Den Schlüssel zu seinem Abgeordnetenbüro hat Hans Michelbach (CSU) schon am Montagvormittag abgeben. Von 1994 bis zum heutigen Dienstag war er Mitglied des Bundestags; seit dem Umzug nach Berlin hatte er immer dasselbe Büro - "direkt neben Volker Kauder und Wolfgang Schäuble", wie er erzählt. Ein bisschen Wehmut sei beim Räumen des Büros noch aufgekommen, "aber ich bin mit mir im Reinen", sagt er. Die neuen Abgeordneten "müssen jetzt ran und jeder an seinem Platz Leistung zeigen". Im Gespräch mit dem Tageblatt verrät der 72-Jährige, welche Entscheidung für ihn rückblickend die schwerste war, wie er der Region auch weiterhin helfen könnte - und warum er möglicherweise demnächst am Empfang einer psychologischen Praxis in München sitzt.

Tageblatt: Die neue CDU/CSU-Fraktion im Bundestag ist kleiner als die alte. Was hat die Union falsch gemacht?

Hans Michelbach: Man hat keine Politik betrieben, sondern sich mit sich selbst beschäftigt. Das war ziemlich inhaltsleer. Auch bei der Nominierung gab es Fehler. Ich kenne Armin Laschet schon seit 1994. Er ist nicht der Typ, der das Amt Bundeskanzler übernehmen sollte. Mir wäre ein anderes Bundestagswahlergebnis natürlich lieber gewesen, aber in der Demokratie ist das zu akzeptieren. Die Union ist sicherlich in einem beklagenswerten Zustand und hat sich inhaltlich in weiten Teilen entkernt. Die CDU war lange mit sich selbst beschäftigt anstatt die Probleme der Bürger anzugehen. Die Union muss wieder Boden unter die Füße bekommen und sich kompetent und glaubwürdig aufstellen - mit einer Verjüngung und auch mehr Frauen in der Verantwortung. Ich werbe für eine Modernisierungspolitik in der Union mit einer Rückbesinnung auf das Erfolgsmodell der Sozialen Marktwirtschaft.

Das klingt nicht nach einem Plädoyer für Friedrich Merz als neuen CDU-Chef.

Ich werbe dafür, dass ein Jüngerer die Geschäfte in die Hand nimmt. Ich bin seit 1994 mit Friedrich Merz befreundet. Er könnte er für den Übergang noch wichtig werden. Aber ich werbe für einen Generationenwechsel, um glaubwürdig eine Modernisierungspolitik anzugehen. Friedrich Merz ist immerhin schon 66.

Wer ist dann Ihr Favorit?

Im Moment schwanke ich zwischen Carsten Linnemann, Jens Spahn und Norbert Röttgen. Alle drei sind enge Freunde von mir - und alle drei könnten eine Politik des Ausgleichs gut verkörpern.

In 27 Bundestags-Jahren entstehen ja viele Freundschaften. Wie sehr wird es Ihnen fehlen, bestimmte Kollegen nicht mehr regelmäßig zu sehen?

Die Kontakte hören ja nicht auf. Ich habe viele Freundschaften, die ich auch weiter pflegen werde. Vier der Unionsabgeordneten, die 1994 im Bundestag waren, sind noch da: Norbert Röttgen, Michael Meister und Wolfgang Schäuble; Friedrich Merz ist zurückgekehrt. Peter Altmaier ist nun kurzfristig ausgeschieden.

In Ihrer Zeit als MdB konnten viele Verkehrsprojekte vorangebracht werden. Auch für einen vierstreifigen Ausbau des Weichengereuths in Coburg haben sie sich sehr eingesetzt - um dann zur Kenntnis nehmen zu müssen, dass der neue Coburger Stadtrat diese Maßnahme gar nicht mehr will. Wie ärgerlich war das für Sie?

Wichtig ist, dass die 25 oder 30 Millionen Euro der Region nicht verloren gehen. Wenn man den Ausbau nicht haben will, muss man sehen, dass diese Mittel aber trotzdem in die Region fließen. Einspruchsmöglichkeiten sind wichtig in der Demokratie. Ich bin niemandem gram, wenn er eine andere Auffassung hat. Ich hab' nie auf die Demoskopen und die sozialen Medien vertraut, sondern bin am Samstagfrüh auf den Coburger Marktplatz gegangen. Beim Kaffeetrinken hab' ich gehört, wie die Stimmung ist. Wenn die Leute mich freundlich gegrüßt haben, war alles in Butter. Das Gespräch mit den Leuten war mir in Coburg unheimlich wichtig. Ich fand es wohltuend, wenn sie offen mit mir umgegangen sind - auch wenn sie mir mal mitgeteilt haben, wie unmöglich sie mich fanden. Mit Kritik konnte ich immer umgehen.

Vom Coburger Marktplatz wieder mitten hinein ins Berliner Politikgeschehen: 2017 haben Sie für die Homo-Ehe gestimmt - Angela Merkel war dagegen. War das ganze damals ein Manöver, um die SPD in den Verhandlungen für die Große Koalition zu befrieden?

Das war eine Entscheidung, die ich mir wohl überlegt habe und bei der ich sehr im Austausch mit Betroffenen war, die eine lesbische oder schwule Partnerschaft führen. Ich war einer derjenigen, der sich wirklich mit den Betroffenen auseinandergesetzt hat. Es gibt so viele Menschen, die da noch Vorurteile haben - aber das ist völlig verkehrt. Man muss gesellschaftliche Veränderungen auch akzeptieren. Warum Merkel es auf der einen Seite auf die Agenda gesetzt hat und dann doch dagegen gestimmt hat, das habe ich ihr nachgetragen. Das war war ihre spezielle Form von Opportunismus.

In welcher Frage würden Sie persönlich heute anders abstimmen als damals?

Womit ich mir nach wie vor schwer tue, ist die Entscheidung, die Bundeswehr in Kampfeinsätze zu schicken. Afghanistan wurmt mich noch immer. Aber keine Einsätze wären auch keine Lösung gewesen. Wir haben uns da allerdings auch immer drängen lassen von anderen Interessen. Gott sei Dank haben wir zumindest dem einen oder anderen Einsatz widerstanden, wenn ich zum Beispiel an den Irak-Krieg denke.

Was haben Sie nicht so abschließen können wie Sie es gerne gehabt hätten? Welche Baustelle hinterlassen Sie Ihren Nachfolgern?

Die Umsetzung verschiedener Infrastrukturmaßnahmen, die in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen wurden. Egal, ob Straße, Schiene oder Breitbandkabel: Da ist in der Region noch ein massiver Nachholbedarf. Grundsätzlich ist der Erhalt der Industriestruktur ist sehr wichtig. Jeder Arbeitsplatz, der da verloren geht, ist einer zu viel. Deshalb müssen die wirtschaftlichen Standortbemühungen fortgesetzt werden. Wichtig ist auch eine Modernisierungspolitik mit neuen Lösungen im Bereich der Ökologie und Ökonomie. Deshalb muss auch die Hochschule in Coburg und Kronach unterstützt werden. Ich hoffe, dass ich die eine oder andere Verbindung für die Region noch nutzen kann, wenn ich von Bürgermeistern und Landräten gebeten werde, auch über meine Partei hinaus. Ich habe viele Verbindungen, bis zum zukünftigen Kanzler. Wir Sprecher und Obleute des Finanzausschusses saßen ja jeden Montag im Finanzministerium und wurden zu den Entscheidungen der Woche informiert. Das war bei allen Ministern so.

Sie haben eine wunderschöne Wohnung in Coburg. Werden Sie die jetzt aufgeben und ihren Lebensmittelpunkt wieder in Ihren Heimatort Gemünden am Main verlegen?

Ich suche eine kleinere Wohnung, denn die jetzige in Coburg ist sehr groß. Ich werde auch meine Berliner Bewohnung behalten, weil ich noch so viele Kontakte habe und Einladungen bekomme von allen möglichen Organisationen und ich in verschiedenen Gremien noch gefragt bin. Außerdem habe ich vor, meine Töchter stärker zu unterstützen. Sie vertrauen darauf, dass ich jetzt öfter mal helfe. Meine Tochter in Göttingen hat zwei Töchter und ist voll berufstätig, ihr Mann ist viel beruflich unterwegs. Meine Tochter in München will eine eigene psychologische Praxis eröffnen. Da helfe ich vielleicht gelegentlich am Empfang. Zumindest habe ich ihr das angeboten. Aber jetzt ist erst mal eine Woche Urlaub geplant. Den habe ich meiner Frau versprochen.

Das Gespräch führte Redaktionsmitglied Simone Bastian.