Liebe Handballfreunde, ich bin sehr froh, dass die Verantwortlichen der Internationalen Handballföderation (IHF) über ihren Schatten gesprungen sind und nun doch entschieden haben, komplett auf Zuschauer bei der Weltmeisterschaft in Ägypten zu verzichten. Alles andere wäre auch ein völlig falsches Zeichen und ein unnötiger Risikofaktor gewesen. Dass die Stimme der Spieler - 13 WM-Kapitäne, unter anderem Uwe Gensheimer, hatten einen offenen Brief verfasst - Gehör beim Verband gefunden hat, ist ein tolles Signal. Denn das war in den vergangenen Jahren im Handball nicht immer der Fall, wenn man zum Beispiel mal das ewige Thema Rahmenterminkalender hernimmt.

Der Terminkalender verlangt den Spielern besonders in diesen Tagen mit der extrem kurzen Vorbereitungszeit auf die WM einiges ab. Dafür holt die deutsche Nationalmannschaft aus der bisherigen Vorbereitung nahezu das Optimum heraus. Das DHB-Team hat das in den beiden EM-Quali-Spielen gegen Österreich gut gemacht, bis zum Ende des Spiels richtig Gas gegeben. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass die beiden Partien gegen unseren Nachbarn kein Härtetest waren. Die Österreicher waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt und mit unserer konsequenten Abwehrarbeit und dem guten Torwartspiel in weiten Phasen der beiden Partien überfordert.

Wie weit die deutsche Deckung mit dem neu formierten Innenblock um den Erlanger Sebastian Firnhaber und Johannes Golla bereits ist, ist schwer zu beurteilen. Das werden wir vermutlich erst gegen höher einzuschätzende Teams bei der WM sehen. Das Problem: In der Kürze der Zeit kann man gar keine echte Systemstärke entwickeln, es werden nicht alle Automatismen greifen. Ein Defizit, das durch viel Engagement, Laufbereitschaft und Leidenschaft ausgeglichen werden muss. Und das kann unsere junge Mannschaft.

Unser großes Plus ist zweifellos die Torhüterposition mit Andreas Wolff, Silvio Heinevetter und Jogi Bitter. So eine Qualität auf dieser wichtigen Position kann auf höchstem Niveau den Unterschied machen. Darum beneiden uns viele andere Nationen. Weltklasse sind wir nicht nur im Tor, sondern auch auf den Außenpositionen besetzt. Ein Schlüssel für den Erfolg könnte die Position des rechten Rückraumspielers sein. Kai Häfner ist ein toller Spieler, der aber zuletzt in der Liga mit unbeständigen Leistungen zu kämpfen hatte. Ich hoffe, dass er sich sein Selbstvertrauen mit guten Aktionen zu Beginn des Turniers zurückholen kann. Spannend ist sein junger Positionskollege Antonio Metzner. Er hat sich in Erlangen sehr gut entwickelt und bringt mit seiner Torgefahr frische Impulse in das Spiel. Er muss sich den Aufgaben mit viel Mut stellen - so wie er es bereits gegen Österreich teilweise getan hat. Betrachtet man nur die Einzelspieler, fehlt uns im Rückraum Weltklasse-Niveau, doch im Zusammenspiel können wir dieses trotzdem erreichen. Denn während Top-Nationen wie Norwegen bei einem Ausfall von Sander Sagosen oder Dänemark bei einem Fehlen von Mikkel Hansen vor einem Problem stehen würden, kann Deutschland im Kollektiv viel kompensieren. Diese Ausgeglichenheit muss im Turnierverlauf der Trumpf sein.

Jan Gorr ist seit 2013 beim HSC 2000 Coburg - sieben Jahre als Trainer, seit 2020 als Geschäftsführer. Während der WM in Ägypten schreibt der ehemalige Co-Trainer der DHB-Auswahl exklusiv für diese Zeitung.