Das Glück hat viele Gesichter. In diesem Fall biegt es mit einem kleinen Geländewagen samt Anhänger um die Ecke. Heraus steigt ein älterer Herr in blauem Shirt mit dem Aufdruck "Bayerische Staatsforsten". Er hat Gemüse- und Kartoffelreste geladen. Sie sind bestimmt für das Damwild hinter dem Zaun, an dem wir gerade mal seit fünf Minuten stehen.
Hier im Neunhofer Forst, direkt an der Kreisstraße nach Kalchreuth (Landkreis Erlangen-Höchstadt), betreibt der Staatsforst ein Wildgehege. Der Pfeil schlug ganz in der Nähe ein, mitten in den nördlichen Teil des Nürnberger Reichswaldes. Einen guten Kilometer entfernt liegt die A-3-Raststätte "Weißer Graben", der Flughafen ist Luftlinie dreieinhalb Kilometer weg. Dazwischen alles Wald.
Diesmal also eine Waldgeschichte. Immerhin ist das vier Hektar große Freigehege nicht alltäglich. Es besteht seit ungefähr 40 Jahren. Zuerst ästen hier Rot- und Damwild gemischt, seit 2012 nur noch das friedlichere Damwild.
Der Blick geht von der Beobachtungskanzel hinüber zu fünf Hirschen, die sich, etwa 100 Meter von hier, auf dem Boden liegend durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Langeweile an einem Freitagvormittag. Man könnte auch sagen: Waldidylle. Aber alles nichts für einen Reporter auf der Suche nach einer besonderen Waldgeschichte.


70 Prozent Kiefern

"Ich bin der Förster", sagt der Mann mit dem blauen Shirt. Wenn es jemanden gibt, der etwas über dieses Fleckchen fränkische Erde und über den Wald im Allgemeinen erzählen kann, dann er: Hubertus Hadwiger, seit neun Jahren Revierleiter im Neunhofer Forst, einem Teil des insgesamt rund 40 000 Hektar großen Reichswaldes. In seinem Försterleben ist der 61-Jährige herumgekommen. Der gebürtige Bamberger war unter anderem zuständig für Forchheim-Reuth. Hierher, an diesen Ort, kommt er nur einmal am Tag, "irgendwann, je nachdem, wann der Container mit Essensresten gefüllt ist". Heute kam er genau im richtigen Moment. Glück!
Das Gehege im Besitz des Freistaats Bayern dient laut Hadwiger weniger der Wildbretküche, vielmehr als Naherholungsattraktion im Raum Nürnberg. Wer sich im Reichswald erholen will, ist mit dem geschotterten Wegenetz gut aufgehoben. Seine Reize zeigt der Wald, dessen Name sich nicht etwa von der Zeit des Dritten Reiches, sondern von der Freien Reichsstadt Nürnberg ableitet, aber erst bei genauem Hinsehen.


Keine Streunutzung mehr

70 Prozent Kiefern, 20 Prozent Fichten und die restlichen zehn Prozent Laubwald: Durch die Nadelholz-Monokultur hat dieser Wald in Mittelfranken einen besonderen Namen erhalten - Steckerles-Wald. "Diesen Charakter hat er aber schon verloren", sagt Hadwiger. Mitte der 1970er Jahre habe der Umbau begonnen. "In jungen Beständen haben wir bereits 50 Prozent Laubholz."
Seit 60 Jahren gibt es laut Hadwiger auch keine Streunutzung mehr durch die Bevölkerung. Früher hatten die Leute abgefallene Blätter, Nadeln und Zweige zusammengerecht und in den Ställen als Einstreu verwendet. Dem Wald wurden so über Jahrhunderte Nährstoffe entzogen, die Böden verarmten.
Reste des Waldes sollen aber so bleiben, an wasserarmen Standorten mit Sanddünen und Flechten. Ameisenlöwe, Knoblauchkröte und Gelbbauchunke leben hier gerne. "Das interessante am Reichswald ist sein Mosaikcharakter mit grundwassernahen und grundwasserfernen Standorten. Da reichen oft drei Meter Höhenunterschied", sagt Hadwiger.


Von Heide bis Brombeere

Und der Revierleiter erklärt an einem einfachen Beispiel, wie man die Bodenbeschaffenheit schnell herausfinden kann. Wo Heide wächst, ist der Boden extrem nährstoffarm. Wird es nährstoffreicher, wachsen zunächst Preiselbeeren, dann Heidelbeeren und auf reichen Böden Him- und Brombeere.
Die Munitionsgefahr in einem Teil des Waldes ist nährstoffunabhängig. Seit 1882 wurde ein 3000 Hektar großes Gebiet als Truppenübungsplatz genutzt - vom Königreich Bayern bis zu den Amerikanern. "Es kommt immer wieder vor, dass Wildschweine Blindgänger aufwühlen", erzählt Hadwiger. Eine schwere Bürde für das sonst friedvolle Naherholungsgebiet.