Reinhard Geyer, der Chef der örtlichen Brauerei, hat sich etwas Besonderes einfallen lassen. Zum 875. Geburtstag der Ortschaft Oberreichenbach bietet er ein spezielles Bier an, das ganz nach einem Rezept wie einst im Mittelalter gebraut wird. Es ist ein so genanntes Rotbier, das nach einem überlieferten Familienrezept von 1661 hergestellt wird.
"Mich haben die Leute mehrfach angesprochen", sagte der 49-Jährige. Er solle sich doch was einfallen lassen. So ein Jubiläum habe ein Dorf schließlich nur alle Vierteljahrhunderte mal. Geyer nahm diesen Tipp gerne an. Er erinnerte sich an die Forschung der Familienchronik, die er vor fast drei Jahrzehnten angestellt hatte, und daran, dass er manch Urkunde aus dem Brauereibetrieb fand.

Lieber rot statt weiß


Darunter war dann auch ein Schriftstück aus dem Jahre 1661. Per Verordnung war damals geregelt worden, dass sich die Wirte nicht so sehr des weißen Biers annehmen sollten, das ein dünnes Bier war ("...die Wirthe meistens weißes Bier würden mit Fleiß ausschenken"...). Stattdessen sollte mehr stärkeres, rotes Bier Verwendung finden: "Daß man hier einen guten gerechten Trunck Rotbier haben wird".
Für Reinhard Geyer war es daher keine Frage, dass er eben diesen Gerstensaft aufleben lassen wollte. Das Rotbier, das sein Urgroßvater Johann Friedrich damals schon braute, der 1894 die Brauerei erwarb. "Ganz so alt wie das Dorf Oberreichenbach ist es nicht", schmunzelt Geyer. Aber die Braustätte selbst hat schon eine Tradition bis immerhin ins Jahr 1519. Vor den Geyers war vier vier Generationen lang eine Familie Ernst auf dem Anwesen, und zuvor noch weitere 15 Familien, wie die Geschichtsforschung ergab.

Wie aus Urgroßvaters Zeiten


Das überlieferte Familienrezept schreibt vor, dass das Rotbier "aus einer Komposition von Pilsener, Münchener und Wiener Malz klassisch gebraut und mit feinstem Spalter und Hallertauer Aromahopfen gehopft wird". Übrigens waren zu Urgroßvaters Zeiten alle Biere rotbraun, bemerkt Sohn Andreas Geyer. Der 32-Jährige ist Braumeister und ebenso wie sein 24-jähriger Bruder Jochen, ebenfalls ein Brauer, aktiv im Betrieb. Die Färbung liegt an den damaligen Möglichkeiten der Malzherstellung, ergänzt Andreas.
Acht Wochen hat das Rotbier (Alkoholgehalt 4,9 Prozent) in den Kellern der Brauerei gelagert, bevor es am Dienstag abgefüllt wurde. 4000 Liter sind es, in Fässern und in Flaschen. Geyer verwendet nicht die schlanken Flaschen, sondern die etwas bauchigeren traditionellen Euroflaschen. "Man soll ja auch sehen, dass wir kein Industriebetrieb, sondern eine kleine Brauerei sind".

Hacker lobt: "Süffig is' es"


Mild und süffig soll es schmecken, das Rotbier, verspricht die Geyersche Werbung. Und genau das konnte Bürgermeister Klaus Hacker gestern nach einer ersten Kostprobe bestätigen. Das Gemeindeoberhaupt bekam die ersten Flaschen überreicht.
Und was sagen die Gäste? Während Hacker beim Pressegespräch im Nebenzimmer die Bemühungen der Brauerei im Zusammenhang mit dem Dorfjubiläum lobt, hat Jochen Geyer drüben in der Wirtsstube den Stammtisch mit dem köstlich-roten Gerstensaft versorgt. Die Mannsbilder aus Weisendorf und Reuth geizten nicht mit Lob, was man den herüber fliegenden Wortfetzen so entnehmen konnte.
"Also mir schmeckt's", sagte einer fränkisch bescheiden. Worauf er die, an den Wirt gerichtete Antwort erhielt: "Wennsd etz a Brodzeid schbendieersd, dann schmeckts gleich nu vill besser".