Der Lichtstrahl meiner Stirnlampe huscht über den Boden. Ich blicke nach links. Grashalme bewegen sich. Ein Bein mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen taucht aus dem Laub auf. Der kleine Frosch flieht mit kräftigen Sprüngen vor dem Schein meiner Lampe - in Richtung Straße. Mit einem Satz bin ich über dem Zaun, strecke den Arm aus und schließe meine Finger vorsichtig um den kleinen feuchten Körper. Ich setzte ihn in den Eimer, den mir Freimut Brückner hinhält. "Habt ihr was?", ruft uns Anne Tischer zu. "Ja, einen Grasfrosch", antwortet Freimut. Dass der kleine Froschprinz ziemlich einsam bleiben wird, ahnen wir in dem Moment noch nicht.

Ende Februar beginnt die Wanderzeit

Ich gehe zurück hinter die Absperrung. Mir reicht die grüne Plane gerade so bis zur Mitte des Schienbeines, doch für Amphibien ist sie eine unüberwindbare Mauer. Der Zaun erstreckt sich vor dem Ortsschild von Horb bei Fürth am Berg über einige hundert Meter in Richtung Neustadt. Ein zweiter Zaun schließt sich, nach eine kurzen Unterbrechung, an. Die Zäune stehen an Stellen, die sich mit der Zeit als beliebte Wege der Amphibien herausgestellt haben. Sie sind eine wichtige Sicherheitsvorkehrung, denn ab Ende Februar bis Ende April ist Wanderzeit. Amphibien wie Erdkröten, Molche, Wasser- und Grasfrösche machen sich auf zu ihren Laichplätzen. Dafür müssen sie ihrem schlimmsten Feind trotzen - dem Auto.

Um die gefährliche Bundesstraße sicher zu überqueren, bekommen sie von Menschen wie Anne Tischer und Freimut Brückner Hilfe. Das Paar engagiert sich, zusammen mit drei anderen, beim Landesbund für Vogelschutz (LBV), der sich um die Amphibienwanderung im Raum Neustadt kümmert. Morgens und Abends gehen die beiden ihre Strecke ab. Wenn das Wetter passt, jeden Tag. "Wenn es weniger als fünf Grad sind, können die Tiere nicht laufen. Da graben die sich ein und warten bis das Wetter besser wird", erklärt Anne, als wir aufmerksam den Zaun entlang gehen. In Abständen von einigen Metern sind Eimer in den Boden eingelassen, sodass die Amphibien, die tagsüber unterwegs sind, hineinfallen.

Ein Teppich aus Matsch

Obwohl es auf unserer Tour bereits nach 21 Uhr ist, rauschen immer wieder Autos an uns vorbei. Unsere Warnwesten reflektieren das Licht der Scheinwerfer. "Früher, wenn es geregnet hat, war nachts die Straße Brei. Die Kröten sind zu hunderten überfahren worden", sagt der 78-Jährige. Seine Stirnlampe leuchtet in einen Eimer, doch dort sind nur Blätter und eine Nacktschnecke. "Es war ein Teppich aus Matsch!", sagt auch Anne. Seitdem wurden zum Teil feste Zäune aus Metall in den Boden eingelassen, um die Amphibien zu retten, denn sie sind ein wichtiger Teil des Ökosystems.

Ein Ökosystem, das, wie wir auf der Tour bemerken, auch noch eine andere Bedrohung hat: Müll. Zu unserer Rechten versinkt eine Radabdeckung in einem Tümpel. Alle paar Meter hängen Plastik-Verpackungen in den Sträuchern. "Vor zwei Wochen hat jemand sieben Autoräder abgeladen", erzählt die 69-Jährige, "vier Wochen davor haben wir Tüten gefunden, mit unheimlich viel Essen. Darunter ein Schweinekopf.""Ein Schweinekopf?", frage ich ungläubig nach. "Wirklich! Ein gekochter Schweinekopf", antwortet sie. Auch einen Fernseher, ein Kinderreisebett und ein Spiegel haben sie schon gefunden. Heute ist nichts Kurioses dabei, aber mit den Amphibien haben wir auch nicht mehr Glück. "Ich habe fast die Befürchtung, dass wir nichts mehr finden", meint Freimut, denn es ist schon das Ende der Saison. Unser kleiner Prinz ist wohl einer der letzten dieses Jahr. Wir überqueren die Straße und treten den Rückweg an.

Dieses Jahr ist das Wetter auch nicht optimal gewesen. "Zu wechselhaft", meint Anne, "2018 war mit 5000 Tieren unser absolutes Hoch, da war es im April schon richtig warm." Dieses Jahr haben sie im gesamten Gebiet bisher 2005 Tiere eingesammelt. 1491 Erdkröten, 203 Molche, 311 Frösche. Im Jahr zuvor waren es insgesamt 3151 Tiere. Den Rückgang führt Freimut vor allem auf die lange Trockenheit und die Nachtfröste zurück. Es gibt aber auch Grund zum Freuen: Es gibt mehr Molche.

Die Tunnel werden nicht angenommen

Neben den Helfern gibt es auch Tunnel, die den Amphibien den Weg zu den Laichplätzen erleichtern sollen. Einige Meter sehen wir ebenso einen Tunnel, der in etwa den Durchmesser eines Fahrradrades hat. Er führt unter der Straße hindurch. Eigentlich eine schlaue Idee, aber "bei uns werden die absolut nicht angenommen. Die Tiere schauen durch den Tunnel und am anderen Ende ist eine senkrechte Wand. Die sehen kein Licht und gehen nicht durch", erklärt Anne und schüttelt den Kopf. Die Lösung mit den Eimern sei für sie die beste, meint sie. Wenige Schritte weiter haben wir unser Ziel erreicht - oder zumindest unser kleiner Prinz, der brav in seinem Eimer hockt.

Überraschend still liegt der Teich da. Zwischen den Wasserpflanzen, dem Gras und den gefallenen Blättern sehe ich nur vereinzelt ein feuchtes Auge aufblitzen oder ein Paar Beine vor dem Licht fliehen. Plötzlich taucht eine Erdkröte auf, das Männchen wie immer auf dem Rücken. "Die Weibchen schleppen die Männchen bis zum Teich", sagt Anne. "Teilweise über ein, zwei Kilometer. Und meist bleiben sie auch auf ihnen sitzen", ergänzt Freimut und lacht. Anne erklärt: "Sie klammern sich ganz fest an die Weibchen. Die würdest du nie runter kriegen ohne ihnen die Arme zu brechen. Die gibt es nur im Doppelpack."

Wohin gehen sie?

Unser Prinz posiert noch kurz für ein letztes Bild, dann setzt ihn Freimut am Rand des Teiches ab. Mit zwei Hopsern ist er unter der Wasseroberfläche verschwunden. Lange wird er hier nicht bleiben. "Der Grasfrosch und die Kröten hauen nach dem Laichen schnell wieder ab. Aber die Wasserfrösche bleiben länger. Die überwintern zum Teil dort", sagt Freimut. Ich frage, wo sie danach hingehen. "Das ist eine gute Frage", antwortet Freimut. "Da haben wir schon einige Experten gefragt. Eine klare Antwort haben wir nicht", ergänzt Anne.