Für Richterin Jana Huber gibt es "keinerlei Raum für Zweifel", dass sich die Taten, die Abedelgabar A. vor dem Landgericht Coburg vorgeworfen werden, sich so abspielten wie in der Anklageschrift beschrieben: Durch zahlreiche Zeugenaussagen, DNA-Beweise und schließlich auch das Geständnis des Angeklagten ist es für sie erwiesen, dass Abedelgabar A. seinen Bekannten Ali H. und dessen Bruder angegriffen hat und ihm dabei zwei Mal mit einer Einring-Weberschere in den Oberkörper gestochen hat. Zudem hat er 2018 im Steinweg mehrere Personen angegriffen und verletzt, 2019 einen Polizeieinsatz massiv gestört sowie im September 2020 zwei Polizisten angegriffen und dabei das Polizeifahrzeug beschädigt.

Am Freitag ist Abedelgabar A. für all die ihm vorgeworfenen Vergehen zu einer Haftstrafe von vier Jahren und neun Monaten verurteilt worden. Was trotz der für das Gericht objektiven Beweise und der Verurteilung noch offen bleibt, ist die Antwort auf die Frage: Warum wird Abedelgabar A. "ohne einen konkreten Anlass" immer wieder gewalttätig?

Vorsätzliche gefährliche Körperverletzung

Dem Angeklagten wurden mehrere Straftaten zur Last gelegt: Versuchter Totschlag, gefährliche Körperverletzung, Widerstand gegen Polizeibeamte sowie Angriff auf Polizeibeamte und Sachbeschädigung. Der Vorwurf des versuchten Totschlages konnte sich schlussendlich nicht bestätigen. Zwar konnte A. im Laufe des Verfahrens eine Tötungsabsicht nachgewiesen werden - immerhin wusste er, dass Stichverletzungen im Brustbereich tödlich sein könnten, zudem habe er die Tat mehrere Stunden zuvor angekündigt. Von diesem Vorsatz ist der Angeklagte allerdings zurückgetreten: Obwohl er sah, dass Ali H. durch die Stiche nicht tödlich verletzt wurde, hat Abedelgabar A. keinen erneuten Versuch unternommen, seinem Opfer zu schaden. Deshalb wurde der Angeklagte nicht des versuchten Totschlags, sondern der vorsätzlichen gefährlichen Körperverletzung schuldig gesprochen.

"Erhebliche Gewaltausbrüche"

Im Urteil kam dem Angeklagten zugute, dass er die Taten eingeräumt hat. Zu den Motiven, dem Hergang oder den Details hatte sich Abedelgabar A. allerdings nicht äußern wollen. Staatsanwalt

"Schlaue" Herangehensweise

Johannes Tränkle wertete das als eine "schlaue" Herangehensweise, denn schon in den Äußerungen vor Gericht und den Aussagen beim Sachverständigen hätte es "deutliche Inkonsistenzen" gegeben - vermutlich deshalb, weil der Angeklagte wisse, "was er wann zu erzählen hat", um seine persönlichen Ziele zu erreichen. Für Julia Gremmelmaier und Sabrina Meier, die den in der Mohrenstraße niedergestochenen Ali H. und den im Steinweg verletzten André M. in der Nebenklage vertreten, zerstöre dieses Schweigen allerdings die Hoffnung der Geschädigten, durch den Prozess etwas "Licht ins Dunkel" bringen zu können. Beide Opfer hätten sich gewünscht, zu erfahren, warum ausgerechnet sie dieser "massiven, hasserfüllten Gewalt" ausgesetzt gewesen seien - doch die Antwort sei ihnen verwehrt geblieben.

Staatsanwalt Tränkle forderte für die wiederholten "erheblichen Gewaltausbrüche" des Angeklagten fünf Jahre und sechs Monate Haft. Verteidiger Albrecht von Imhoff gab zu bedenken, dass der Angeklagte im persönlichen Gespräch einen "zugewandten Eindruck" gemacht habe und er in der Lage sei, sich durch eine Therapie zu ändern. Er forderte maximal vier Jahre Haft.

Probleme mit Obrigkeiten?

Richterin Jana Huber fand mit ihrem Urteil einen Kompromiss. Zwar berücksichtigte sie die Einwände des Verteidigers, allerdings bezog sie auch die Schwere und die Anzahl der Delikte in die Urteilsfindung mit ein. Es wurde deutlich: Für die Richterin haben alle Taten ein "ähnliches Gepräge": In jedem Delikt zeige sich, dass sich der Angeklagte "bewusst und zielgerichtet" gegen Obrigkeiten auflehne - sei es gegen Ali H., der ihm in seinem Lokal im Steinweg Hausverbot erteilte, oder gegen die Polizeibeamten, die ihm wegen einer Ordnungswidrigkeit eine Geldstrafe zur Verwarnung geben wollten. Er könne in der JVA versuchen, dieses Problem mit Hilfe einer Soziotherapie während der Verbüßung seiner Haftstrafe zu bewältigen, sagte die Richterin.