unserem Stand war immer sehr viel los und die Jury hat uns das anfangs auch nicht geglaubt, dass das funktioniert", erzählt Marietta. Als Belohnung für ihr Engagement erhielten die beiden Realschüler neben dem zweiten Platz und den Sonderpreis für Umwelttechnik noch viele weitere lukrative Angebote. Neben einem ein- bis zweiwöchigen Praktikum bei der Firma Areva kündigte auch noch ein weiterer Experte seine Unterstützung an. So entschied sich kurzerhand der Juror Klaus-Michael Doth dafür, Wagner und Gensior unter die Arme zu greifen. "Er möchte uns helfen, die automatische Lenkung für den Drachen herzustellen. Das ist auch schon fest in Planung", erläutert der 14-jährige Tom selbstbewusst.

Denn auch im nächsten Jahr wollen die beiden Neuntklässler beim "Jugend forscht"-Wettbewerb mit ihrem Drachen-Projekt antreten. Dass sie dann jedoch die von ihnen gesetzte Messlatte mit zwei Reifen und ein wenig Metall nicht mehr erfüllen können, ist Tom durchaus bewusst: "Wir haben uns schon überlegt, eventuell mit einer Glühbirne den Strom zu zeigen. Und auch die Drachenlenkung soll automatisch laufen."
Ach ja, und der Schulabschluss im nächsten Jahr? Der läuft nebenbei, "denn mit den Noten gibt es keine Probleme".