Mehr als drei Viertel der Elf- bis 17-Jährigen haben in den vergangenen drei Monaten über Rückenschmerzen geklagt. Das geht aus einer Befragung der europaweit größten Kinderstudie KiGGS des Robert Koch-Instituts hervor. Verwunderlich sei das nicht, sind sich Eltern und Experten einig. Immerhin verbringen Kinder und Heranwachsende immer mehr Zeit im Sitzen und bewegen sich zunehmend weniger - in der Kita, in der Schule, zu Hause vor dem Fernseher oder am Computer.

Erfahrungen, die auch die Physiotherapeutin Astrid Saalbach vom Medau-Physio-Team in Coburg teilt. "Wir behandeln schon Zehnjährige, die stressbedingt Massagen gegen Nackenverspannungen verschrieben bekommen." Auch Fälle von Rückenschmerzen vom Tragen eines zu schweren Schulranzens habe es schon gegeben. Auffällig sei, dass es insbesondere bei der Motorik der Kinder immer häufiger zu Entwicklungsverzögerungen kommt. Durch den Wegfall von Turngruppen oder Vereinssport in Corona-Zeiten habe sich die Symptomatik verstärkt. Gerade Kinder, bei denen die Eltern wenig Wert auf Bewegung an der frischen Luft legen, sei eine Verschlechterung der motorischen Fähigkeiten festzustellen.

Handy schadet den Halswirbeln

Die bundesweite Aktion "Rückenwirbel" will dem entgegenwirken. Die Physiotherapeutin Sabine Welsch ist derzeit in Coburgs Schulen unterwegs , um präventive Übungen fürs Klassenzimmer vorzustellen.

Häufig ist der Blick der Jugendlichen aufs Tablett oder Smartphone gerichtet. Je nachdem, wie tief der Kopf beim Lesen auf dem Handy nach unten gesenkt wird, desto stärker sind die auf die Halswirbelsäule wirkenden Kräfte. Die Folge sind Nackenschmerzen und Verspannungen im Rücken.

Lesen Sie hier, wie bereits in der Grundschule präventiv Rückenschmerzen vorgebeugt wird

Als häufigste Ursache für die starke Zunahme von Rückenschmerzen bei Kindern sehen Ärzte zu wenig Bewegung. "Ohne ausreichende Bewegung werden die für die Haltung so wichtigen kindlichen Muskeln zu schwach ausgebildet. Das begünstigt Fehlstellungen der Wirbelsäule", sagt Professor Robert Rödl, Vorsitzender der DGOU-Sektion "Vereinigung für Kinderorthopädie" gegenüber t-Online.

Geringere Belastbarkeit

Die Folge sei häufig eine Verkümmerung der Muskulatur, deren stützende und koordinierende Funktion für die Körperhaltung wichtig sei. Zudem könne es zur Schwächung des Knochensystems und dadurch zu einer geringeren Belastbarkeit kommen.

Auch Stress kann Verspannungen in Muskeln und Bindegewebe im Rückenbereich verursachen und führt im Kindesalter oftmals zu Rücken- und Kopfschmerzen. Die häufigsten Krankheitsbilder im Kindesalter, die das Symptom Rückenschmerz auslösen, sind deformierende Rückenerkrankungen wie Skoliose und Morbus Scheuermann.

Susanne Thaler, Rektorin der Melchior-Franck-Schule in Coburg, kennt an ihrer Schule keine Kinder mit akuten Rückenproblemen. Allerdings stellt auch sie fest, dass die Schüler zunehmend motorische Probleme haben. Balancieren beispielsweise sei für Viertklässler oft noch ein Problem und längst keine Selbstverständlichkeit mehr - wie früher.

Das sieht Astrid Hess vom TV 48 ebenso. Sie organisiert die Mittagsbetreuung an der Schule und hat bereits ein aktives Sportprogramm dafür entwickelt. "Einbeinhüpfen, Ball werfen oder fangen wird für die Kinder immer schwieriger", sagt sie. Das sei vor Corona schon so gewesen, aber jetzt noch viel schlimmer.