Liebe Handballfans, in der aktuellen Zeit ist in allen Lebensbereichen eine Eigenschaft besonders gefragt: Spontaneität. Das gilt natürlich auch für den Sport und gerade akut für die Handball-Weltmeisterschaft. Zwei Tage vor dem WM-Start mussten mit Tschechien und der USA zwei Mannschaften absagen, Nordmazedonien und die Schweiz sind spontan eingesprungen. Da ja der Spielplan schon eine Weile feststeht, bin ich mir sicher, wenn man mal das Beispiel Österreich hernimmt, dass sich unsere Nachbarn sehr dezidiert auf ihren eigentlichen ersten Gruppengegner, die USA, vorbereitet haben. Stattdessen traf Österreich am Donnerstag auf die Schweiz.

Das ist sicher nicht der sportliche Wettbewerb, den man sich bei einer WM vorstellt, ist aber der besonderen Situation geschuldet. Dass die USA nicht am Turnier teilnehmen können, ist schade für die Bemühungen, den Sport dort bekannter zu machen. 2006 durfte ich über die Jahreswende in New York ein Handball-Show-Spiel als Coach begleiten. Eine Welt-Auswahl traf auf eine Auswahl deutscher Bundesliga-Spieler - eben mit jenem Ziel, Handball in den USA zu präsentieren. Trotz Stars wie Staffan Olsson oder Magnus Wislander besuchten das Spiel letztlich genau 314 Menschen. Das sagt einiges aus.

Bei der Aufstockung der WM auf erstmals 32 Teams bin ich - unabhängig von Corona - zwiegespalten. Wie gesagt, mit der Teilnahme von kleineren Nationen bietet sich die Chance, Handball in der Breite und auch außerhalb Europas populärer zu machen. Das ist für die Entwicklung des Sports wichtig. Wenn man aber gleichzeitig weiß, dass es noch keinen optimalen Terminkalender für die hochbelasteten Teams aus den größeren Nationen gibt, beißt sich das. Und die Leistungsdichte wird im Vergleich zu früheren Turnieren abnehmen. So wird beispielsweise das deutsche Team in seinen beiden ersten Gruppenspielen gegen Uruguay und Kap Verde deutliche Siege einfahren.

Das ist für das Team von Trainer Alfred Gislason ganz gut, da die Spiele quasi noch Teil der Vorbereitung sind und man noch viele Dinge ausprobieren kann. Für die deutschen Zuschauer vor dem Fernseher könnte sich der Unterhaltungswert dabei aber in Grenzen halten. Wobei ich schon glaube, dass beide Nationen den einen oder anderen interessanten Spielzug präsentieren werden. Uruguay hat einige Spieler in seinen Reihen, die ihr Geld in Spanien, einer guten Liga, verdienen. Dort bereitete sich das Team auch in einem Trainingslager vor. Grundsätzlich nähert sich die Spielweise solcher Mannschaften immer mehr der europäischen Spielidee an.

Das war vor einigen Jahren noch anders. Da konnte man bei Außenseitern häufig noch sehr offensive Abwehrreihen beobachten: eine Mann-Mann-Verteidigung im Halbfeld, ähnlich wie man sie aus dem Basketball kennt. Mittlerweile ist die 6:0-Abwehr fast überall verbreitet. Die taktischen Freiheiten sind bei Nationen wie Uruguay und Kap Verde trotzdem noch größer, das spielerische Korsett ist nicht ganz so eng, die Individualität spielt eine größere Rolle. Was wir als Zuschauer auf jeden Fall beobachten können: Der riesige Stolz auf das Erreichte, die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft, wird bei den Spielern über die komplette Spieldauer mitschwingen. Und das wird man mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in der einen oder anderen sehr aggressiv gespielten Abwehraktion bemerken ...

Jan Gorr ist seit 2013 beim HSC 2000 Coburg - sieben Jahre als Trainer, seit 2020 als Geschäftsführer. Während der WM in Ägypten schreibt der ehemalige Co-Trainer der DHB-Auswahl exklusiv für diese Zeitung.