Es ist das Grauen, der Mensch ist das Grauen. Und so inszeniert Schauspieldirektor Matthias Straub Shakespeares "Macbeth" am Landestheater Coburg konsequent vom ersten Bild an: mit Grauen voll, fesselnd unter der Mahnung: Der Mensch neigt zum Missbrauch seiner Kraft, der Macht, bis hin zur totalen Verheerung des Landes, der Gemeinschaft, der Seelen. Wobei diese intensive Inszenierung vor allem dem gedachten Grauen Raum lässt. Wie Shakespeare sagt: Das schreckt uns mehr. Anhaltender, tief beeindruckter Beifall nach der Premiere.
So ist es sofort der ungeheure Bühnenraum von Gabriele Wasmuth, der uns ins düstere Land der Machtgier zieht: Raue Burgmauern drohen aus dichten Nebelschwaden. Sie werden immer wieder an Steigeisen erklommen, nur schwerlich Halt gebend.
So sehr Straub das Ensemble auch in Shakespeares Gedanken- und Lehren-vollen Text um die mörderische Machtergreifung des schottischen Adligen Macbeth zwingt, als theatrales Gegengewicht fesselt die Bilderwucht, die tief im Mythischen wurzelt, so wie es für diesen unvernünftigen Machtwahn im Menschen keine vernünftige Erklärung gibt.
Aus dem Nebel winden sich die drei Hexen, in diesem Fall drei spinnenartige, von Tänzern verkörperte Monstergestalten. Deren vollkommen anders gearteter Dimension gilt nach der Pause sogar eine eigenständige, atemberaubende Tanzperformance im Stil der japanischen Taiko-Trommler, choreografiert von Tara Yipp.
Überhaupt beginnt diese Geschichte mit einem mächtigen Donnerschlag und wird mit düsterem, unheimlichen Sound (Marten Straßenberg) bis an ihr Ende geführt.
Darin aber große Konzentration - und Stille - auf die Gedankenentwicklung der Handelnden, allen voran Niklaus Scheibli als zaudernder, dann umso maßlos grausamerer Macbeth, der "im Treibsand unserer Zeit" gierig nach den widersprüchlichen Prophezeiungen der Hexen greift. Scheibli ist mit Kopf und Mimik intensiv im Machtkampf, doch sein Körper bleibt eigenartig unbeteiligt.


Ein Horrorfilm

Wie allerdings auch die anderen Darsteller, mehr oder weniger, in einer gewissen Erstarrung hängen, vielleicht weil der Regisseur dem Wort Shakespeares unbedingten Vorrang einräumen wollte. Wenn es an dieser Inszenierung etwas Irritierendes gibt, dann diese merkwürdige Verhaltenheit, mit der die Umsetzung der Seelenentwicklung in die Körperlichkeit der Darstellung nicht so erfolgt, wie wir es von dem insgesamt homogenen Schauspielensemble gewohnt sind.
Davon abgesehen aber läuft hier ohnehin ein Horrorfilm aus dem Abgrund der Menschheit, mit dem wir mehr als genug zu tun haben. Kerstin Hänel gleitet als Lady Macbeth in eine erschütternde Wahnsinnsszene, zusammenbrechend unter ihrem eigenen Leitspruch: "Was getan ist, ist getan." Macduff (Valentin Kleinschmidt) hängt am Ende über dem Körper seines toten Kindes. Dem einstigen Freund Banquo (Frederik Leberle) galt ohnehin gleich das nächste Messer, nachdem Macbeth König Duncan (Thomas Straus) ermordet hat. Malcolm, Duncans Sohn (Benjamin Hübner), bringt die Befreiung von dem Tyrannen. Doch er blickt in sich und sieht ebenfalls "Laster aller Art".


Kümmerliche Menschlein

Nur einmal ist uns in diesem Seelenland des Grauens ein Moment zum Lachen gegönnt, Stephan Mertls wieder unvergleichlicher Auftritt als versoffener Pförtner.
"Das Leben ist ein flüchtiger Schein, ein Märchen, erzählt von einem Irren", erkennt Macbeth ziemlich am Ende. Diesem Unfasslichen ausgeliefert, gehen er und seine Lady unter in ihrem kümmerlichen Hass und der Folter ihrer Gedanken. Sie bleiben nichts als kümmerliche Menschlein, die meinten, darüber hinaus greifen zu dürfen. "An Schrecken satt gegessen", werden wir aus diesem fulminanten Theaterabend hinaus geschickt, um selbst "gerecht nach Maß" zu wirken.

Die Produktion Landestheater Coburg: William Shakespeare "Macbeth. Aufstieg und Fall eines Tyrannen". Inszenierung Matthias Straub, Bühnenbild und Kostüme Gabriele Wasmuth, Choreografie Tara Yipp, Sounddesign Marten Straßenberg, Dramaturgie Carola von Gradulewski

Darsteller Niklaus Scheibli, Kerstin Hänel, Thomas Straus, Benjamin Hübner, Frederik Leberle, Valentin Kleinschmidt, Thomas Kaschel, Solvejg Schomers, Nils Liebscher, Stephan Mertl, Chih-Lin Chan, Joshua Limmer, Lauren Limmer/Takashi Yamamoto (drei Hexen)

Weitere Termine, 7., 13., Juni, 6. Juli, 19.30 Uhr, im Großen Haus