Noch klingt es ein bisschen schwach: "Kindergarten helau! Seßlach helau!" Aber die Kinder der Gruppen Bienen, Käfer und Mäuse geben sich alle Mühe: Schließlich soll Bürgermeister Maximilian Neeb sie im Rathaus hören. Um die Ecke kommt Verstärkung: Die Kinder aus der Ferienbetreuung, wie die Kleineren verkleidet als Indianer, Einhörner und Prinzessin, haben einen Lautsprecher und Musik dabei. Endlich geht die Rathaustür auf. "Schlafmütze!" ist das erste, was Bürgermeister Maximilian Neeb sich anhören muss. Schließlich haben die Kinder schon zehn Minuten auf ihn gewartet.

"Diese fünf Minuten Fasching genießen wir", sagt er, als er auf die bunte Schar blickt. Faschingsdienstagvormittag in Seßlach im dritten Corona-Jahr und in der ersten Woche nach Kriegsbeginn in der Ukraine. Normalerweise wäre an diesem Tag die Hölle los, spätestens mit Beginn des Faschingszugs am Nachmittag wäre die Stadt voll gewesen. "Leider muss er ausfallen. Das ist blöd", sagt Neeb. Die Kinder nicken. Aber für ein paar weitere "Seßlach helau!" wirft Neeb Bonbons aus, Passanten lächeln und winken, ein Auto fährt hupend an dem kleinen Auflauf vorbei.

Neeb weiß, dass wegen Corona und Ukraine vielen nicht zum Feiern zumute ist, "so krass, wie die Welt derzeit ist". Aber die Kinder hätten ohnehin auf vieles verzichten müssen. "Die Leute sollen ruhig ein bisschen feiern", sagt der junge Bürgermeister, bevor er seine FFP2-Maske wieder aufsetzt und zurück ins Rathaus geht.

Die Kinder aus der Ferienbetreuung laufen zur nächsten Station ihres kleinen Ersatz-Umzugs. In der Luitpoldstraße warten Konditor Patrick Stein und Sandra Seckel, die neuen Inhaber der Bäckerei Schoder. Nein, den Seßlacher Fasching habe er noch nicht persönlich erlebt, sagt Stein, während Sandra Seckel sorgsam eingetütete Krapfen an die Kinder verteilt. "Aber wenn Faschingszug wäre, hätten wir heute Nachmittag zu und wären im Zug dabei." Fahrerin Mandy, seit 3 Uhr früh auf Tour und in ein Hasenkostüm gehüllt, lässt sich den Fasching nicht nehmen. Schon am Vortag sei sie kostümiert unterwegs gewesen, erzählt sie. "Fasching ist nur einmal im Jahr!"

"Können nicht nur Trübsal blasen"

Und nur zur Faschingszeit backt Patrick Stein Krapfen - gefüllt mit Hiffenmark, Pflaumenmus oder Nutella, Heidelbeeren und weißer Schokolade, mit Popcorn oder Kokosraspeln dekoriert, täglich vier oder fünf Sondersorten zusätzlich zum Standardsortiment. Dieses Jahr sei es immerhin besser gelaufen als 2020, sagt er. "Heuer wissen die Leute wenigstens, dass Fasching ist!"

Das sagt auch Peter Mittag, Inhaber, Wirt und Koch im Gasthaus Reinwand am Maximiliansplatz. Zwar sei das Gasthaus an diesem Tag auch ohne Faschingstrubel gut besucht. Aber an Vor-Corona-Faschingsdienstagen "hätte keine Maus mehr rein gepasst". Die Bedienung trägt Ringel-T-Shirt, aus dem Radio kommen Stimmungs-Schlager. Die Krisen der Welt sind deshalb nicht vergessen: "Wir haben dem Landratsamt schon Unterkünfte für Flüchtlinge aus der Ukraine angeboten", berichtet Mittag. "Wir können nicht immer nur Trübsal blasen. Wir müssen auch mal nach vorne schauen." Freilich: "Unbeschwert wäre es schöner."

Markus Brehm gehört zu denen, die sonst mittendrin am Rand des Faschingstreibens stehen. Mittendrin, weil in der Bratwurstbude, am Rand, weil auf Beobachtungsposten. "2000 bis 3000 Bratwürste" seien sonst beim Faschingszug weggegangen, erst recht bei schönem Wetter, sagt er. Nach dem Umzug machte die Jugend mit ihrem Musikwagen Party vorm Rathaus bis etwa 18 Uhr, dann ging es im Sportheim weiter. "Auf den Schluss zu hat sich das Geschäft zwar nicht mehr rentiert, aber die Leute zu beobachten, zum Beispiel die gerade gefundenen Pärchen, das war lustig", erinnert sich Brehm. "Ich hoffe, dass sich das nächstes Jahr alles wieder berappelt."

Das hoffen auch Johannes Grell, Hannes Laudenbach, Johannes und Michael Ruppert. Die vier hätten in einer normalen Faschingssession zwei Wochen Sonderschicht im Wagenbau hinter sich, wären am Faschingsdienstag seit dem Morgen mit dem Feinschliff beschäftigt gewesen. Am Nachmittag wäre der Wagen mit Soundanlage und voll besetzt am Ende des Zugs gefahren. "2019/20 haben wir alles neu aufgebaut - und jetzt findet der Fasching nicht mehr statt", sagt Grell melancholisch. Sie wären bereit, nächstes Jahr wieder aufzubauen, sagen sie. Aber ziehen auch wieder jüngere mit?

"Zu alt wird man für den Fasching nie, wenn man die Damen da hinten betrachtet", sagt Grell und blickt vom Marktbrunnen zur Ecke Pfarrgasse, wo sich die DJK-Gymnastikdamen zu Krapfen und Sekt getroffen haben. Die vier schlendern mit ihren Kommunbrau-Krügen hinüber, und dann stößt auch noch Jens-Peter Scholz zu der Runde, der Vorsitzende des Faschingsvereins. "Seßlach helau!" nun auch hier, gefolgt von dem Satz "Das Wetter hätte heute für den Faschingszug gepasst! Wie oft hatten wir Regen!"

Fasching braucht Nähe

"Schade, dass zu Corona das andere kam", sagt Anni Sieblinger und meint den Krieg. Sie freut sich, dass Annegret Leiss die kleine Runde organisiert hat."Wenn man älter ist und sonst gar nichts mehr hat, ist das auch nichts." - "Das Leid vergessen wir nicht", betont Christine Kuttner. "Aber man kann sich nicht hinstellen und heulen."

Der Faschingsverein hat an seine Mitglieder 200 Tüten zum privaten Feiern verteilt, gefüllt mit Luftschlangen, Luftballons und Krapfengutscheinen. Das sei gut angekommen, erzählt Jens-Peter Scholz. "Die Leute haben gelacht, und darauf kommt es doch an." Die Sehnsucht, zu feiern, sei da. Aber: "Fasching ist Geselligkeit, zusammenrücken, schunkeln", sagt Scholz. "Mit Abstand funktioniert das nicht." Seine Sorge: "Wenn im Herbst wieder alles abgesagt wird, wird es eng." Dann wäre das dritte Jahr Faschingspause, und danach werde es schwer, wieder einen Fasching mit Büttenabenden und Umzug auf die Beine zu stellen. "Dann fehlen uns die Helfer."