Sie strahlt über das ganze Gesicht. Immer wieder wagt sich das kleine Energiebündel auf den Arkaden ins Rampenlicht und imitiert heiter und beschwingt die drei graziösen Tänzer. Sie hat Spaß. Sie lacht, dreht sich im Kreis und versucht es sogar schon auf einem Bein. Mit ihrem hellen T-Shirt hebt sich das Mädchen deutlich von den mystisch gekleideten Profitänzern Chih-Lin Chan, Yuriya Nakahata und Takashi Yamamoto ab.

Kaija, die Tochter von Ballettmeisterin Tara Yipp und Schauspieler Frederik Leberle, bringt am Sonntagvormittag all das zum Ausdruck, was der Kunstspaziergang im Coburger Hofgarten bei seinen zahlreichen Gästen bewirken soll: Pure Lebensfreude in tristen Corona-Zeiten.

"Theater im Vorbeigehen - sie spazieren, wir spielen" war am Samstag und am Sonntag eine willkommene Abwechslung für rund 500 Besucher und Künstler. An zwei Vormittagen lud das Landestheater Coburg zum Genießen, Verweilen, Zuhören und Flanieren ein - ein neues, mutiges, aufwendiges, außergewöhnliches und souverän gelungenes Format.

Jeweils drei Gruppen mit etwa 30 registrierten und noch einmal rund 20 spontan-neugierigen Gästen genossen dabei Kultur mit Gesang und Bewegung in seinen vollen Zügen unter freiem Himmel. Und auf Bernhard F. Loges "bestem Freund" - nämlich "dem Wetterradar" - war sogar am windigen Sonntagvormittag Verlass.

Der Intendant - oft mit Handy am Ohr, weil er sich mit den beiden anderen Gruppen zeitlich abstimmte -, strahlte mit der ab und zu aufblitzenden Sonne ob der beiden gelungenen Auftaktveranstaltungen immer wieder um die Wette.

Große Vorfreude auf Mozart

Die ausdrucksstarken Tanzvorführungen des Ballett-Trios standen im Mittelpunkt von nur einer der insgesamt sechs Stationen. Das Coburger Ensemble hatte nämlich ein bunt gemischtes und abwechslungsreiches Kultur-Potpourri einstudiert. Für die vom Intendanten selbst geführte Gruppe öffneten sich zuerst die großen Tore der Reithalle. Marco Cruz Otero begleitete am Flügel Emily Lorini, Francesca Paratore, Michael Lion und Daniel Carison zu Opern und Operetten. "Sie dürfen sich jetzt schon auf die Premiere von Mozarts Oper Così fan tutte freuen", schwärmte Loges und spendete gemeinsam mit den schon an der ersten Station geflashten Zuhörern Beifall.

Das Publikum im Hofgarten reichte vom Säugling bis zum Greis. Die Atmosphäre war locker und freundlich. Am Reiterdenkmal unter Herzog Ernst II. boten Marthel Witkowski, Angelika Stirner-Ebert und Renate Kubisch mit Flöten und Violoncello drei Werke von Joseph Haydn. Auch diesem Trio war die Erleichterung und Begeisterung regelrecht ins Gesicht geschrieben. Endlich wieder vor Publikum spielen! Und das mit ganz viel Herzblut. "Denen könnte ich noch stundenlang zuhören", schwärmte eine ältere Dame und flüsterte ihrem Mann ins Ohr, erhob sich dann aber doch so allmählich von der Wiese und ging zur nächsten Station.

Glockengeläut und Spenden

Vor dem Pavillon freute sich bereits der bestens gelaunte Kapellmeister Johannes Braun mit einem Teil seines Orchester auf die Loges-Gruppe. Bevor er am Herzog-Alfred-Brunnen Dvoráks Serenade d-Moll op.44 dirigiert, moderiert der Theaterchef aber noch das störenden Glockengeläut geschickt weg. Da dieser besondere Spaziergang nicht nur für die unangemeldeten Zuschauer, sondern auch für alle Besucher kostenlos ist, standen an mehreren Stationen blaue Spendenboxen. "Wir wollen damit alle freischaffenden Künstler unterstützen. Viele haben in diesen Corona-Zeiten keine Einkünfte und bangen um ihre Existenz", begründete Loges die Initiative.

Samba-Feeling

Von Frust und Wut war kurze Zeit später am Naturkundemuseum nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil: Sechs Schauspieler boten einen Hauch von Samba-Feeling. Mit ihren "Ohrwürmern" aus England, Amerika und der Karibik sorgten sie selbst beim letzten Skeptiker für pure Begeisterung. Ein wenig Kritik muss dennoch erlaubt sein: Niklaus Scheibli wirkte mit seiner lässigen Art dabei phasenweise wie ein "Fremdkörper" in diesem ansonsten überschwänglich gut gelaunten Sextett. Wenn jedoch im Herbst auf der großen Bühne die kompletten "Globe Songs" zu hören sind - dann sogar mit Hits der "Neuen Deutschen Welle" - bringt er seine unbestrittenen Stärken sicher wieder besser zum Ausdruck.

24-köpfiger Chor im Veilchental

Apropos ausdrucksstark: Der 24-köpfige Chor (elf Frauen und 13 Männer) des Landestheaters unter der Leitung des Finnen Mikko Sidoroff präsentiert zum Abschluss des gut zweistündigen Kulturvormittags im Veilchental sechs internationale und nationale Volkslieder - ein sinnlicher Abschluss.