Die Politik müht sich seit Jahrzehnten, ihren Bürgern den Umstieg vom Auto auf umweltfreundlichere Verkehrsmittel wie das Fahrrad schmackhaft zu machen. Doch das funktioniert nur, wenn die Infrastruktur passt. In Coburg sei das Radwegenetz eine Zumutung, findet Tageblatt-Leser Michael Zimmermann. "Am Pfingstmontag habe ich mit meiner Familie, darunter drei Kinder - 13, zwölf und zehn Jahre - eine Radtour vom Coburger Osten nach Rödental, dann über Neuses quer durch die Stadt zum Haarther Keller unternommen", berichtet Zimmermann. "Ich war danach froh, dass alle Beteiligten diese Ausfahrt unbeschadet überstanden haben."
Fühle man sich im Landkreis noch einigermaßen sicher, gleiche das Coburger Radwegenetz "einem ständigem Zick-Zack-Kurs. Irgendwie ist da kein Plan dahinter". Immer wieder gebe es Lücken, die das Überqueren von Gefahrenstellen notwendig machen würden. Zimmermann nennt als Beispiel die Abfahrtsrampe der Stadtautobahn an der Gaudlitz-Kreuzung, die Radler überqueren müssen, wenn sie von Neuses Richtung Innenstadt fahren. "Mein Sohn ist kaum rüber gekommen!"
Die Schutzstreifen, die es inzwischen auf vielen Straßen in der Stadt gibt, hätten den Namen kaum verdient, findet Zimmermann. "Entweder sind sie zugeparkt, wie zum Beispiel am Klinikum, oder sie werden einfach von den Pkw genutzt." Teilweise finde er Radfahren auf den Schutzstreifen sogar gefährlicher als vollkommen ohne Radweg, so Zimmermann.


In anderen Städten funktioniert's

Wolle man den Bürger zum Umsteigen auf umweltfreundliche Verkehrsmittel bewegen, müsse man erst einmal die Infrastruktur verbessern. "Einfach einen Strich auf die Straße zu malen, erscheint mir dabei zu einfach", sagt Zimmermann. Stattdessen müssten Stadt und Landkreis ein "abgestimmtes Radverkehrskonzept" erarbeiten und auch umsetzen. "Dass dies möglich ist, kann man in anderen Städten bewundern."
Michael Zimmermanns Forderung nach einer Verbesserung der Infrastruktur für den Radverkehr, werde von Seiten der Stadtverwaltung absolut unterstützt, teilt Stadt-Pressesprecher David Schmitt auf Tageblatt-Nachfrage mit (siehe Stellungnahme unten). Und auch beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) hat man größtes Verständnis.
"Die Radinfrastruktur der Stadt Coburg ist in der Tat als ausbaufähig zu bezeichnen", sagt Marita Nehring vom ADFC. Zwar seien in den letzten Jahren einige Verbesserungen umgesetzt worden, "allerdings sind dabei immer eher schwierige Kompromisse gemacht worden". Marita Nehring macht das am Beispiel Ketschengasse deutlich: Zwar sei die Freigabe der Einbahnstraße in der Ketschengasse als solches für den Radverkehr gut, aber nicht wirklich gut gemacht. "Hätte man dort Radfahrern und Fußgängern mehr Raum eingeräumt, hätte es keine Kurzzeitparkplätze geben können." Bei der jetzigen Regelung fühlten sich dort viele Radfahrer nicht wohl. "Die Autofahrer halten mehr Abstand zu parkenden Fahrzeugen als zu den Radfahrern, die sich ja auch noch bewegen. So ist es für alle Verkehrsteilnehmer eng und Radfahrer haben eben keine Knautschzone."


ADFC plant plakative Aktionen

Dass Autofahrer in Coburg wenig Rücksicht nehmen und, wie von Michael Zimmermann beschrieben, Schutzstreifen befahren, eng überholen oder einfach überall parken, kann Marita Nehring nur bestätigen. Der ADFC Coburg plane dazu noch in diesem Jahr einige plakative Aktionen, die das Miteinander im Verkehr in den Mittelpunkt stellen. "Der Überholabstand wird dabei einen Schwerpunkt bilden", sagt Nehring. "1,50 Meter Abstand ist nicht nur ein gut gemeinter Vorschlag, sondern von Gerichten so als Mindestüberholabstand definiert worden", betont Marita Nehring. Wer diesen Abstand nicht einhalten kann, darf auch nicht überholen.
Was den ADFC ärgert, ist zum Beispiel die Aufhebung von Tempo 30 in der Ketschendorfer Straße. "Radfahrer fühlen sich deutlich sicherer, wenn das Geschwindigkeitsniveau der verschiedenen Verkehrsteilnehmer nicht zu unterschiedlich ist", erläutert Nehring. Ziel des ADFC sei es, dass Radfahrer als vollwertige Verkehrsteilnehmer wahrgenommen werden. Das müsse sich letztlich auch in der Bereitstellung von Haushaltsmitteln widerspiegeln.

Das sagt die Stadt Coburg: Neue Schilder, damit die Wegeführung besser erkennbar ist

Für Michael Zimmermanns Forderung nach einer besseren Radinfrastruktur habe die Stadtverwaltung volles Verständnis, teilt Stadt-Pressesprecher David Schmitt auf Tageblatt-Nachfrage mit. Die Grundlage für die Radverkehrsplanung der Stadt bilde der Verkehrsentwicklungsplan (VEP). Der aktuelle VEP wurde im März 2006 abgeschlossen und als Grundlagenplanung vom Stadtrat beschlossen, die Maßnahmen müssen kontinuierlich fortgeschrieben werden.
Zur Zeit befinde sich der Teilbereich Parkraumkonzept in der Fortschreibung, wie Schmitt mitteilt. "Die Stadt Coburg hat mit dem VEP ein Radwegekonzept, das in weiten Teilen auch mit dem Landkreis abgestimmt ist." Gerade erst sei ein gemeinsames neues Beschilderungskataster abgestimmt worden. Aktuell würden neue Schilder beschafft, die dieses und nächstes Jahr aufgestellt werden sollen. "Damit wird die Wegeführung eindeutiger und gegebenenfalls sicherer, weil sich dann vielleicht eine alternative Wegeführung ergibt", so Schmitt.


Lückenschluss immer im Blick

Der derzeitige Sachstand: Bei laufenden Planungen setze sich die Verwaltung dafür ein, dass das Radwegenetz vervollständigt wird - Stichwort "Ketschenvorstadt". Auch bei anstehenden Planungen sei die Verbesserung des Radwegenetzes ein Ziel, so Schmitt, etwa, was den Ausbau des Güterbahnhof-Areals betrifft. Parallel dazu würden Verbesserungen durch "einfache" Maßnahmen mit geringem baulichen Aufwand angestrebt - etwa die Öffnung von Einbahnstraßen in der Gegenrichtung, die Freigabe des Radverkehrs in einigen Bereichen der Fußgängerzone, die weitere Markierung von Schutzstreifen.
Dass das allein für eine nachhaltige Förderung des Radverkehrs nicht ausreiche, sei der Verwaltung bewusst, betont Schmitt. Weiterreichende Maßnahmen, für die der Straßenraum umgeplant und Verkehrsflächen zugunsten der Radfahrer neu aufgeteilt werden müssten, seien jedoch schwer durchzusetzen. "Die Infrastruktur ist leider an vielen Stellen nicht erweiterbar, so dass mit dem Schutzstreifen den Radfahrern zumindest ein sichtbarer Raum im Straßenraum eingeräumt wird", so Schmitt. Das Problem, dass diese oft zugeparkt seien oder dass zu eng überholt werde, sei bekannt. Schmitt: "Das Ordnungsamt hat die kommunale Verkehrsüberwachung deutlich ausgeweitet, um hier besser reagieren zu können."