3000 Kilometer mit dem Fahrrad... eine Wahnsinns-Distanz. Felix Mödl, der ab 1. Oktober an der Coburger Hochschule Produktdesign studiert, hat diese Herausforderung angenommen. Am 11. August in seiner Heimatstadt Ingolstadt gestartet, will er bis 15. September die marokkanische Hafenstadt Tanger erreichen. Mit seiner Aktion will der 24-Jährige auf die Situation von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen aufmerksam machen und über seinen Blog www.fexradlt.de Spenden sammeln; unter anderem für eine Wohngemeinschaft junger Asylsuchender in seiner Heimatstadt.


Als das Tageblatt Felix Mödl am Montagnachmittag auf dem Handy erreicht, ist er gerade in Barcelona unterwegs. Deutlich mehr als die Hälfte der Strecke - 1694 Kilometer - liegt bereits hinter ihm. Das Wochenende hat der 24-Jährige in der spanischen Metropole verbracht und die Pause auch richtig genossen. Jetzt stehen ihm noch circa 1200 Kilometer bis Afrika bevor.


"Heiß" aufs Weiterradeln

Die nächste Nacht wollte Felix Mödl eigentlich noch in Barcelona verbringen, in einem Hostel. Doch dort kann er sein Rad nicht unterstellen. "Ich überlege jetzt, ob ich erst morgen weiterfahre oder lieber gleich und dann außerhalb der Stadt im Zelt schlafe", sagt er. Seit Samstag ist er in Barcelona und schon wieder "voll heiß" aufs Weiterradeln.


Für den 24-Jährigen ist es nicht die erste große Radtour. Im vergangenen Jahr war er sechseinhalb Monate in Amerika unterwegs - die Westküste entlang, von San Francisco nach Mexiko. Schon diese 5000-Kilometer-Tour nutzte der 24-Jährige, um Spenden zu sammeln. Dieses Ziel treibt ihn auch jetzt wieder an - und, wie man auf seinem Blog sehen kann, sein Engagement findet großen Anklang. Jeder, der Felix Mödls Aktion unterstützen will, kann spenden - einen Cent pro Kilometer, maximal 40 Euro. Der Zähler auf seiner Homepage, der die Höhe der Spenden anzeigt, steht aktuell schon bei 10 960,18 Euro. Das Geld ist praktisch zugesagt, eine Kilometer-Abrechnung und damit eine Rundmail an alle Spender, werde es aber erst am Ende der Radtour geben. Schließlich steht dann erst fest, wie viele Kilometer der 24-Jährige tatsächlich zurückgelegt hat.


In jedem Fall hat sich Felix Mödl vorgenommen, eine Ingolstädter Wohngemeinschaft zu unterstützen, in der zwölf unbegleitete minderjährige Asylsuchende zusammenleben. Je nachdem, was am Ende unterm Strich steht, soll das restliche Geld auf weitere Heime, Initiativen und Gruppen verteilt werden, die sich um jugendliche Flüchtlinge kümmern. Jedes Projekt will der 24-Jährige mit 1000 Euro fördern und - das ist ihm besonders wichtig - das Geld soll jeweils direkt an die Leiter der Gruppen gehen.


Die Route seiner Radtour ist natürlich nicht zufällig gewählt. Viele Flüchtlinge aus Afrika versuchten, über Tanger nach Europa zu gelangen - auch wenn dieser Weg längst nicht so "populär" sei wie der über Griechenland und den Balkan, sagt Felix Mödl. Mit seiner Aktion will er auf die Strapazen aufmerksam machen, die die Jugendlichen auf sich nehmen - für die Aussicht auf ein sichereres Leben in Europa.


Was Felix Mödl auf den ersten knapp 1700 Kilometern erlebt hat, kann man in seinem Blog nachlesen, den er jeden Tag aktualisiert. Daraus im Folgenden einige Eindrücke:

Tag 2: Dillingen nach Biberach (116 km) "Heute 6.00 raus. 7.00 Abfahrt. Binjam nach dem Weg gefragt. 19-jähriger Eriträer. Vor 2 Jahren selbst als Alleinflüchtender hier angekommen. Zeigt mir den Weg. Fahren bis Gundelfingen zusammen."



Tag 6: Basel nach Besançon (178,5 km) "Ich treffe einen Ex-Kapitän, der 30 Jahre um die Welt gesegelt ist, jetzt in der Altenpflege arbeitet, und in seiner Freizeit Radtouren macht. Er fährt dasselbe Rad wie ich, wir tauschen uns bei einer Portion Pommes aus und fahren dann gemeinsam bis Besançon."



Tag 8: Poligny nach Lyon (164 km)
"Die Gäste im Café erklären mich kollektiv für verrückt, als ich auf die Frage wo ich hinfahre, mit ,Lyon‘ antworte."



Tag 9: Lyon nach Valence (139 km) Weil es - wegen der Industriegürtel - gar nicht so einfach ist, aus den großen Städten herauszukommen, fährt Felix schließlich auf die Autobahn:
"Das ging einige Zeit ganz gut. Bis es neben mir plötzlich zu hupen anfing. Ich schaue rüber. Ein wild fuchtelnder und schreiender Motorradpolizist. Er gibt mir zu verstehen dass ich rechts ranfahren soll. Er ist total aufgebracht, sagt mir ich dürfe hier nicht fahren. Auf die Frage, wo ich denn fahren dürfte, hat er nur die Antwort, dass es nicht hier wäre. Ich sage ,Calmez vous!‘ (beruhigen Sie sich!) und er flippt komplett aus.
Irgendwann hat er sich beruhigt. Ich wurde von zwei Polizeimotorrädern mit Blaulicht von der Autobahn eskortiert."

"Was für ein Tag", schreibt Felix, doch er ist noch nicht zu Ende: "Freue mich auf den Zeltplatz. Doch, dort angekommen, liegt der in einem verlassenen Industriegebiet, und ist geschlossen. Gruslige Gegend in der Dämmerung. Komische Gestalten unterwegs. Sieht aus wie 'ne Ghosttown. Rückzug! Ich fahre zurück in die Stadt."



Tag 12: Bezouce nach Cap d'Agde (130 km) "Im Internet finde ich einen Fahrradladen im nahegelegenen Nîmes, das eh auf meinem Weg nach Montpellier/Beziers liegt. Der Mechaniker sieht zwar kompetent aus, will mir aber sagen dass der Lärm von den Pedalen kommt. Ich kann ihn davon überzeugen, dass ich ein neues Lager brauche! Sie haben es da. Er macht sich ans Werk. Weil er nach 15 Minuten immer noch nicht fertig ist, schaue ich mal in die Werkstatt. Eigentlich kann man da nichts falsch machen. Er hat's irgendwie geschafft. Er bringt's nicht rein. Ich sage ihm, dass ich Fahrradmechaniker bin. Er erlaubt mir, es selbst einzubauen. Probefahrt! Yes! Endlich Ruhe!



Tag 13: Cap d'Agde (0 km)
"Am Zeltplatz fange ich an zu kochen. Es geht immer noch ein brutaler Wind. Es regnet immer wieder. Zum Kochen verziehe ich mich in das kleine Waschhäuschen am Platz, es ist der einzige Ort, an dem kein Sandboden ist, und es ist zumindest ein bisschen weniger windig.
Morgen versuche ich, frisch erholt, Frankreich hinter mir zu lassen und endlich nach Spanien zu kommen."



Tag 16: Granota nach Barcelona (87 km) "Ich bin platt. Endlich das Zwischenziel erreicht. 1694 Kilometer, circa 1200 stehen mir noch bevor bis Afrika. Am Montag geht's voraussichtlich weiter."