Mittelschulen kämpfen um ihren Ruf. Vorurteile über ein asoziales Schülerklientel, über einen hohen Ausländeranteil und große Gewaltbereitschaft machen es Lehrern, Schülern und Rektoren schwer. Denn: "Wir tun unser Menschenmöglichstes, um den jungen Leuten einen guten Start ins Berufsleben zu ermöglichen", sagt Rektor Norbert Trütschel von der Rückertschule. Er ist immer noch entsetzt darüber, dass Jens Neugebauer die Schule als Brennpunktschule bezeichnet hat. Und dies auch als Grund angeführt hat, weshalb er seinen Sohn Nils, der das Down Syndrom hat, nicht in die Sprengelschule schicken wollte. "Dabei war er nicht einmal hier vorstellig. Er kennt unsere Schule gar nicht", sagt der Rektor.

Keine Brennpunktschule

"Wir sind definitiv keine Brennpunktschule", stellt er klar und nennt Fakten: Von 300 Schülern sind gerade mal 16 Prozent Ausländer. Selbst, wenn er die Jugendlichen mit Migrationshintergrund dazu zählt, sind es weniger als ein Drittel. Die Rückertschule ist zertifiziert als "Schule gegen Rassismus". Im laufenden Schuljahr musste nicht ein einziges Mal die Polizei anrücken. Die Erfolgsquote beim Quali liegt an der Rückertschule bei rund 70 Prozent, bayernweit zwischen 30 und 50 Prozent. Sieben Schüler haben in diesem Jahr ihren qualifizierten Abschluss unter 2,0 gemacht. Bester Schüler war der Iraner Aria Forouzandeh mit 1,7. 40 Schüler haben heuer den mittleren Abschluss gemacht - 20 davon kamen als Rückläufer von den Gymnasien und Realschulen. Die Erfolgsquote hier: 95 Prozent. Doch all diese Zahlen sind noch kein Garant dafür, dass es an der Schule nicht "brennt". Da kommt Vivian Weimer ins Rektorat. Die Schulsprecherin hat Erfahrungen mit dem schlechten Image der Schule gemacht. Sie war an der CO I und kannte viele "blöde Bemerkungen", die über die Mittelschule gemacht wurden.

Doch dann sei alles ganz anders gewesen: "Keines der Gerüchte hat gestimmt. Ganz im Gegenteil. Hier an der Rückertschule habe ich kennengelernt, was ein guter Zusammenhalt bedeutet. Es gibt keinen Konkurrenzkampf unter den Schülern." Sie hätte sich von Anfang an sehr wohl gefühlt, ihre Noten hätten sich verbessert. Das vertrauensvolle Verhältnis zu den Lehrer, die immer ein offenes Ohr auch für private Probleme hätten, sei dafür ausschlaggebend.

Sanierung steht an

Stolz führt mich Rektor Trtüschel durch seine Schule. Sie ist alt und renovierungsbedürftig. Am Mittwoch soll im Kultur- und Schulsenat endlich über die Dringlichkeit der Sanierung abgestimmt werden. "Ich hoffe, es kann 2022 damit begonnen werden." Doch in dem alten Gemäuer ist viel Platz für Entfaltung. Im historischen Saal unterm Dach findet gerade das Theaterprojekt "Ich bin mutig" statt. Im Neubau zeigt mir Trütschel die moderne technische Ausstattung und den Entspannungsraum. Die Klassenzimmertüren stehen offen und er führt mich in eine sechste Klasse. Dort wird gerade über "Mut" diskutiert. Spontan fragt die Lehrerin dazwischen, ob es ihnen denn an der Rückertschule gefällt. Die Arme schnellen in die Höhe. Sie erzählen, wie stolz sie sind, eine Schule gegen Rassismus zu besuchen, wie stark der Zusammenhalt ist, wie toll die Angebote sind - von der Tischtennisplatte bis hin zum Fußball- und Basketballfeld. Das Herz des Rektors geht auf. Noch ein Lob für die tolle Lehrerin und Trütschel strahlt.

Wieder im Sekretariat sitzt Karin Ehrlicher, Fachlehrerin für Technik und Wirtschaft. Sie hat den Jahresbericht in der Hand. Seit drei Jahren kümmert sie sich um das farbenfrohe Heft. "Es ist immer begeisternd zu sehen, wie viel sich die Schüler einfallen lassen und was hier so alles im Laufe eines Schuljahres passiert. Vom Besuch der Monooper Anne Frank bis hin zumBerufsorientierungscamp." Karin Ehrlicher war Lehrerin an einer Brennpunktschule in Nürnberg - mit mehreren Polizeieinsätzen in der Woche. "Das ist kein Vergleich mit der Rückertschule."

Norbert Trütschel, seit 1999 Lehrer, spricht über die Rückertschule von einer ganz "normalen" Mittelschule. "Die heile Welt gibt es nicht", sagt er. Egal, ob in der Stadt oder auf dem Land, überall werden Kinder aus extrem schwierigen Familienverhältnissen unterrichtet. Das sei nie einfach. An der Rückertschule seien es in diesem Schuljahr fünf, die besonderen Aufwand machen. "Da arbeiten wir mit dem Jugendamt und der Jugendsozialarbeiterin zusammen. Das ist so." Zu Bedenken gibt er, dass eine Mittelschule Auffangbecken für alle Kinder ist - auch für die, die woanders abgelehnt oder rausgeworfen werden.