Eine eigene Grenzpolizei - das gab es von 1960 bis 1998 nur in Bayern. Die Grenzpolizei war nicht nur für die deutschen (bayerischen) Außengrenzen zuständig, sondern auch für die innerdeutsche. Die bayerische Grenzpolizei übernahm "in einem 30 Kilometer breiten Grenzstreifen bis 1960 schrittweise allgemeinpolizeiliche Vollzugsaufgaben", heißt es auf der Homepage der bayerischen Polizei.
Ab Sommer 1961 mussten täglich Lageberichte von der Grenze abgegeben werden. Dies war wohl eine Folge der Tatsache, dass die DDR alle Grenzübergänge abgeriegelt hatte. In Berlin wurde eine Mauer errichtet; im Herbst 1961 hielten die Beamten der Grenzpolizeistation Neustadt fest, wie die Straße zwischen Neustadt und Sonneberg mit Betonbarrieren unpassierbar gemacht wurde.

Die (erhalten gebliebenen) Lageberichte befinden sich nun im Staatsarchiv in Coburg. "Viel war es nicht: ein Karton mit drei Ordnern", berichtet Archivrat Alexander Wolz. Vermutlich hob die Polizei am Ende nur die Berichte auf, die auch etwas zu vermelden hatten. Zum Beispiel der vom 16. September 1961. Er trägt die Nummer Neun und enthält die Berichte zweier Flüchtlinge aus der DDR (die lange noch SBZ genannt wird - Sowjetisch besetzte Zone).


Neue Schusswaffengebrauchsbestimmungen

Diese zwei Flüchtlinge waren nicht die einzigen in der zweiten Jahreshälfte 1961. Am 29. September 1961 vermeldet die Grenzpolizeistation weitere drei Flüchtlinge, junge Männer, noch keine 20 Jahre alt. "Nach Aussagen der Flüchtlinge dürfen sich ab 1. 10. 61 21 Uhr keine Einwohner der SBZ im 500-m-Sperrgebiet außerhalb ihrer Wohnungen aufhalten. Arbeiter, die Schichtdienst verrichten, erhalten Sonderausweise. Weiter sind demnächst neue Schusswaffengebrauchsbestimmungen angekündigt. Danach sollen die Grenzüberwachungsorgane der SBZ auf Personen, die auf Anruf im 500-m-Sperrgebiet nicht stehenbleiben, nach Abgabe eines Warnschusses sofort gezielte Schüsse abgeben."

Doch es gab nicht nur DDR-Bürger, die in den Westen wollten. Im Oktober erfassten die Grenzpolizisten einen Berliner, der in Waiblingen lebte. "Er hat gegen 12.45 Uhr die SBZ-Demarkationslinie an der Straßensperre Meilschnitz-Bettelhecken überschritten, um zu seiner Ehefrau und seinen drei Kindern nach Berlin zurückzukehren."
Mit dürren polizeilichen Worten ist erfasst, was aus bayerischer Sicht jenseits der Grenze geschah: Wo Scheunen abgerissen wurden, in welchem Abstand von der eigentlichen Grenzlinie die Stacheldrahtzäune ausgerollt wurden. Rund um Liebau im Steinachtal "werden jeweils die sumpfigen Stellen umgangen und der Zaun zurückverlegt", ist zu lesen.


Gedenken an den Aufstand

Der 17. Juni ist im Westen Feiertag, zum Gedenken an den niedergeschlagenen Aufstand in der DDR 1953. 1962 fahren DDR-Grenztruppen an diesem Tag mit Lautsprecherwagen an die Grenze, um an der Bergmühle die Besucher der Gaststätte erst mit Marschmusik und Propaganda und dann mit "Hetzreden gegen Bundeskanzler Adenauer und Verteidigungsminister Strauß" zu beschallen.
Doch es gibt auch die tragischen Ereignisse, wie am 17. März 1968: Eine Minendetonation reißt einem Flüchtling den linken Fuß weg. Trotzdem kriecht er weiter in Richtung Westen. Kurz vor dem letzten Stacheldrahtzaun, sieben Meter vor der Grenze, bleibt er liegen. Ein Arbeiter, der die Hilferufe gehört hat, verständigt die Grenzpolizei. Bundesdeutsche Zöllner finden den Mann, durchschneiden den Stacheldrahtzaun und holen ihn auf bayerisches Gebiet.


Detonationen zu hören

Immer wieder verzeichnen die Lageberichte Minendetonationen; manchmal können die Polizisten beobachten (oder erschließen), dass auf der DDR-Seite nach möglichen Minenopfern gesucht wird. Oft werden es aber auch Tiere gewesen sein, die die Sprengsätze auslösten. Oder die Kälte, wie es im Bericht vom 17.Januar 1972 zu lesen ist, als südwestlich Mupperg zehn Detonationen zu hören sind.

1972 ist erstmals die Rede davon, dass das Coburger Land einen innerdeutschen Grenzübergang erhalten soll, an der B 4 bei Rottenbach. Die Grenzpolizei wird von den übergeordneten Dienststellen aufgefordert, über die Stimmung in der Bevölkerung zu berichten. Aus Neustadt wird festgehalten, dass man dort enttäuscht sei - man hatte auf einen Grenzübergang Neustadt-Sonneberg gehofft.
1975 vermelden die Lageberichte den Abbruch der Ortschaft Liebau. Da hier die Grenzsperranlagen teilweise weit zurückversetzt lagen, kam es auch zu Vorfällen, die fast schon skurril anmuten. Die DDR-Grenzer fordern am 18. November 1977 ihre Kollegen auf der bundesdeutschen Seite auf, einen Verantwortlichen zu schicken. So stehen sich zum vereinbarten Zeitpunkt ein Major der Grenztruppen und ein Polizeiamtmann gegenüber, beide von mehreren Kollegen begleitet. Der Bayer soll einen offiziellen Protest entgegennehmen. Als er sich dazu bereiterklärt, "gab einer der NVA-Grenztruppen-Angehörigen mit einer gelben Flagge ein Zeichen, und sodann wurde von einem Lautsprecherwagen, der sich am südlichen Ortsrand von Liebau befand, nachfolgender Protest übermittelt: (...) ,Wir protestieren entschieden gegen das Betreten des Territoriums der DDR durch Bürger der BRD und gegen das Abladen von Autokarossen auf dem Territorium der DDR. Wir fordern, dass dies künftig unterlassen wird‘", notieren die bayerischen Grenzpolizisten.
Als sie allerdings fragen, ob sie den Unrat beseitigen und dafür das DDR-Gebiet betreten sollen, verneint der Offizier der Nationalen Volksarmee. "Die gegenseitigen Fragen und Antworten wurden beiderseits korrekt geführt", vermeldet das Protokoll. "Der Protest der NVA-Grenztruppen erfolgte zurecht, denn an der benannten Stelle sind sieben Autowracks, ein alter Ofen, Bauschutt und anderer Unrat gelagert", heißt es weiter. "Es handelt sich tatsächlich um eine außerordentliche Umweltverschmutzung, und es wäre zweckmäßig, wenn erreicht werden könnte, dass diese wieder beseitigt werden kann."

Bei anderer Gelegenheit gingen beide Seiten unbürokratischer vor: Als eine Neustadterin am 24. Januar 1973 mit einem VW-Käfer über die Grenze geraten war, verständigten sich die Grenzer beidseits, dass die bayerischen Beamten das Fahrzeug auf ihre Seite zurückbugsieren durften.
Mancher Grenzgang von drüben nach hüben diente Spionagezwecken: Am 22. Juni 1983 wurden südlich der Grenze bei Neustadt zwei NVA-Uniformen gefunden. Vermutet wird im Lagebericht, dass damit ein Stasi-Mann in den Westen geschleust wurde. Bekräftigt wurde dies durch Aussagen eines Grenzsoldaten, der wenige Tage später in den Westen flüchtete. Er berichtete, dass "der DDR-Grenzbereich Müßholz - liegt der Fundstelle gegenüber - wiederholt zur Nachtzeit von der Grenztruppe für Operationen der MfS-Abteilung 2000 freizuhalten wäre."
Doch nicht nur dort: Am 14. Mai 1984 ist von einem "nachrichtendienstlichen Geschäft" am Georgenberg bei Bad Rodach die Rede. Dort herrsche wegen des waldigen Geländes "geringe Streifentätigkeit".