Simone Bastian schreibt

Es kommt darauf an, was nach dem Theater daraus wird Die Bilder sind bestechend: Ein "Globe" auf dem Güterbahnhofsgelände, ein Rundtheater nach elisabethanischem Vorbild, als Magnet für Kulturinteressierte und als architektonischer Leuchtturm für das "Band der Wissenschaft, Technik und Design". Das Theater hätte während der Sanierung eine Ausweichspielstätte und danach - ?
Ja, ich weiß: Bedenkenträger sind bäh. Trotzdem.

Fürs Globe spreche, dass man etwas Nachhaltiges und Ungewöhnliches für Coburg schafft, sagen Befürworter. Also etwas, für das möglicherweise Leute nach Coburg fahren, nur um es zu sehen. Bilbao-Effekt nennt man das, seitdem das Guggenheim-Museum in Bilbao, ein Bau von Frank O. Gehry, die Besucher in Scharen ins Baskenland lockt. Seither hat jedes Museum, das auf sich hält, einen möglichst spektakulären Neubau hingestellt, wenn Platz und Geld vorhanden waren.
Platz ist in Coburg vorhanden. Übers Geld muss man reden - und auch darüber, wofür es verwendet wird. Dass jetzt die Rede davon ist, Coburger Unternehmen könnten das Globe (vor-)finanzieren, bedeutet nicht automatisch, dass die Stadt das Gebäude umsonst bekommt. Wer da am Ende was und wie bezahlen soll, ist noch ganz und gar nicht geklärt.

Der Vorteil einer privaten Investition bestünde darin, dass kein langes Ausschreibungsverfahren laufen muss. Wer privat baut, kann sich seine Baufirmen aussuchen, wie er mag. Die Stadt darf das nicht, sondern muss ausschreiben. Deshalb ist nun ein Jahr vergangen seit dem Stadtratsbeschluss, eine Interimsspielstätte am Anger zu errichten. Das Verfahren könnte seit Dezember abgeschlossen sein, ist es aber nicht, weil nun das Globe in die Diskussion geplatzt ist. Es wird als nachhaltige Lösung für ein Problem genannt, das so gar nicht existiert. Denn eigentlich geht es in erster Linie um eine Interimsspielstätte fürs Landestheater, die nur für eine gewisse Zeit gebraucht wird, auch wenn niemand genau weiß, wie lange. Dafür war alles ausdiskutiert und beschlossen.

Inzwischen wird die Zeit knapp: Die Interimsspielstätte fürs Landestheater soll im Frühsommer 2019 bezugsfertig und zur Spielzeit 2019/20 bespielbar sein, so lautete das Ziel. Das sind bestenfalls 18 Monate, vielleicht auch 20 - und so lange würde es mindestens dauern, das Globe den Bedürfnissen des Theaters entsprechend zu planen, mit Baufirmen zu verhandeln, alles genehmigen zu lassen und schließlich zu bauen, immer vorausgesetzt, es gibt keine Verzögerungen welcher Art auch immer. Da ist vieles möglich, vom Baugrund angefangen, von dem man nicht weiß, woraus besteht und ob er ein tonnenschweres Gebäude aushält, ausgelegt für 350 Besucher und mit Bühnenmaschinerie. Auch das Gebäude wirft Fragen auf: Ein Globe war schon mal in der Diskussion und wurde als schlecht geeignet verworfen, so schön es auch sei. Das Theater braucht für den Betrieb mehr als eine Bühne und den Zuschauerraum; ohne wenigstens ein zusätzliches Gebäude mit Probenräumen wird es nicht gehen.

Etwas Nachhaltiges schaffen: Das wird auch vor dem Hintergrund diskutiert, dass die am Anger angedachte Interimsspielstätte teuer ist. Selbst, wenn sie hinterher ab- und woanders wieder aufgebaut werden kann, sind mehrere Millionen Euro nötig. Steuergeld, auch wenn der Freistaat drei Viertel davon übernehmen würde.
Dann doch das Geld für etwas ausgeben, was Coburg bleibt, lautet das Argument. Aber wofür soll es bleiben? Diese Frage stand schon am Anfang. Die Antwort lautet bislang - überspitzt - "für irgendwas". Die Hochschule, die ein paar hundert Meter entfernt ihre "COCreapolis" im ehemaligen Schlachthof einrichten möchte, könnte das Globe irgendwie mitnutzen, oder man gründet bis dahin eine Stiftung, oder irgendwas... Da ist noch nichts fix. Doch im Sinne der Nachhaltigkeit sollte man schon vor dem Bau eine konkrete Idee haben, was nach dem Theater kommt. Sonst läuft man Gefahr, dass da in ein paar Jahren ein Rundbau da, den keiner nutzt, der aber Geld kostet, wenn er ansehnlich und nutzbar bleiben soll.

Mal gesponnen: Warum nicht Julia Stoschek fragen, ob sie sich vorstellen könnte, in einem solchen Gebäude am Coburger Güterbahnhof eine Außenstelle ihrer Kunstsammlung zu eröffnen? Dann hätte man die Frage mit der Nachhaltigkeit gelöst. Vor allem würde damit wirklich einen Anziehungspunkt für Coburg geschaffen, etwas Ungewöhnliches - und man wird ja noch träumen dürfen. Außerdem würde niemand das Globe am Güterbahnhof ernsthaft in Erwägung ziehen, hätte sich nicht Michael Stoschek dafür ausgesprochen, der Vater der Kunstsammlerin, und beide Mitglieder der Eigentümerversammlung der Firma Brose, die in Sichtweite des geplanten Globe-Standorts liegt.

Man solle keine Probleme suchen, sondern Lösungen, sagen die Anti-Bedenkenträger. Aber um Lösungen zu finden, muss man die Probleme benennen. Und das eigentliche Problem lautet nun mal: Das Theater braucht eine geeignete Ersatzspielstätte, und zwar in 18 Monaten. Die Lösung für dieses Problem ist greifbar - der Stadtrat muss nur eins der vorliegenden Angebote für eine Interimsspielstätte am Anger annehmen.

Das Theater als Vorwand zu nehmen, um am Güterbahnhof ein Ding zu errichten, das - bis auf die Interimszeit des Theaters - niemand braucht, ist keine Lösung eines Problems.
Das schafft nur neue.


Christiane Lehmann schreibt:

Typisch: Die Coburger zerreden alles schon vorher! Bedenkenträger par excellence. Und am Ende geht nichts vorwärts.

Der Kommentar von Simone Bastian scheint genau in diese Diskussion zu passen. Dabei hat sie recht. Was sie schreibt, hat Hand und Fuß. Und die Aufgabe von uns Journalisten ist doch genau das: Fragen aufwerfen und zum Nachdenken anregen. Der Text ist wichtig.

Dennoch, bei allem kritischen und notwendigem Hinterfragen, juckt es mich in den Fingern. Mag es an der Aufbruchstimmung der ersten Tage im Jahr liegen, an einem zuversichtlichen Blick in die Zukunft - egal. Es erfordert Mut und Vertrauen, sich für eine Idee wie das Globe nicht nur zu begeistern, sondern sie mit Leidenschaft umzusetzen - auch, wenn noch nicht genau klar ist, was 2023 aus dem Rundbau wird. Ob Kulturhaus, Veranstaltungsbühne, Kunstsammlung oder vielleicht sogar ein Stadtmuseum.

Brose, Kaeser und HUK sind Coburgs Vorzeige-Unternehmen, die seit Jahren wachsen. An der Spitze stehen Männer mit Visionen und mit Risikobereitschaft, die sich neuen Herausforderungen stellen und Problemen mit Lösungen begegnen.

Sollten sich die drei entschließen, den Bau zu finanzieren und damit den Weg frei machen für eine schnelle, weniger bürokratische Umsetzung, habe ich keine Angst, dass das Globe in fünf Jahren keine Nutzung findet und der Stadt ein tiefes Loch in den Säckel reißt. Das finanzielle Risiko ist gering, wenn Stadt und Wirtschaft sich nicht blockieren.

Das Band der Wissenschaft, Technik und Design bekäme mit dem Globe den I-Punkt vor dem Strich.
Warum nicht einfach mal machen, vertrauen und die Wenn-und-Aber-Konzepte in den Schubladen stecken lassen.

Architektonische Ästhetik gepaart mit Aufbruchstimmung und Pragmatismus - Prinz Albert hätte das sicherlich auch gefallen.