Über ein Funkgerät werden Svenja Loock und Steffen Stegner darüber informiert, dass eine gestürzte Person am Boden liegt. Mit einem Notfallrucksack, Handschuhen und Schutzbrillen ausgestattet eilen sie an an einer aufgestellten Wand vorbei zu einer lebensgroßen Puppe. Die Puppe liegt in einem Raum der Kultur.werk.stadt auf dem Boden. Im Hintergrund läuft auf Leinwand ein Film ab, der das Getümmel einer Fußgängerzone zeigt.

Als die Ehrenamtlichen die Puppe erreicht haben, stellen sie fest, dass diese einen offenen Bruch am Unterarm hat. Steffen Stegner fragt den "Patienten" nach dem Unfallhergang und möglichen Vorerkrankungen, die Puppe antwortet. Während Svenja Loock routiniert Blutdruck und Fieber misst, macht sich Steffen Stegner an die Versorgung der Wunde. Das Gespräch zwischen den Ersthelfern und der Puppe wird kontinuierlich fortgesetzt. Nach knapp zehn Minuten ist die Übungseinheit mit dem gedachten Eintreffen des Rettungswagens beendet.

Möglichst realitätsnah üben

Svenja Loock und Steffen Stegner waren die Ersten, die im mobilen Notfall-Simulationszentrum trainieren durften. "Von der Simulation her kam die Übung ziemlich nah an das ran, was man draußen erlebt. Man ist wirklich alleine in dem Raum und keiner schaut einem über die Schulter", sagt Steffen Stegner. Auch Svenja Loock fand die Einheit sehr realitätsnah. "Die anderen Trainingspuppen, mit denen wir bisher trainiert haben, konnten nicht sprechen. Werte, wie der Blutzucker oder die Herzfrequenz, konnten nicht ermittelt werden", zieht sie den Vergleich zu bisherigen Übungen der BRK-Bereitschaft Neustadt.

Die Idee, ein mobiles Notfall-Simulationszentrum in Neustadt zu etablieren, kam bereits vor drei Jahren im Förderverein Helfer vor Ort auf. "Der Grundgedanke ist es, die Ausbildung der Ehrenamtlichen zu verbessern. Bis wir die Gelder und die Materialien zusammenhatten, hat es zwei Jahre gedauert", sagt Vorsitzender Michael Stelzner, der auch stellvertretender Leiter der BRK-Bereitschaft Neustadt ist. Alles zusammen habe einen hohen fünfstelligen Geldbetrag gekostet. In den kommenden Wochen sollen die Trainer fortgebildet werden. Zum Jahresende sollen dann scharfe Trainings möglich sein.

Das Simulationszentrum wird so aufgebaut, dass anders als bei herkömmlichen Unterrichtseinheiten in BRK-Bereitschaften, keine Zuschauer mit im Raum sind. Die Ehrenamtlichen sollen auf sich alleine gestellt und konzentriert üben. "Die Einheit wird als Video aufgenommen und der Ton mitgeschnitten", erklärt Michael Stelzner das Vorgehen. Die Puppe kann unter anderem Infarkte, Atemnot, Asthma oder Bluthochdruck simulieren.Während der Übung sitzen im Nebenraum Trainer, die mit Headsets ausgestattet sind. Sie steuern die Puppe und beantworten die Fragen der Ehrenamtlichen über ein eingebautes Mikrofon. "Video und Ton werden noch in einen weiteren Raum übertragen, damit die gesamte Gruppe teilhaben kann. Im Anschluss besprechen wir alles noch mal und lernen so gemeinsam voneinander."

Ausbildungskonzept für Ehrenamtliche

"Was Notfälle betrifft, gibt es solche Zentren bei Rettungsdienstschulen oder in Großstädten, sie sind aber nur für Hauptamtliche zugänglich", zeigt Michael Stelzner einen Mangel auf. Das Ausbildungskonzept in Neustadt richtet sich demgegenüber ausschließlich an Ehrenamtliche und ist damit einzigartig in ganz Bayern, wenn nicht sogar in Deutschland. Wer übt, sollte eine Sanitätsausbildung oder einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert haben.

Während der Einarbeitung wird das Simulationszentrum ausschließlich von der BRK-Bereitschaft Neustadt verwendet. Danach wird das Angebot auf alle Helfer vor Ort und First Responder sowie die Einsatzkräfte aller Hilfsorganisationen im Raum Coburg ausgeweitet. Langfristig werden auch Einsatzkräfte aus den Nachbarlandkreisen sowie Mitglieder der Feuerwehr und des THWs üben können. Das Notfall-Simulationszentrum kann auseinandergebaut in Transportkisten verstaut werden und an beliebigen Orten aufgebaut werden.