Eine Mutter von drei Töchtern bekommt im Oktober vergangenen Jahres einen Anruf von ihrer Ältesten. Was die 19-Jährige sagt, lässt jeder Mutter das Blut in den Adern gefrieren: "Mama, ich muss dir was sagen. Der F. hat sich an mir vergriffen."

Der Mann, den die 19-Jährige der mehrfachen Vergewaltigung bezichtigt, ist 55 Jahre alt und wohnt im selben Haus. Er arbeitet als Begleiter eines Fahrdienstes, der auch das mutmaßliche, geistig behinderte Opfer zur Schule fuhr. So haben sich der 36 Jahre ältere Mann mit den kurz geschorenen Haaren und grauem Drei-Tage-Bart und die junge Frau angefreundet.

Der Angeklagte bestreitet die Vergewaltigung, sagt, die 19-Jährige habe aus freien Stücken mit ihm geschlafen.
Sandra Hackenberg

Als F. in seinem Elternhaus in Lichtenfels mehrere Zimmer frei hatte und die Familie eine neue Wohnung suchte, zogen die Frauen kurzerhand bei ihm ein. Ein paar Wochen lebten sie harmonisch im selben Haus. F. war auf die Geburtstagsfeier der Mutter eingeladen, mehrmals die Woche saß man zusammen im Wintergarten, spielte Brett- und Kartenspiele. Inzwischen sitzt der Vater von drei erwachsenen Söhnen in Untersuchungshaft, die Frauen wohnen noch immer in dem Haus, haben das Wohnungsschloss austauschen lassen.

Wie es so weit gekommen ist, versucht das Landgericht Coburg seit Freitag herauszufinden. Doch bereits zum Prozessauftakt wird klar: Das wird schwierig. Während die Mutter der 19-Jährigen steif und fest behauptet, F. habe ihre Tochter vergewaltigt, weil sie selber ihn habe abblitzen lassen, sagt der Beschuldigte: "Wir hatten zwar Geschlechtsverkehr. Aber das war im gegenseitigen Einverständnis." Sollte seine Aussage stimmen, wäre die ungewöhnliche Konstellation zwar moralisch fragwürdig, jedoch nicht strafbar.

Der Beschuldigte führt aus, seine Frau und er hätten sich vor zwei Jahren einvernehmlich getrennt. Sie zog aus, er und seine Söhne blieben im Haus seiner Mutter wohnen. Nach 33 Jahren Ehe ist der 55-Jährige laut eigener Aussage eine Beziehung zu der 19-Jährigen eingegangen. In diesen paar Wochen soll es auch zum Geschlechtsverkehr gekommen sein. "Ich habe sie zu nichts gezwungen", beteuert F. Vielmehr seien die Annäherungsversuche von dem mutmaßlichen Opfer ausgegangen.

Der Angeklagte will die Mutter sogar gewarnt haben: "Deine Tochter legt sich immer auf meinen Schoß, die will mehr." Das habe die 40-Jährige aber nicht interessiert. Schließlich sei F. auf die Avancen der jungen Frau eingegangen. "Sie haben das so geschehen lassen?", hakt Richter Klaus Halves nach. F. macht eine ausschweifende Handbewegung: "Mein Fehler."

Nach wenigen Wochen Beziehung habe sich F. aber von der jungen Frau getrennt, weil er sich in ihre - ebenso junge - Freundin verliebt hat und von da an mit dieser zusammen war. Der Richter will wissen, wie die Verlassene darauf reagiert hat. "Ich hatte den Eindruck, dass es ihr egal war - bis Monate später die Anzeige kam."

Die Mutter zeichnet ein komplett anderes Bild. Nachdem sie in das Haus eingezogen waren, sei alles in Ordnung gewesen, "bis er angefangen hat, aufdringlich zu werden." Und zwar zuerst nicht gegenüber der Tochter, sondern ihr gegenüber. "Er hat Annäherungsversuche gemacht, seine Hand auf meinen Oberschenkel oder seinen Arm um meine Schultern gelegt", schildert die Servicekraft. "Ich habe ihm gesagt, dass er mich in Ruhe lassen soll." An ihrem 39. Geburtstag soll F. gesagt haben: "Wenn du nicht willst, muss eben deine älteste Tochter herhalten."

Sie habe den Angeklagten daraufhin gebeten, zu gehen. Von da an sei das Verhältnis schwierig geworden, sie habe sich von ihrem Nachbarn bedrängt gefühlt. "Einmal bin ich nachts wach geworden und auf Toilette, da stand er urplötzlich im Wohnungsflur." F. habe über Monate einen Schlüssel zur Wohnung der Frauen gehabt - angeblich, um Zugang zum Heizungsraum zu haben.

Ihre Tochter habe einen Behindertengrad von 70 Prozent, eine verminderte Intelligenz und leichte Züge von Autismus. Sie sei leicht beeinflussbar, weshalb die Mutter den Kontakt zu F. unterbunden hat, als sie gemerkt habe, was er im Schilde geführt habe.

Offenbar erfolglos. Als die Mutter den Anruf von ihrer Tochter bekam, habe die erzählt, F. habe sich betrunken Zutritt zu ihrem Zimmer verschafft, sie aufs Bett geworfen und sie zwei Mal vergewaltigt. Danach soll er sie dazu gezwungen haben, sich selbst zu befriedigen. Er hat Aufnahmen mit dem Handy gemacht. Diese Fotos hat F. der Mutter, nachdem die Vorwürfe bekannt wurden, aufs Handy geschickt, dazu Aussagen wie  "Ich war fast jede Nacht mit ihr im Bett" und dass sie lauter stöhne als ihre Mutter.

Licht ins Dunkel könnte die Aussage der 19-Jährigen bringen, die am 3. November erwartet wird.