Wertschätzung für Lebensmittel, Wertschätzung für deren Produzenten: Das zwei der Ziele, die Iris Kroon-Lottes vom Europe-Direct-Zentrum verfolgt. Außerdem soll es um Nachhaltigkeit gehen und das sinnvolle Verwerten der Lebensmittel. Deshalb ist die Veranstaltung in der Lehrküche des Amts für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten mit "Kreatives Restekochen" betitelt.

Heidi Bauersachs, Kreisbäuerin und eine der beiden Köchinnen, hat jedoch einen frischen Schweinebauch als Vorführstück ausgewählt. Weil Coburg nämlich eine Schweinezuchtregion ist und man vom Schwein mehr essen kann als Lende, Nackensteak, Schnitzel und Kotelett.

Resteverwertung ist das zwar nicht, auch wenn Heidi Bauersachs verspricht, dass von dem Braten in der Regel nichts übrig bleibt. "Der schmeckt auch kalt auf einer Scheibe Brot." Der Schweinebauch sei jedenfalls zu schade dafür, nur in der Wurst zu landen.

Ganz einfach: Schweinebauch...
Foto: Simone Bastian

Allerdings muss der Schweinebauchbraten für zwei Stunden in den Ofen. Resteverwertung ginge entschieden schneller, und die ganze Veranstaltung in der Lehrküche des Amts für Landwirtschaft ist nur auf eineinhalb Stunden angesetzt. Neben Heidi Bauersachs steht die Europa-Abgeordnete Marlene Mortler (CSU) am Herd, selbst Landwirtin und Hauswirtschaftsmeisterin. Die beiden Köchinnen sollen plaudern und brutzeln, und dabei Werbung für die regionale Landwirtschaft machen.

Bei den Zuschauern, die mit in die Lehrküche durften, war das freilich gar nicht nötig: Die kommen zum Großteil selbst aus der Landwirtschaft, und Resteverwertung war bei ihnen immer schon üblich. Ihre Probleme sind die der Erzeuger: Was will der Verbraucher? Was verlangen EU, Bund, Freistaat als nächstes? Müssen Schweine demnächst auf Stroh stehen, in ihren Ställen Platz haben, spielen können?

... frisches Wurzelgemüse und Gewürze ...
Foto: Simone Bastian

Solche Ställe sind teurer als herkömmliche, sie machen mehr Arbeit. "Krieg ich den Arbeitsaufwand mit Schweinen auf Stroh bezahlt?", fragt Heidi Bauersachs in die Runde. Marlene Mortler rät zu Direktverträgen mit Schlachtern. "Der Schlachthof fehlt", seufzt einer zur Antwort - zwei Metzger im Landkreis gebe es noch, die selbst schlachten. Das macht die Regionalvermarktung schon schwierig.

Die Fördermittel für den Stallbau reichen nicht, um das Strohschweinefleisch konkurrenzfähig zu machen zum konventionell erzeugten. Ist der Verbraucher bereit, dafür zu zahlen? Da gucken die Landfrauen und -männer in der Runde eher skeptisch. Bei Umfragen wird der Wunsch nach glücklichen Schlachttieren gern laut geäußert, aber die Realität an der Supermarktkasse sieht anders aus. "Da geht viel über den Preis", sagt Marlene Mortler.

Teurer wegen EU-Vorgaben

Sie spricht routiniert und rührt dabei das Dressing für den Feldsalat. Der Schweinebauch gart schon im Ofen, Heidi Bauersachs schneidet Brotscheiben für die Salatcroutons. Thema ist inzwischen, dass die Landwirte nach dem Willen der EU ökologischer wirtschaften sollen.

... mit etwas Wasser bei 200 Grad in den Ofen.
Foto: Simone Bastian

Das werde dazu führen, dass weniger Lebensmittel in Europa produziert werden können, sagt nicht nur Bauernverbands-Kreisobmann Martin Flohrschütz. "Wir sehen das mit konventionell oder bio inzwischen leidenschaftslos." Dem Verbraucher müsse aber klar sein, dass Lebensmittel bei ökologischer Produktion teurer werden, gibt er zu bedenken.

Auch konventionell erzeugte Lebensmittel seien in der EU von hoher Qualität, sagt Heidi Bauersachs, und dass die Böden im Coburger Land ohne chemische Hilfe niedrigere Erträge liefern. Was nütze dem Bauer der Bioweizen, wenn er nicht genug produzieren könne, um davon leben zu können, oder die Qualität wegen des Verzichts auf Chemie am Ende nicht den geforderten Kriterien entspreche?, fragt sie.

Verunsichert seien die Landwirte, sagt auch Harald Weber, der Leiter des Amts für Landwirtschaft Coburg-Kulmbach. In den vergangenen zwei Jahren sei kein einziger neuer Stall gebaut worden, für den das Amt Fördermittel ausgereicht hätte. Denn niemand könne derzeit sagen, welche Ställe für mehr Tierwohl gewünscht sind beziehungsweise ob die Ställe, die heute gebaut werden, in fünf Jahren noch den Anforderungen genügen.

Hinzu kommen neue Anforderungen an die Landwirte, die laut Weber keine zusätzlichen Erlöse bringen - Beispiel Düngemittelverordnung: Weil nur noch zu bestimmten Zeiten Gülle ausgebracht werden darf, müssen neue Gruben gebaut werden. Wer auf Strohschweinehaltung umstelle, brauche ein Mehrfaches an Lagerkapazität: für das Stroh, die flüssige Gülle und den festen Mist.

Nach zwei Stunden: Braten mit knuspriger Kruste und Soße.
Foto: Simone Bastian

"Wir brauchen das Vertrauen der Verbraucher", sagt Weber: Vertrauen in die Qualität, in den Wert der Lebensmittel, in die Produktionsverfahren. Doch das allein würde der Landwirtschaft in der Region auch nicht helfen, wie er später im Gespräch erläutern wird. Bei den rund 3000 Betrieben im Amtsbezirk Coburg-Kulmbach handele es sich in der Regel um Familienbetriebe - zu klein für den Weltmarkt, aber genauso in der Kritik wie die großen Agrarfabriken.

Marianne Rebelein, die Betreuerin der Lehrküche, holt den sicherheitshalber vorbereiteten Schweinebauchbraten aus dem Ofen. In den Feldsalat haben es neben den beiden alten Brotscheiben ein paar Apfelscheiben geschafft. Ansonsten bleiben Reste: Die übrig gebliebenen Pellkartoffeln, die für den Kartoffelsalat gedacht waren, liegen unberührt in ihrer Box, im Ofen gart noch der vorher frisch zugesetzte Schweinebauch.