Schon vom Umfang her ist das Werk gewaltig: Vier Bände, insgesamt rund 2500 Seiten mit circa 2200 Abbildungen, "davon zwei Drittel bislang unveröffentlicht", wie Harald Sandner stolz betont. Darauf zu sehen ist vermutlich der Mann, der es laut Sandner "vom Obdachlosen zum meistverehrten und zum meistgehassten Mann der Weltgeschichte gebracht hat": Adolf Hitler. Harald Sandler hat in jahrelanger Arbeit zusammengetragen, wann Hitler wo war, beginnend mit der Geburt bis zum Selbstmord am 30. April 1945. "Hitler - Das Itinerar" wird das Werk heißen. Mit "Itinerar" werden Dokumente bezeichnet, die die Routen der mittelalterlichen Reisekönige beschreiben. Für Sandner passend: "Spätestens seit 1926/27 war das Machtzentrum der NSDAP da, wo Hitler sich aufhielt." Ab 1933 habe das fürs gesamte Deutsche Reich gegolten.

Adolf Hitler, Vorsitzender der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei und Reichskanzler ab 1933, schuf einen Unterdrückungsstaat, begann den Zweiten Weltkrieg und ordnete die planmäßige Ermordung der Juden in Mitteleuropa an. Deutschland tut sich nach wie vor schwer mit der Person und dem von Hitler geprägten Teil der deutschen Vergangenheit. Viel davon wird verdrängt und verleugnet, meint Sandner, und nennt als Beispiel die Besuche Hitlers in verschiedenen Städten. "Coburg ist ein trauriges Beispiel dafür, dass man sich nicht erinnern wollte", sagt Sandner über seine Heimatstadt.

Mit deren Geschichte hat es angefangen: Sandner trug bedeutsame Daten der Stadtgeschichte im 20. Jahrhundert zusammen - sein erstes Buch. Da lassen sich Nationalsozialismus und Hitler nicht ausklammern: 1922 marschierte Hitler mit über 650 SA-Männern in Formation durch die Stadt; es kam zu Straßenschlachten. Der "Marsch auf Coburg" wurde von den Nationalsozialisten später zum Mythos erhoben. Damals wurde der vormalige Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha auf Hitler aufmerksam und unterstützte ihn fortan. Hitler dankte die Protektion, indem er Carl Eduard am 1. Dezember 1933 zum Präsidenten des Deutschen Roten Kreuzes machte.


Vom Herzog zu Hitler

Sandner zeichnete die Geschichte des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha nach (2001) und veröffentlichte 2011 schließlich sein bislang umfangreichstes Werk: Die Biografie von Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, übertitelt mit "Hitlers Herzog". Schon damals stieß Sandner bei seinen Recherchen darauf, dass viele Veröffentlichungen zur Geschichte ungenau, fehlerhaft oder schlichtweg falsch waren. So heißt es häufig, dass Hitler nur drei Mal in Coburg war - 1922 und dann wieder 1935 (siehe Foto) und letztmals 1937. Falsch, sagt Sandner: Hitler sei 14 mal in der Stadt gewesen. "Man darf gespannt sein, wie sich das mit dieser Historikerkommission entwickelt", sagt Sandner mit Blick auf den Stadtratsbeschluss vom Oktober. Im Mai war entschieden worden, die Vergangenheit der Stadt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gründlich aufarbeiten zu lassen; im Oktober setzte der Stadtrat dafür eine Kommission aus namhaften Historikern ein, darunter die Direktoren des Historischen Archivs Krupp und des Instituts für Zeitgeschichte(IfZ) in München.

Bei beiden Institutionen hat Sandner für sein Buch recherchiert und zum Beispiel Belege über Hitler-Besuche bei Krupp gefunden, die bis dato wenig bis gar nicht bekannt waren, weil sie der Geheimhaltung unterlagen. Ein Beispiel ist der 10. Juni 1936: "Während für den Tag davor ein Termin in Berlin dokumentiert war und für den Tag danach ein Auftritt in Wilhelmshaven, konnte so für den Tag, an dem ich nur die Zugfahrt von Berlin nach Wilhelmshaven vermutete, ein Zwischenhalt auf dem Versuchsplatz von Krupp in Meppen nachgewiesen werden." Im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte besorgte sich Sandner unter anderem eine Kopie des Terminkalenders von Hitlers Kammerdiener. Er habe jeden Termin, jeden Ort durch zwei Quellen belegt, versichert er.


Keine Fußnoten

Allerdings werde er in seinem Buch auf Fußnoten verzichten, wie schon bei "Hitlers Herzog". Sandner zitiert zwar aus seinen Quellen, gibt aber die Belegstellen nicht an. "Fußnoten garantieren nicht für seriöse Recherche", argumentiert er. Wenn Zitat oder Quelle falsch seien, habe der Leser nichts davon. Außerdem würden Fußnoten das Werk den Rahmen der vier Bände sprengen.

Zehntausende Kilometer sei er gefahren, um all seine Quellen zu prüfen, einen fünfstelligen Eurobetrag habe er allein für deren Beschaffung ausgegeben, sagt Harald Sandner. "Ich bin besessen von der Wahrheit. Wenn ich das nicht wäre, würde ich das nicht leisten können."

Vor allem habe er eine Lücke in der Geschichtsschreibung geschlossen, ist Sandner überzeugt. Das Institut für Zeitgeschichte habe ein solches Itinerar schon vor Jahren angekündigt, aber bislang nicht vorgelegt, sagt er. Das IfZ hat im Rahmen einer Buchreihe zu Hitler lediglich ein Verzeichnis der Redeorte in der Zeit von 1925 bis 1933 erstellt.

Am 26. April 2016 wird der Verlag Berlin-Story das Werk in Berlin präsentieren. Der Preis wird laut Sandner im dreistelligen Bereich liegen.