"Es gibt Taten, die treffen ganze Biografien und das, was sie getan haben, trifft das Leben Ihrer Kinder und wird es dauerhaft und unumkehrbar beeinflussen", sagt Richterin Jana Huber und blickt das >Neustadter Ehepaar auf der Anklagebank entschlossen an. Dann richtet sie eine noch deutlichere Botschaft an die Angeklagten: "Sie beide haben ihre Familie in einen Scherbenhaufen verwandelt."

Fotos und Chats

Präziser hätte die vorsitzende Richterin nicht zusammenfassen können, was während der Beweisaufnahme in der Verhandlung vor dem Landgericht Coburg ans Licht gekommen ist. Dem Angeklagten Vater wurde vorgeworfen, seine sechs beziehungsweise sieben Jahre alte Tochter zum Teil schwerst sexuell missbraucht zu haben. Im elterlichen Schlafzimmer. Im Badezimmer. Im Campingwagen. Einen Teil der Taten soll er fotografiert und gefilmt haben, um sie in Chatgruppen mit Pädophilen zu teilen. Und es ist möglich, dass dieser Prozess nur der Anfang war. Es ist möglich, dass noch mehr Taten, die man nur schwer glauben kann, aufgearbeitet werden müssen. Die Mutter soll vom Missbrauch gewusst haben und nichts dagegen unternommen haben - einmal sei sie nach Aufforderung ihres Mannes am Missbrauch beteiligt gewesen, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Im Laufe dieser Verhandlung haben sich diese Vorwürfe nicht nur bestätigt - es stellte sich dann heraus, dass sie eben wohl nur die Spitze des Eisbergs sind.

Nachdem alle Kinder gehört worden sind, gebe es auch Anhaltspunkte, dass auch die anderen Kinder des Ehepaars sexuell missbraucht worden sind. "Es ist noch lange nicht alles aufgearbeitet", sagt Vorsitzende Richterin Huber.

Unterschiedliche Aussagen

Auch die Mutter hatte sich im Laufe des Prozesses mal so, mal so eingelassen. Als sie am ersten Verhandlungstag gefragt wurde, ob sich der Vater auch an anderen der insgesamt fünf Kinder vergangen habe, hatte sie - kaum hörbar - mit "ja" geantwortet. Und als die Nachfrage konkreter wurde, wie viele der Kinder der Familien denn betroffen gewesen seien, hatte sie einmal gesagt: "alle". Sie habe nicht alles mitgekriegt, sagte sie damals auch. Sie habe mit dem Haushalt alle Hände voll zu tun gehabt.

Zu einem späteren Zeitpunkt in der Verhandlung hatte sie einen Missbrauch anderer Kinder als der einen Tochter dann wieder bestritten. Obwohl auch eine andere Tochter von sexuellem Missbrauch durch den Vater berichtet hatte, schüttelte die Frau den Kopf, als sie gefragt wurde, ob sie davon etwas wisse. Dennoch hatte das Gericht die Vermutung, dass mehr passiert sein könnte. Anlass waren die Aussagen aller fünf Kinder, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehört worden waren.

Ein Urteil im Prozess um die Missbrauch an der einen Tochter ist gestern gefallen. Für die Vergehen an dem heute achtjährigen Mädchen müssen beide mehrere Jahre in Haft. Die Mutter des Kindes ist zu einer Haftstrafe in Höhe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt worden, der Vater muss sieben Jahre und sechs Monate ins Gefängnis.

Nicht nur der Missbrauch, auch die Haftstrafen für die Eltern würden die Familie "zerreißen", erklärte die Richterin: "Ihre Kinder wissen nicht, was richtig und was falsch ist, weil Sie ihnen nicht beigebracht haben, was angemessen ist und was nicht. Sie werden lange brauchen, um das in ihren Pflegefamilien zu lernen."

"Papa hat was gemacht"

Dass das achtjährige Opfer bereits eine Art von Wut auf ihren Vater entwickelt hatte, war schon durch Aussagen einer Psychologin klar geworden, die das Gericht im Laufe der Verhandlung gehört hatte. Das Opfer lebt in einer von der 28-Jährigen betreuten Wohngruppe. Sie habe gut mit der Psychologin zusammengearbeitet, habe Bilder gemalt, sei die ganze Zeit lieb gewesen, habe aber auch Sätze gesagt wie: "Mein Papa hat was mit mir gemacht, was er nicht darf. Der wird jetzt bestraft und muss in den Knast. Und meine Mama auch."

"Das ist egoistisch"

Nach dem Urteil bewertete die Richterin auch Erklärungen, die der Vater in der Verhandlung abgegeben hatte. Er hatte versucht, seine Taten zu realtivieren. Das ließ Richterin Huber aber nicht gelten. Deshalb sei auch seine Erklärung, er habe nie gegen den Willen seiner Tochter gehandelt und dass seine Tochter einige Handlungen gewollt hätte, nicht zulässig. "Kinder in diesem Alter wissen nicht, was Sexualität ist - Sie trösten sich durch diese Aussage nur selbst, und das ist egoistisch." Es wäre schön gewesen, wenn der Vater sein Unrecht eingesehen hätte, doch das sei im Laufe der Verhandlung nicht passiert.

Ganz im Gegenteil: Die Schuld an seinem Verhalten habe der Vater überall gesucht - nur nicht bei sich selbst.