"Die sollen mal ruhig die Jungs ausbilden. Wenn sie dann was können, hole ich sie nach Frohnlach". Diese provokante und schon damals äußerst umstrittene Aussage traf der inzwischen verstorbene Willi Schillig vor rund 20 Jahren. Der damalige Präsident des VfL Frohnlach legte nachweislich keinen besonderen Wert darauf, dass in den eigenen Reihen junge Fußballer ausgebildet werden. Er "kaufte" die besten Talente lieber aus den Klubs der Region.
Den Status "Vertragsamateur" oder festgeschriebene Ablösesummen des Bayerischen Fußball-Verbandes gab es nicht. Schillig ließ sich in den meisten Fällen nicht lumpen und bezahlte an ausbildende Vereine angemessene Entschädigungen. Es waren oft zähe Verhandlungen. Die auf- und abnehmender Vereine einigten sich nicht immer. Streitigkeiten waren an der Tagesordnung, Frust und Ärger die Regel.
Der Verband schrieb einige Jahre später sogenannte Ausbildungsentschädigungen je nach Klassenzugehörigkeit fest. Danach sollten sich die Klubs richten - eine nicht ganz unumstrittene, aber für viele Betroffene hilfreiche Regelung. In zahlreichen Fällen gingen seit dem Vereinswechsel zu empfohlenen Summen über die Bühne. Die Tatsache, dass Klubs Neuzugänge auf Anhieb auch zu "Vertragsamateuren" machen können und sich dadurch teure Ablösesummen sparen, erhitzt seit Einführung dieses Status vielerorts die Gemüter. Vor allem die Ausbildungsvereine, speziell die, die ein Nachwuchsleistungszentrum in Bayern betreiben, fühlen sich - so die Kritik - durch diese "Gesetzeslücke" regelrecht um viel Geld betrogen.
Schon seit Jahren wird hinter vorgehaltener Hand dabei ein Vorwurf laut: Es soll Vereine geben, die ihren neuen Spielern vorschlagen, dass die dringend vorgeschriebene Mindestvergütung von 250 Euro pro Monat für einen Vertragsamateur zwar offiziell "fließt", ein Anteil davon jedoch "unter der Hand" vom Spieler wieder zurückgespendet wird.
Tageblatt-Sportredakteur Christoph Böger hat sich mit Hartmut Guhling im Coburger Stadtcafé getroffen und aus aktuellem Anlass ausführlich diskutiert. Schließlich wechselten zahlreiche Talente des FC Coburg in den letzten Wochen zu anderen Vereinen. Dabei gab der Beiratsvorsitzende des Ausbildungsverein interessante Einblicke. Der Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe verurteilt in erster Linie das Verhalten der Jugendliche mit klaren Worten.



Hallo Herr Guhling, Sie haben in den Ferien Vereinsleben pur erlebt. Wie war der Trip mit dem FCC nach Barcelona?

Hartmut Guhling: Großartig! Diese Reise mit 150 Spielern sowie 90 Trainern, Betreuern und Eltern hat uns alle erleben lassen, was den FC Coburg ausmacht: Fußballbegeisterung von der U11 bis zur U19, altersübergreifenden Zusammenhalt, sportliches Engagement und Teamgeist. Der Strand von Blanes in FCC-Rot - ein Bild, das das Herz höher schlagen lässt!

Dabei hatten Sie Zeit, die letzten Monate Revue passieren zu lassen. Wie tief sitzt die Enttäuschung, immerhin galt es beim FC Coburg sportlich einiges zu verdauen?
Richtig ist, dass die letzte Saison sportlich nicht gut gelaufen ist und bis hinunter zur U17 durchgängig - leider zumeist erfolgloser - Abstiegskampf pur war.
Das zehrt natürlich an den Kräften aller Beteiligten. Allerdings war uns gerade bei der Ersten, der U23 und der U19 von vorneherein klar, dass es eng werden würde. Wir haben ohne Wenn und Aber auf den Nachwuchs gesetzt und das mit aller Konsequenz durchgezogen. Am Ende haben bei unserer Ersten und der U19 etwas Fortune, aber auch ein kleines Stückchen Qualität gefehlt. Umso schöner, dass die U23 die Kreisliga in der Relegation gehalten hat.

Die sportliche Ausbeute ist das eine, aber wer Sie kennt, weiß, dass Sport für Sie mehr bedeutet als Punkte und Tabellen. Wie schwer wiegen die persönlichen Enttäuschungen, schließlich kehren viele Spielern dem Klub den Rücken?
Erst einmal: Dass Spieler den Verein wechseln, ist - gerade für uns als Ausbildungsverein - ein normaler Vorgang. Uns alle und mich ganz persönlich hat jedoch sehr getroffen, dass nun gerade die jungen Spieler gehen, die wir besonders gefördert haben. Ehrlich, Müller und Köhn waren als A-Junioren zuletzt Stammspieler in der Landesliga, Puff und Knoch feste Größen der Ersten, Holzheid als U19-Spieler Leistungsträger in der Kreisliga.
Malaj hat bereits vor der Winterpause mehrfach Einsätze bei der Ersten ausgeschlagen und es abgelehnt, die Wintervorbereitung mit der Ersten zu absolvieren. Stammberger war an der ihm von uns in der Winterpause aufgezeigten sportlichen Perspektive nicht interessiert. Was aber noch viel schwerer wiegt, ist die Art und Weise des Abgangs der meisten Akteure.

Was meinen Sie damit?
Bis auf drei Ausnahmen hatten alle Spieler im Frühjahr per Handschlag zugesagt, auch kommende Saison beim FCC zu spielen. Wir hatten deshalb auch etlichen erfahreneren und fußballerisch interessanten Spielern, die gerne zu uns gewechselt wären, einen Korb gegeben mit dem Hinweis, dass wir weiter auf unsere Jungen bauen.
Mitten im sportlichen Überlebenskampf sind uns die meisten der Jungs dann ankündigungslos mit ihrer Mitteilung, zu wechseln, von hinten ins Kreuz gesprungen. Mindestens ebenso krass habe ich den Fall eines Spielers empfunden, der uns in der Winterpause das Messer auf die Brust gesetzt hat. Seine Aussage war, er werde nur noch für die U23 auflaufen, wenn er - seit Kleinfeldzeiten in Coburg ausgebildet - nach der Saison ablösefrei gehen dürfe.
Nachdem wir uns nicht erpressen haben lassen, hat er kein Spiel mehr gemacht, sondern zugesehen, wie seine ehemaligen Teamkollegen personell aus dem letzten Loch pfeifend gegen den Abstieg angekämpft haben.

Gilt ein Wort, ein Handschlag heutzutage nichts mehr?
Mein Eindruck ist schon, dass sich vermehrt der Egoismus Bahn bricht und Werte wie Vertragstreue, Dankbarkeit oder Verlässlichkeit an Bedeutung verlieren. Was Wunder, der "große" Profifußball lebt es vor.
Die andere Seite ist: Die überwiegende Zahl unserer Spieler steht uneingeschränkt und trotz des Abstiegs zu ihrem Wort. Ob es den Wortbrüchigen generell an den aufgezählten Werten fehlt, ob sie - immerhin erst Heranwachsende - insoweit noch charakterlichen Entwicklungsbedarf haben oder etwa ob die Ursache in ihrem persönliches Umfeld zu suchen ist, vermag ich nicht zu beurteilen.

Hat der FCC denn alles richtig gemacht oder gab es Versäumnisse?
Darüber haben wir Vereins-Verantwortliche uns viele Gedanken gemacht. Fakt ist erstens, dass wir als Verein alle unsere Zusagen gegenüber den Spielern Eins zu Eins eingehalten haben. Zweitens hat keiner der wechselnden Spieler vorab irgendeinen Versuch unternommen, einen aus seiner Sicht bestehenden Missstand zu beheben - und ich begleite die Jungs zum Teil, seit sie U13 spielen. Drittens habe ich auch im Nachhinein keinen triftigen Grund gehört.
Einer meinte, er sehe sich nicht als Innenverteidiger. Als U19-Spieler - da fehlen mir die Worte! Die spielerische Grundausrichtung wurde kritisiert. Das hätte man dann mal während der Saison ansprechen sollen. Und an der sportlichen Perspektive kann es nicht gelegen haben. Eines müssen und werden wir aber jedenfalls verbessern: Wir werden als Vereinsverantwortliche in der kommenden Saison noch engeren und noch regelmäßiger Kontakt zu unseren Nachwuchsakteuren halten.

Und der Trainer? War es richtig an Matthias Christl festzuhalten? Genießt er auch in der Bezirksliga das Vertrauen des FCC?

Zu beiden Fragen ein klares Ja! Er trägt unsere Vereinsphilosophie vorbildlich mit und setzt sie um. Und von der Trainerwechsel-Unsitte halte ich gar nichts. Wir beim FCC arbeiten perspektivisch und lassen uns nicht vom Tagesgeschäft treiben!

Hat dann vielleicht Geld eine Rolle für die Abgänge gespielt?
Das halte ich jedenfalls nicht für fernliegend. Immerhin verlassen uns die allermeisten Spieler als Vertragsamateure, davon sieben nach Mönchröden.

Glauben Sie, ein Klub wie der TSV Mönchröden kann sich so viele Vertragsamateure leisten? Pro Spieler müssen 250 Euro im Monat bezahlt werden. Mit Sozialabgaben kostet ein Fußballer mit VA-Status rund 4000 Euro pro Saison!
Dass Mönchröden allein für diese sieben jungen Spieler in der kommenden Saison mindestens 28000 Euro aufwendet, ist nicht mein Thema. Ich gehe fest davon aus, dass der TSV sich das leisten kann und wird. Wäre es nämlich anders, wäre das ein Betrug zu unserem Nachteil und ein Passdelikt gegenüber dem Verband.
Und solche Vergehen kann und will ich niemandem unterstellen. Jedenfalls erspart sich Mönchröden auf diese Weise über 14000 Euro an Ausbildungsentschädigung, die sonst an uns zu zahlen wären - nämlich für unsere jahrelange Ausbildungsarbeit mit qualifizierten Trainern, drei bis vier Trainingseinheiten pro Woche und Spielen gegen Topnachwuchsteams, kurz mit großen Kosten und mit enormem Engagement.

Gut ausgebildete Spieler können als Vertragsamateure den Verein also zum Nulltarif verlassen!
Zur Klarstellung: Mich trifft vor allem der Verlust der Talente und dessen Art und Weise. Zu ihrer Frage: Ich finde es ein absolutes Unding, dass diese Regelung auch für Spieler gilt, die am Übergang von der Jugend zum Erwachsenenfußball von ihrem Ausbildungsverein weggeholt werden. Das begünstigt Vereine, die nicht in die Jugend investieren, sondern jungen Sportlern mit Geld den Kopf verdrehen. Dies führt dazu, dass Fußball schon im mittelklassigen Amateurbereich und dort gerade bei den jungen Spielern viel zu viel vom Geld her gedacht wird.

Sie sind Jurist. Glauben Sie, dass in absehbarer Zeit an diesem System etwas geändert wird?
Dass das geändert werden muss, liegt für mich auf der Hand. Das Wie und die rechtlichen Hürden sind jedoch genug Thema für ein eigenes Interview.

Wie geht es jetzt beim FC Coburg sportlich weiter?
Wir werden zwei schlagkräftige Herrenmannschaften aufbieten. Bis auf Carsten Hahn bleiben alle Leistungsträger. Wir haben uns gezielt verstärkt. Uns werden die hervorragend ausgebildeten Spieler des Jahrgangs 1999 helfen, die trotz ihres unglücklichen Abstiegs aus der U19-Landesliga eine starke Saison gespielt und ihr Potenzial gezeigt haben. Wir gehen gemeinsam die Ziele an: Rückkehr der Ersten in die Landesliga, die U23 mit einer guten Rolle in der Kreisliga, bei der Jugend mindestens mit zwei Teams der Aufstieg auf Verbandsebene!

Haben Sie darüber nachgedacht, Ihr vielfältiges Engagement beim FCC einzustellen?
Um ehrlich zu sein: Ebenso wie alle anderen Vereinsverantwortlichen habe ich mir angesichts der menschlichen Enttäuschungen in den letzten Wochen die Sinnfrage gestellt. Doch ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass wir in unserem Verein ganz viele wunderbare junge Menschen haben, für die sich das Engagement absolut lohnt. Wir werden unseren Weg als Ausbildungsverein weiter gehen, und dazu gehören auch Rückschläge. Denn für einen Verein gilt ebenso wie für den Einzelnen: Es ist nicht schlimm hinzufallen. Nur so lernt man das Aufstehen!

Das Gespräch
führte Christoph Böger