In Rüttmannsdorf gibt es mehr Hühner als Menschen. "Hier stehen etwa 18 Häuser, in denen rund 50 Menschen leben", sagt Daniel Karl. Zu den Hühnern kommen etliche Schafe, Kühe, Pferde und sogar Alpakas. Hähne gibt es acht, zwei davon gehören Daniel Karl, der mit seiner Frau und seiner einjährigen Tochter Frieda am Ortsrand in einem Haus lebt. "Mit den Hühnern haben wir 2017 angefangen. Damals haben wir uns Küken vom Kükenmarkt in Hassenberg geholt. Als der erste Hahn gekräht hat, meinte der Nachbar, er würde keinen Hahn dulden."

Vom Hahnenschrei gestört

Der Nachbar, dessen Haus vom Grundstück der Karls umrundet wird, engagierte daraufhin einen Anwalt. "Den Anwalt konnten wir mit dem Argument, dass dörfliches Wohnen mit Tierhaltung zusammengehört, abwimmeln", erzählt Karl. Drei Jahre später, im Juli 2020, erhielt der 37-Jährige dann doch eine Klageschrift, die Verhandlung fand im Oktober statt. Der Nachbar, dessen Hauptwohnsitz südlich von Berlin ist, hatte doch noch einen Anwalt gefunden, der ihn vertreten hat.

Vor Gericht kam es zu einer Einigung. "Seitdem müssen die Hausbesitzer ihren Besuch im Vorfeld bei uns ankündigen", sagt Karl. Für die Zeit werden seine beiden Hähne Henri und Hansi dann über Nacht in einen gemauerten Stall gesperrt. "Nach der Gerichtsverhandlung war der Nachbar vielleicht sechs- bis achtmal da. Wenn man die Tage zusammenzählt, kommt man vielleicht auf insgesamt vier Wochen."

Dass der Nachbar sich am morgendlichen Hahnenschrei gestört hat, führt Daniel Karl auch darauf zurück, dass in der direkten Umgebung kaum Tiere gehalten wurden, als dieser das Haus gekauft hat. "Jeder hatte mit der Hühnerhaltung aufgehört, wenn dann wieder jemand etwas Neues anfängt, wird es zum Problem, weil sich die Leute an die Ruhe gewöhnt haben", sagt Karl, der seine Hühner hauptsächlich wegen der Eier hält.

Auf seine beiden Hähne möchte er, auch wenn diese keine Eier legen, nicht verzichten. "Ohne die Hähne hätten wir keine Küken und irgendwann auch keine Hühner mehr." Karl behält seine Hühner bis an deren Lebensende, seine älteste Henne wurde acht Jahre alt. Wenn mehrere Hähne schlüpfen, müssen diese geschlachtet werden, weil sie sich ab einem gewissen Alter bekämpfen würden. "Weil wir zwei Hähne haben, haben wir unser Gehege, in dem außerdem 15 Hennen leben, geteilt."

Weniger als 1000 Unterschriften fehlen

Als Karl das Schreiben des Anwalts bekam, machte er sich im Internet auf die Suche nach Personen mit ähnlichen Problemen. Dabei ist er auf die Petition "Landleben soll Landleben bleiben dürfen" (im Internet zu finden unter: https://openpetition.de/!hahn) gestoßen. Sobald die Petition 50 000 Unterschriften hat, soll diese an die Kultusministerien der Bundesländer gehen. Die Initiatoren wollen erreichen, dass "ortsübliche Emissionen des Landlebens" als kulturelles Erbe geschützt werden (wir berichteten). Die Petition hat mittlerweile mehr als 49 000 Unterstützer, davon kommen über 500 aus der Stadt und dem Landkreis Coburg.

Nachfrage nach Hähnen gesunken

Auch Ulrich Rampel, der mitverantwortlich für die Hassenberger Kükenschau ist, hat die Petition unterschrieben. "Es wird allerhöchste Zeit, dass sich was tut. Was das Ganze betrifft, ist es nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf", sagt der Vorsitzende des Geflügelzuchtvereins Hassenberg. In einigen Gemeinden wird laut Rampel für Neubaugebiete festgelegt, dass die Haltung von Hühnern mit Hahn erlaubt ist. Andere Gemeinden würden eine solche Regelung umgehen. "Ich erhoffe mir durch die Petition, dass sich etwas tut und im Ländlichen die Geflügelhaltung und Zucht erlaubt wird."

Derzeit beobachtet er eine Trendwende, was die Haltung von Geflügel betrifft. "Im Moment machen wir einen Prozess durch, in dem sich immer mehr Züchter auf die Haltung konzentrieren, weil kein Hahn mehr gewünscht ist." Vor allem junge Familien würden sich eine "bunte Schar" von drei bis fünf Hühnern, auch wegen der Kinder, halten. Der Trend macht sich auch bei der jährlichen Kükenschau bemerkbar. "Viele fragen nach, ob bereits zu erkennen ist, ob die Küken Hennen oder Hähne sind. Wenn wir dann nachfragen, stellt sich heraus, dass die Tiere im Wohngebiet möglichst keinen Lärm machen sollen."

Das Haus, das von Daniel Karls Grundstück umgeben ist, wurde verkauft. Bald zieht ein junges Paar ein. "Die beiden werden dauerhaft hier wohnen und nicht nur ihren Nebenwohnsitz anmelden. Wir hoffen, dass es keinen Ärger wegen unseren Hähnen geben wird."

Der Hahnenschrei

Lautstärke Laut einer in Belgien durchgeführten Studie dauert ein Hahnenschrei ein bis zwei Sekunden und erreicht einen Schalldruckpegel von 130 Dezibel. Zum Vergleich: Ein Presslufthammer kommt auf 120 Dezibel, ein Staubsauger auf 70 Dezibel.

Zweck Der Hahnenschrei strahlt Kraft und Selbstsicherheit aus und wird oft vor dem eigentlichen Kampf von Hähnen gekräht. Er stellt den Herrschaftsanspruch klar, Weit entfernte Hennen werden durch das Krähen zurück zur Gruppe geleitet. Falls kein Hahn vorhanden ist, krähen hochrangige Althennen.

Quellen: www.nzz.ch, www.ihre-hoerexperten.de, www.huehner-haltung.de