Fast schon wie eine Szene des Satirikers Loriot entwickelte sich ein Prozess vor dem Amtsgericht Erlangen. Wer hat wann Bescheid bekommen, dass es eklig ist, die Schankanlage nicht zu putzen? Was tun, wenn die Spinnweben in der Speisekammer immer wieder entstehen? Muss man schimmelige Nudeln sofort wegwerfen? Kann man Hausgemachtes im Supermarkt kaufen? Was als Scampi angeboten wurde, waren das eigentlich nur Garnelen? Oder waren diese gar für des Kellners privates Abendessen?

Fragen über Fragen. Einige Mühe hatte Richterin Daniela Ruderich, die gastronomischen Feinheiten in den Abläufen der Erlanger Pizzeria aufzudröseln. Und auch der Staatsanwalt musste häufiger seine Brille abnehmen, um seine langsam ermüdenden Augen zu reiben.

Geschlagene drei Stunden dauerte der Prozess am Mittwoch. Und das, obwohl die angeklagte Wirtin von Beginn an zugab, dass es in ihrem Lokal ganz offensichtlich an grundsätzlichen Hygienestandards gemangelt hatte.

Einspruch gegen Geldstrafe

Die ehemalige Chefin des italienischen Restaurants in Erlangen war quasi freiwillig vor Gericht. Denn sie hatte Einspruch gegen einen Strafbefehl des Gesundheitsamts eingelegt. Sie war nicht einverstanden damit, dass sie 5400 Euro zahlen sollte.

Diese Geldstrafe hatte die Abteilung Lebensmittelüberwachung der Stadt Erlangen verhängt, als nichts mehr zu helfen schien. Fünf Mal waren die Kontrolleure zwischen 2017 und 2019 vor Ort im Restaurant. Und jedes Mal mussten die Angestellten vom Gesundheitsamt feststellen: Die beanstandeten Zustände waren noch immer nicht behoben, teils kamen neue Ekligkeiten hinzu.

Die falschen Bezeichnungen auf der Speisekarte, davon wird noch häufiger die Rede sein, waren noch das geringste, was die auf Verbraucherschutz eingeschworenen Inspektoren monierten. Und dabei wurde auch nur ein Teil der gastronomisch-hygienischen Mängel vor Gericht überhaupt angesprochen.

Spinnweben, Schimmel, Dreck

Das Innere einer Kühltheke hatte schon lange keinen Schwamm mehr gesehen, ebenso die Schankanlage. Spinnweben im Trockenlager ("Die Spinnweben wurden entfernt. Aber sie entstehen halt wieder.") An der Decke des Lagerraums schimmelähnlicher Belag (angeblich wurde gestrichen). Die Teigknetmaschine ebenfalls stark verunreinigt (angeblich kaputt; der Teig sei geliefert worden). Das gleiche ergab ein Blick ins Innere des Pizzaofens. Am gravierendsten: Auch bei den Lebensmitteln nahm man es mit der Hygiene nicht so genau.

Vergammelte Nudeln im Lager

Eine angebrochene Packung Tortellini war verschimmelt. Bei anderen Packungen war das Verzehrdatum über einen Monat abgelaufen. Rosmarin: verschimmelt. "Erhebliche schimmelähnliche Ausblühungen am Sprühkopf", berichtete der als Zeuge geladene Inspektor des Gesundheitsamts vom Sahnesprüher, den er im Kühlschrank vorgefunden hatte.

"Ich kenne meine Mitarbeiter. Sie hätten ganz, ganz sicher kein abgelaufenes Material serviert", übersetzte die Dolmetscherin die Aussage der angeklagten Italienerin. Fast schon wie eine Selbstauszeichnung klang es, als sie als Verteidigung anführte: "Seitdem ich die Gaststätte habe, ist doch noch nie ein Gast im Krankenhaus gelandet."

Sie habe nach jeder Kontrolle ihre Mitarbeiter angewiesen, zu putzen und alles in Ordnung zu bringen, was diese ganz offensichtlich nicht oder nicht immer taten. Sie selbst sei wegen familiärer Probleme eine Zeit lang eher selten in ihrem Restaurant gewesen. "Es tut mir leid", entschuldigte sie sich, als ob die Richterin und der Staatsanwalt gestern erst noch persönlich zum Dinner da gewesen wären.

Von 2017 bis 2019 betrieb sie das Lokal, das es mit diesem Namen schon lange gibt. Heute wird es von einem Bekannten weitergeführt, der sie auch in der Kommunikation mit dem Gesundheitsamt beraten habe. Die Wirtin - mancher würde sagen Geschäftsführerin auf dem Papier, denn gekümmert hat sich die Frau nach eigenem Bekunden eher wenig um ihr Restaurant - versuchte immer wieder aufs Neue, die Schuld von sich auf ihre Mitarbeiter zu schieben. Wenngleich sie eingestand: "Die Verantwortung trage ich."

Vielleicht lag es an der widerborstigen Beharrlichkeit der Anwältin ("Darf ich jetzt auch mal was sagen?"), dass sich Richterin Ruderich ("Ich führe hier die Verhandlung!") dazu entschloss, jeden der vielen Verstöße einzeln durchzudeklinieren.

Was alles (nicht) serviert wurde

Was sich deshalb wie ein roter Faden durch die Verhandlung zog, war auch die Saft-Nektar-, die Parma-Rohschinken- beziehungsweise die Scampi-Garnelen-Angelegenheit. Denn das Gesundheitsamt prüfte auch, ob sich das auf der Speisekarte Angebotene mit den Produkten deckte, die auf dem Teller landen. Auch hier beanstandeten die Kontrolleure in den zwei Jahren mehrfach. Trotzdem blieben die Irreführungen auf der Karte stehen. Parmaschinken? Auf der Pizza lag Rohschinken irgendwoher. Johannisbeersaft? Im Glas landete Nektar, also ein minderwertigeres Frucht-Wasser-Gemisch. Hausgemachte Nudeln? Gekauft im Supermarkt. Scampi? Sind andere Tiere (hummerartig, mit Scheren) als Garnelen und im Einkauf wesentlich teurer.

Angeblich hätten ihre Kellner die Gäste immer auf die Unterschiede zwischen Speisekarte und Realität hingewiesen, so die Angeklagte. Ein altgedienter Lebensmittelinspektor im Zuschauerraum kam aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus.

Es war nicht einfach, in den drei Stunden die Antwort auf die Frage der Richterin "Was ist Sinn und Zweck des Einspruchs?" zu erkennen. Der Wirtin ging es offenbar darum, die Geldstrafe von 5400 Euro (90 Tagessätze à 60 Euro) zu drücken, weil sie die Schwere der Verstöße in Sachen Falschetikettierung nicht einsah. Was ihr schließlich auch gelang. Die Strafe wurde gemildert. Grund: Heute verdiene sie im Minijob nur 441 Euro. Ihre Anwältin forderte 900 Euro Strafe. Der Staatsanwalt plädierte auf 1800 Euro (120 Tagessätze à 15 Euro).

Gleichgültigkeit und Vorsatz

Er attestierte der Frau eine "gewisse Gleichgültigkeit" gegenüber ihrem Betrieb. Ihre Aussagen seien "von Schutzbehauptungen durchsäte Einlassungen". Die Richterin landete schließlich bei 1500 Euro (100 Tagessätze à 15 Euro). Die Frau habe es nicht hinbekommen, das Lokal sauber zu halten. Das Anbieten falscher Produkte sei Vorsatz gewesen. Die Frau nahm das Urteil an, verzichtete auf Rechtsmittel. Drei Stunden waren vorbei. Wäre es nach Loriot gegangen, hätte wohl am Schluss noch einer fidel gewünscht: "Schmeckt's? Wohlsein!"