"Der Reichsarbeitsdienst (RAD) ist Ehrendienst am deutschen Volke. Alle jungen Deutschen beiderlei Geschlechts sind verpflichtet, ihrem Volke im Reicharbeitsdienst zu dienen. Er soll die deutsche Jugend ... vor allem zur gebührenden Achtung der Handarbeit erziehen. Der Reichsarbeitsdienst ist zur Durchführung gemeinnütziger Arbeiten bestimmt." So heißt es im ersten Paragrafen eines Gesetzes der deutschen Reichsregierung vom 26. Juni 1935.
Die NS-Machthaber errichteten in Franken eine Vielzahl von Arbeitslagern, die besonders in den "unterentwickelten Gebieten" entstanden, etwa in der Rhön, am Rande des Fichtelgebirges und im Steigerwald (Scheinfeld), im wirtschaftlich schwach entwickelten Westmittelfranken (Gunzenhausen, Lichtenau) oder im Großraum Nürnberg (Moorenbrunn).


Auf sandigem Lehm

In der Region westlich von Erlangen, speziell im Seebachgrund, ging es um die Hochwasserregulierung, denn das Gebiet zwischen Großenseebach und Möhrendorf/Kleinseebach, wo die Seebach in die Regnitz mündet, wurde immer wieder von Überschwemmungen heimgesucht. Zwischen dem 15. Januar und dem 1. April 1937 wurde das Heßdorfer Lager in der Nähe des heutigen Sportgeländes "auf sandigem Lehmboden" errichtet. Bis die eigentlichen Unterkünfte für die RAD-Männer fertiggestellt waren, wurden die eingezogenen 19- bis 25-Jährigen in den Gasthäusern in Untermembach, Heßdorf und Hannberg untergebracht.
Am 10. April begann man mit der Regulierung der Seebach. Auch wenn diese Arbeit vorrangig war, so wurden die RAD-Mitglieder immer wieder zu anderen Tätigkeiten abkommandiert: zur Heuernte in Heßdorf, Münchaurach, Frauenaurach oder Kosbach, aber auch zum Hopfenzupfen im Raum Spalt oder zur Getreideernte am Hesselberg und im Umland von Nürnberg, außerdem für die Reichsparteitage in Nürnberg oder zur Errichtung anderer Lager wie in Adelsdorf oder sogar zu Regulierungsarbeiten am Neckar im Kreis Ludwigsburg.


Viele "Fremdeinsätze"

Durch diese "Fremdeinsätze" wurden die eigentlichen Regulierungsarbeiten an der Seebach stark vernachlässigt. Das Ergebnis: Durch starke Hochwasser verschlammte das bereits sanierte Bachbett erneut und die in Großdechsendorf befestigten Böschungen wurden stellenweise unterspült. Trotz aller Hindernisse konnten bis Ende März 1938 rund 2150 Meter des neuen Bachbetts dem Bauamt übergeben werden. Zusätzlich wurden Brücken in Großdechsendorf und zum Schützenwehr in Heßdorf fertiggestellt.
Weil der Boden stark grundwasserhaltig war, wurde ein Teil der ab 1937 errichteten Unterkünfte (Holzhäuser) beim Bau des Lagers auf Pfahlrosten fundiert, das Wirtschaftsgebäude jedoch auf einen Betonsockel gesetzt. Das Lager bestand aus vier Holzhäusern sowie je einem Führerhaus, Verwaltungsgebäude, Kammerhaus, Gerätehaus, Toilettenhaus ("Aborthaus") und einem massiv errichteten Schweinestall. Es verfügte über 3200 Quadratmeter Gartenfläche, die die "Arbeitsmänner" zur Selbstversorgung bearbeiten. Im Sommer 1937 erhielt das Lager einen eigenen Sportplatz.
Und weil das Stadtgartenamt Nürnberg und weitere Gärtnereien der Noris 150 Rosenstöcke und 400 Sträucher spendierten, erhielt es auch ein freundliches Äußeres.


Sportlich topfit

Trotz aller Arbeiten - meistens mit dem Spaten und immer mit Muskelkraft - gab es im Lager nach dem harten Alltag auch kleinere Vergnügen. An den Abenden wurde gebastelt und gesungen. Selbstverständlich kamen sportliche Aktivitäten nicht zu kurz. Der Sportplatz lockte zu Ballspielen oder anderen Übungen.
Bei der Schwimmbadeinweihung 1937 in Herzogenaurach belegten die "Arbeitsmänner" in allen Disziplinen die ersten Plätze und die Feldhandballer besiegten die Vereinsteams aus Adelsdorf und Möhrendorf. Dass der RAD auch eine paramilitärische Einrichtung war, beweist die Tatsache, dass man zu Schießübungen zum Fliegerhorst in Herzogenaurach fuhr.
Das Heßdorfer RAD-Lager hatte engen Kontakt zum Lager in Stangenroth bei Bad Kissingen. Beide Lager hatten den Namen "Jakob Bleyer" erhalten. Bleyer war Universitätsprofessor für Deutschkunde an den Universitäten in Budapest und Klausenburg. Er stammte aus einer Bauernfamilie, die im 18. Jahrhundert nach Südosteuropa ausgewandert war.


Nach Jakob Bleyer benannt

Er setzte sich engagiert für die etwa 500 000 Deutschen in Ungarn ein, baute das Volksschulwesen für die deutschen Minderheiten aus und gründete das "Sonntagsblatt", eine deutschsprachige Zeitung, und den "ungarländisch-deutschen Volksbildungsverein". Sein Eintreten für das Deutschtum und für die Deutschen in Ungarn ließ ihn bei den damaligen Machthabern im Reich zum Helden werden.
Mit dem Fortschreiten des Krieges wurden immer mehr "Arbeitsmänner" aus Heßdorf zum Kriegsdienst einberufen. Statt der Arbeit mit dem Spaten mussten sie nun beweisen, dass die Schießübungen in Herzogenaurach nicht umsonst waren.
Über die offizielle Schließung des Lagers konnte nichts in Erfahrung gebracht werden; Fakt ist, dass bereits vor dem offiziellen Kriegsende am 8. Mai 1945 Flüchtlinge und später auch Heimatvertriebene im Lager Heßdorf untergebracht wurden.