Bis Richard H. (Name von der Redaktion geändert) seine Geschichte freimütig erzählen kann, hat es fast zehn Jahre gedauert. Jahre des Kampfes gegen Behörden und bürokratische Mühlen, Jahre des Zweifelns - Jahre, in denen er unterhalb der Armutsgrenze leben musste. Doch heute strahlt Richard H. übers ganze Gesicht: "Endlich hat die Gerechtigkeit gesiegt", triumphiert der mittlerweile 85-Jährige.

Er präsentiert schwarz auf weiß das Urteil des Amtsgerichts Coburg: "Im Namen des Volkes", steht da, wird "die Entscheidung des Amtsgerichts Rosenheim über den Versorgungsausgleich zwischen den Ehegatten mit Wirkung vom November 2019 abgeändert. Die Durchführung des Versorgungsausgleichs entfällt." Was für Richard H. bedeutet, statt nur 740 nunmehr 1303 Euro Rente pro Monat zu erhalten.

Das ist für den 85-Jährigen ein Riesensprung: "Ich bin raus aus der Altersarmut", kann er seinen Erfolg bis jetzt kaum fassen.

Doch wie konnte es bei Richard H. überhaupt so weit kommen? Von 1956 bis 2006 war er verheiratet. Kurz nach der goldenen Hochzeit ließen sich die Eheleute aber scheiden. Ab diesem Zeitpunkt musste Richard H. seiner geschiedenen Frau den Versorgungsausgleich von mehr als 500 Euro zahlen: "Damit hatte ich auch kein Problem, ihr die ihr zustehende Rente zu zahlen. Das finde ich sogar richtig, dass der Stärkere dem Schwächeren abgeben muss. Nur nicht mehr, wenn sie tot ist." Genau das aber antworteten ihm die Behörden und andere Gremien auf sein Ersuchen hin, nach dem Tod seiner Frau wieder die volle Rente zu erhalten - für die Richard H. immerhin 49 Jahre lang Beiträge eingezahlt hatte. Sein Fazit: "Ich habe immer gearbeitet, ob als Selbstständiger oder als Arbeiter. Und dann betrügt mich der Staat!"

Bei vielen Hilfe gesucht

Das wollte der heute 85-Jährige so nicht stehen lassen. Er wandte sich an verschiedene Landtagsabgeordnete, die ihm helfen wollten - nichts geschah. Er wandte sich an den Bundestagsabgeordneten Hans Michelbach, der ihn zu einem Gespräch empfing und den Petitionsausschuss des Bundestags einschalten wollte. Dieser wiederum sah keinen Grund für eine Gesetzesänderung, das sei nun einmal so geregelt. Die damalige Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig wusste bei einem Besuch in Coburg auf Nachfrage von Richard H. von einer entsprechenden Regelung im Gesetz über den Versorgungsausgleich gar nichts.

Richard H. ließ sich trotzdem nicht entmutigen, selbst als enge Freunde ihm rieten, sich die Mühen zu sparen, weil er doch "sowieso nichts" erreichen könne. "Ich habe denen dann einfach nichts mehr erzählt", verrät der 85-Jährige. Um sich all die Jahre wenigstens einigermaßen über Wasser zu halten, engagierte er sich für eine karge Aufwandsentschädigung als Schulweghelfer. Für Kinder da zu sein, gab ihm Energie für seinen weiteren Kampf.

In seinem Freundeskreis behielt er seine Pläne meistens für sich. Aber aufgeben wollte er niemals, schon allein, um sich nicht auf Dauer immer wieder selbst demütigen zu müssen: "Weißt du, was das für ein Gefühl ist, wenn deine Freunde - ja, deine Freunde, - dir immer mal wieder die Zeche bezahlen? Du fühlst dich miserabel."

Ein Aufeinandertreffen in Coburg

Er suchte nach anderen Wegen, Gerechtigkeit zu erhalten. Er telefonierte mit Tilman Schöberl vom Bayerischen Rundfunk und schickte ihm einen Brief, in dem er seine Situation schilderte - nichts geschah. Er wandte sich an die Bildzeitung - und deren Redaktion antwortete ihm, dass sie den Sachverhalt nicht weiter verfolgen werde, da ohnehin keine Aussicht auf Erfolg bestünde.

Richard H. aber verfolgte sein Ziel weiter. Er hörte von der Selbsthilfegruppe "Versorgungsausgleich" in Coburg, deren Treffen er ab diesem Zeitpunkt regelmäßig besuchte. Und dann kam der Tag, an dem er wagte, wieder berechtigte Hoffnung zu schöpfen. Rudi F. Werling, Rentenberater aus Pforzheim mit dem Fachgebiet Versorgungsausgleich, referierte in Coburg über seine Arbeit und wie er schon manchen Menschen helfen konnte. Auch für Richard H. sah er durchaus Chancen auf Erfolg.

Das Problem: Ein solcher Rechtsstreit mit Anwalt kostet Geld. Der 85-Jährige wollte aber Gerechtigkeit - notfalls mit der Folge der Privatinsolvenz. "Und da passierte etwas, was ich niemals für möglich gehalten hätte", kommt Richard H. fast ins Weinen vor Rührung: "Drei jüngere Frauen, mit denen ich ebenfalls gut befreundet bin, sicherten mir unabhängig voneinander zu, dass sie dies nicht zulassen würden." Im Oktober 2019 konnte der Rechtsstreit beginnen.

Als Richard H. ein paar Wochen später in Coburg zur Bank ging, um Auszüge abzuholen, hatte er die Summe, die plötzlich auf der Habenseite seines Kontos stand, zuerst nur überflogen. "Und dann hab ich noch mal drauf geschaut und in der Mohrenstraße einen Urschrei losgelassen. Die Leute haben sich umgedreht!", sagt der 85-Jährige und schmunzelt bei der Erinnerung daran.

Das Amtsgericht Coburg hatte zu seinen Gunsten entschieden, seit November 2019 erhält er jeden Monat wieder seine volle Rente.

Von seinem Erfolg haben natürlich zuerst die Damen erfahren, die ihm in der größten Not beigestanden hatten. Einen Tag später rief auch Rudi F. Werling bei ihm an, um vom Erfolg zu berichten. Da wusste Richard H. aber schon Bescheid. Trotzdem ist sich der Rentenberater noch heute sicher: "Richard H. ist nach diesem Erfolg um einen halben Meter gewachsen."

Scheidung? Was Sie wissen sollten

Versorgungsausgleich Der in der Ehe erzielte Rentenanspruch der Partner ist oftmals ungleich hoch. Nach einer Scheidung müssen die Ex-Partner ihre Rentenanwartschaften aufteilen: Das nennt sich Versorgungsausgleich.

Interessengemeinschaft Versorgungsausgleich trifft sich regelmäßig jeden letzten Mittwoch im Monat im "Treff am Bürglaßschlösschen" in Coburg. Ziel ist es, Erfahrungen im Kampf gegen Ungerechtigkeiten im Versorgungsausgleich und Rentenrecht auszutauschen, sich zu informieren und sich bei eventuellen Klagen zu unterstützen.

Ansprechpartner der Interessengemeinschaft ist Ludwig Pausch, Telefon 0175/8005161.red/hust