Das Manager Magazin schreibt, die Umfirmierung in eine SE (Societas Europaea, europäische Aktiengesellschaft) solle das agieren des Herrn Stoschek im Unternehmen einfacher machen. Halten Sie diese Einschätzung für zutreffend?

Prof. Ferdinand Dudenhöffer: Nach meiner Einschätzung ist das durch die Gesellschafterverhältnisse im Großen und Ganzen heute schon so. Die Familien Stoschek und Volkmann vereinen 100 Prozent des Eigenkapitals, und ich gehe mal davon aus, dass Herr Stoschek mit den Kindern und seiner Schwester im guten Einverständnis ist. Von daher kann ich dem Argument des Manager-Magazins nicht folgen. Wenn die Familie 100 Prozent Eigenkapital besitzt, entscheidet der Sprecher der Familie - Punkt. Unabhängig ob GmbH, KG oder SE.

Welche anderen Motive könnte es für ein Unternehmen geben, SE zu werden?

Das Unternehmen wird internationaler und eher für weitere Kapitalgeber offen.

Das Magazin schreibt, dass bei nicht geregelter Nachfolge an der Unternehmensspitze nur ein Verkauf bliebe? Ist das realistisch?

Verkauf ist immer eine Option - unabhängig von der Gesellschaftsform. Verkauf der Anteile beziehungsweise des Unternehmens ist immer eine Entscheidung der Eigentümer. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass man in der Familie Stoschek/Volkmann schon eine große gesellschaftliche Verantwortung sieht. Von daher wird man - nach meiner Einschätzung - eine Form suchen, die die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens am besten absichert. Stoschek geht es doch nicht um Geld, sondern um das Erbe, um das Unternehmen und damit auch um die Region.

Wenn es denn tatsächlich zum Verkauf käme, was wäre das aus Brose-Sicht beziehungsweise aus Coburger Sicht schlechteste Szenario? Eine Aufteilung mit Veräußerung der Einzelbereiche?

Unternehmer wie Stoschek verkaufen nur, wenn sie sonst keine Alternative sehen. Es ist durchaus möglich, das Unternehmen mit anderen Zulieferern zu verschmelzen oder an der Börse weiteres Kapital für Wachstum zu generieren oder mit Entschiedenheit das fortzusetzen, was über Jahrzehnte aufgebaut wurde. Die Familien Schaeffler, Porsche und viele andere zeigen, dass man mit Erfolg Unternehmer mit externen Managern in die Zukunft führen kann. Es braucht aber schon ein Interesse in der Familie am Unternehmen und an den Herausforderungen, denen das Unternehmen gegenüber steht.

Brose sieht in seiner Zukunftsagenda eine Steigerung des Umsatzes bis 2025 auf neun Milliarden Euro vor. Ist das realistisch?

Brose hat unter Michael Stoschek vor 20 Jahren eine außergewöhnlich große Umsatzentwicklung hingelegt. Wenn es in den letzten Jahren schlechter war, ist verständlich, dass man sich neu aufstellt. Ich halte Michael Stoschek für einen sehr engagierten Unternehmer und bin davon überzeugt, dass er diesen Umsatzsprung mit Fortune und der richtigen Strategie wieder schafft.

Was muss das Brose tun, um eine signifikante Umsatzsteigerung zu erreichen? Die Zahl der verkauften Autos, egal welcher Antriebsart, wird ja eher zurückgehen?

Der Weltautomarkt hat noch sehr großes Wachstumspotenzial. Das Potenzial liegt in Asien. Allein der Markt China, in dem heute 20 Millionen Neuwagen verkauft werden, ist für 50 Millionen gut. Aber die Autos werden von Software und dem Elektroantrieb dominiert. Es gilt hier die richtige Strategie zu finden. Die Produkte der Zulieferer sind morgen noch stärker Software-getrieben. In der Zukunft gibt es nicht mehr einzelne Steuergeräte, sondern den Zentralcomputer für das Auto. Tesla ist weit in dieser Software. Für Brose bedeutet das, an dieser Schnittstelle weitere Kompetenz aufzubauen, auch beim Datenaustausch. Das autonome Fahren und das Software-getriebene Auto nehmen immer mehr Gestalt an.

Was bedeutet ein Trend zu Elektro für ein Unternehmen wie Brose, das in der Fahrzeugausstattung tätig ist?

Thermo-Management ist sehr wichtig für Elektroautos: besser mit Strom umgehen, etwa bei Klimatisierung, effizienter mit den vielen Stellmotoren im Fahrzeug für Sitze oder Türen. Mechatronische Steuerungen intelligenter machen und vernetzen, sprich bei der Intelligenz des Autos mitarbeiten und etwa Batterien in den besten Temperaturzustand, sprich zur besten Leistungsfähigkeit bringen.

Die Fragen stellten die Tageblatt-Redakteure Simone Bastian und Fajsz Deáky

Zur Person

Prof. Ferdinand Dudenhöffer ist bundesweit renommierter Autoexperte. Er leitet das Car Automotive Center in Duisburg.