Nach langen Jahren präsentiert das Landestheater wieder eine Uraufführung: "Dorian Gray". Textdichter und Komponist der Musical-Oper ist Roland Fister, Kapellmeister und Studienleiter am Coburger Musentempel. Für Fisters Erstlingswerk schlüpft Intendant Bodo Busse (44) in die Rolle des Regisseurs.

Wie fühlt es sich an, nach fast drei Jahren als Intendant erstmals im eigenen Haus Regie zu führen?
Bodo Busse: Ich bin total happy über das fantastische Ensemble. Ich habe große Freude an den neuen jungen Kollegen, ich freue mich, dass die Partien rollendeckend besetzt sind. Die Solisten waren alle sehr gut vorbereitet, sehr schnell. Die Professionalität des Chores hat mich sehr beeindruckt.

Wie lange hatten Sie zuvor nicht inszeniert?
Die letzte große Inszenierung liegt drei Jahre zurück - "Die Zauberflöte" in der Philharmonie Filderstadt.

Und das letzte Musical?
Das war "Merry Me a Little" von Stephen Sondheim - 2002 in Gießen.

Wie sieht das Konzept aus, das Sie mit Bühnen- und Kostümbildner Michael Heinrich erarbeitet haben?
Wir haben am Anfang überlegt, auf welcher Abstraktionsebene wir das ansiedeln wollen. Natürlich könnte man es auch als eine Art Psychothriller im Stil von "American Psycho" inszenieren. Es gab kurz die Überlegung, es auf einem überdimensionalen großen Gemälde spielen zu lassen. Dann haben wir uns aber dafür entschieden, es relativ konkret zu lassen - gerade, weil es eine Uraufführung ist. Eine totale Abstraktion bei der ersten Inszenierung wäre falsch, würde auch nicht dem Genre gerecht.

Wie würden Sie Ihre Inszenierung stilistisch beschreiben?
Strenge Eleganz bei den Kostümen, bei der Führung der Szenen. Es ist sehr realistisch inszeniert, aber mit symbolischen Überhöhungen und bewusst gesetzten kleinen Irritationen. Ich bin, salopp gesagt, ja ein sehr altmodischer Mensch, mein Geschmack ist vielleicht auch ein bisschen altmodisch, weil ich die alten Theatermittel mag, will sagen: Zeichnung, Malerei, auch klassisches Kulissenprinzip, ist etwas, was mich sehr interessiert. Im Grunde versuchen wir, "Dorian Gray" mit den klassischen Theatermitteln zu erzählen. Alles, was Sie auf der Bühne sehen an Malerei, ist entworfen und gezeichnet von Michael Heinrich.

Hat sich Ihr Blick auf das Stück beim Inszenieren verändert ?
Ja - man darf sich nicht von den Oberflächenreizen verführen lassen, man muss in die Tiefe gehen bei der Arbeit mit den Sängern. Sibyl Vane ist nicht nur das hübsche Püppchen, das singt, sie ist eine Persönlichkeit, die auch einen ganz realen Konflikt mit Dorian hat und sich gegen ihn auflehnt in einer Art Selbstbehauptung. Sie möchte aus ihrer traurigen, zweitklassigen Theaterexistenz entfliehen und da ist Dorian Gray - sie sagt ja selbst: Du bist der Märchenprinz - genau der Richtige. Ihre Liebe zu ihm ist nicht ganz selbstlos.

Welche Qualitäten hat das Stück?
Auf zwei Ebenen - auf der musikalisch-inhaltlichen Ebene einer Literatur-Oper, die den Stoff mit den Notwendigkeiten des Musiktheaters anreichert, die Gesellschaftsszenen ausweitet. Das ist dramaturgisch sehr gelungen, entfernt sich nicht zu weit vom Roman, aber doch weit genug, um etwas Eigenes zu sein. Dann ist es aber auch ganz bühnenpraktisch gedacht, so dass es an einem klassischen Opernhaus mit normal großen Orchester und einem normal großen Ensemble aufgeführt werden kann. Das ist ein großes Potenzial des Stücks neben der musikalischen und dramaturgischen Qualität und von Roland Fister ungeheuer clever angelegt.

Welche Hoffnungen verbinden sich mit dieser Uraufführung?
Ich würde mich wundern, wenn es nicht manchen Kollegen geben sollte, der das Stück einer genaueren Betrachtung unterziehen wollte. Der Stoff ist gut, der schwelte schon lange in der Musical-Landschaft. Die Musical-Szene ist ja generell auf der Suche nach guten Stoffen. 80, 90 Prozent der Stücke, die da neu auf den Markt purzeln, sind eigentlich zweit- bis drittklassig. Auch vor diesem Hintergrund würde ich mich wundern, wenn kein Interesse an "Dorian Gray" da wäre. Es haben sich einige Kollegen auch schon für spätere Vorstellungen angemeldet, die Premiere war schon früh sehr gut verkauft.

Wenn Sie einen Werbeslogan verfassen müssten: Was würden Sie schreiben?
Da würde ich ganz einfach einen Satz von Dorian Gray zitieren: Genuss ohne Reue. Man kann sich einfach mitreißen lassen, die Musik hat eine Sogwirkung, ohne dass man ein schlechtes Gewissen haben muss. Ich denke, dass sich sowohl ein Opernfan als auch ein Musicalfan darin wiederfindet. Es ist eine absolut luxuriöse Musik, der man sich genussvoll hingeben kann. Es ist schöne Musik, dafür muss man sich nicht entschuldigen. Schön im Sinne von emotional nachvollziehbar.

Worauf müssen Sie bei der Personenführung besonders achten?
Mit die schwierigste Figur ist die Mutter. Da muss man sehr aufpassen, dass keine unfreiwillige Komik entsteht. Ich bin Ulrike Barz sehr dankbar, dass es uns gelingt, dieser Figur auch einen Ernst zu geben. Sie ist eine alternde Diva, die nie die wirklich große Karriere gemacht hat, die sich hinter Lebenslügen versteckt und dort auch verliert. Das ist ein messerscharfer Grat, auf dem man wandelt. Da muss man aufpassen, dass das keine Operettenklamotte wird.

Sind Sie wieder auf den Geschmack gekommen als Regisseur?
Ich denke schon, dass ich in der Zukunft wieder einmal ein großes Stück in Coburg inszenieren will, auch wenn ich mich sicher nicht vorrangig als Regisseur selbst verwirklichen will.

Manche Regisseure sind so nervös, dass sie sich ihre eigene Inszenierung lieber nicht anschauen, sondern nur zum Schlussapplaus auf die Bühne kommen. Wie halten Sie's? Sind Sie sehr nervös?
Ich würde lügen, wenn ich etwas anderes sagen würde. Da hängt natürlich sehr viel dran, die Erwartungen sind hoch. Man darf jetzt sicher nicht die Neudefinition des Regietheaters erwarten, aber ich glaube, dass wir eine saubere, schöne Arbeit gemacht haben - eine Arbeit, die auch berührt und die man vor allem versteht. Ich werde mich am Premierenabend genauso verhalten wie an jeder Premiere. Ich werde ganz normal auf meinem Premierenplatz sitzen wie immer. Meine Mutter wird wahrscheinlich neben mir sitzen, sie freut sich schon lange auf diesen Termin, Dorian Gray, das Buch, liebt sie sehr. Und ihr Vater, mein Großvater, der gemalt hat, hat wohl mal ein Porträt von Dorian Gray gemalt.




Aus dem künstlerischen Werdegang eines Intendanten und Regisseurs


Bodo Busse studierte Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Rhetorik in Tübingen. Er besuchte mehrere Meisterkurse für Opernregie bei Regielegende Ruth Berghaus. Nach Praktika und Assistenzen an der Staatsoper Stuttgart und am Opernhaus Zürich ging er als Musikdramaturg an das Staatstheater Mainz. Später wechselte er als Musikdramaturg und Assistent des Generalintendanten John Dew an das Theater Dortmund. Am Stadttheater Gießen war er Geschäftsführender Dramaturg mit Regieverpflichtung, bevor er vor zehn Jahren von Manfred Beilharz als Musikdramaturg und Mitglied der Opernleitung an das Hessische Staatstheater Wiesbaden berufen wurde. Busse ist langjähriges Jury-Mitglied des internationalen Gesangswettbewerbs "German-Australian Opera Grant". Seit der Spielzeit 2010/2011 ist Bodo Busse Intendant am Landestheater Coburg.

Premieren-Tipp "Dorian Gray" - "Musical-Oper", Text und Musik von Roland Fister, 8. Juni, Landestheater Coburg; Inszenierung: Bodo Busse; Bühnenbild und Kostüme: Michael Heinrich

Große Nachfrage Noch hat sich der Vorhang für die Uraufführung der Musical-Oper "Dorian Gray" nicht gehoben, da ist die Nachfrage nach einem zusätzlichen Wochenendtermin derart groß, dass sich Intendant Bodo Busse entschieden hat, den Publikumsbitten nachzukommen. Am Sonntag, 30 Juni, steht "Dorian Gray" auf dem Spielplan. Ersatzlos entfällt dafür die Johann-Strauß-Operette "Der Zigeunerbaron". Damit gibt es bis zum Ende der Saison 2012/ 2013 insgesamt sechs Vorstellungen: 8., 14., 16., 20., 30. Juni , 10. Juli. - Theater-Kasse: Tel. 0   95   61/89   89   89.