"Du bittest einen um Hilfe und zehn kommen gerannt!" - Diese schöne Erfahrung machte Hartmut Reder zusammen mit seinen Pflegern Manuel Selg (24) und Tizian Späth (23) in England. Der Spastiker und mehrfach behinderte Coburger verwirklichte jetzt einen seiner vielen Träume. Er reiste für vier Tage nach London - finanziert durch eine große Spendenaktion, die auch das Tageblatt mit "Franken helfen Franken" unterstützte. Ursprünglich wollte er nach New York fliegen, doch zu viele Hindernisse machten ein Umplanen notwendig.

"Es war so außergewöhnlich, so ein tolles Erlebnis", sagt Hartmut Reder, genannt "Hardy". Der Mann, der im Liegend-Rollstuhl sitzt und sich kaum bewegen kann, ist voller Tatendrang. Seine Augen leuchten, wenn er von seinen Erlebnissen in London erzählt. Er weiß gar nicht, wo er anfangen soll.
Da hilft ihm Manuel Selg. Der Heilerziehungspfleger hat nahezu jeden Schritt, den die drei unternommen haben, mit der Kamera festgehalten. Doch bevor er die große Diashow startet, beschreibt auch Manuel Selg, wie zuvorkommend und hilfsbereit die Engländer waren. Sobald es schwierig wurde, waren sie zur Stelle. Ob der Rollstuhl zwischen U-Bahn-Türen und Bahnsteig eingeklemmt war, Treppen nicht zu bewältigen waren oder im Restaurant ein passender Tisch gefunden werden musste: "No Problem!" - anders als in Coburg, wo die große Reise begann, und der Aufzug im Coburger Hauptbahnhof immer noch nicht funktioniert. Eine Nachfrage bei der Deutschen Bahn im Vorfeld frustrierte umso mehr, als dass im Servicecenter niemand wusste, dass die Aufzüge in Coburg überhaupt gebaut werden. So stiegen die drei eben in Neuses in den Zug ein.


Anfängliche Ärgernisse waren schnell vergessen

Obwohl die beiden jungen Männer alles detailliert geplant hatten und im Reisebüro sogar die Rollstuhl-Maße angeben mussten, erlebten sie im Hotel dann die nächste Überraschung. Ihr Zimmer lag im vierten Stock, der Fahrstuhl war jedoch viel zu klein für Hardy's Rollstuhl. Mit einem zweiten Aufzug wäre sie ins Zimmer gekommen - aber nur, wenn Griff und Fußstützen abgeschraubt worden wären. Zum Glück fand sich eine Alternative im Erdgeschoss.
Doch die anfänglichen Ärgernisse waren schnell vergessen. Am zweiten Tag strahlte die Sonne und Hardy sollte die erste Riesenrad-Fahrt seines Lebens machen. "Unbeschreiblich schön", nennt er die Fahrt im Golden Eye. In gläsernen Gondeln genossen die drei einen Rundum-Blick auf London. "Die Kabinen waren so groß, da hätten drei Hardys reingepasst", witzelt Manuel.

Aus dem Staunen kam Hardy aber noch lange nicht heraus. Nächste Station war das Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud. Hardy ließ e sich nicht nehmen, Marilyn Monroe unter den Rock zu schauen und seinen großen Fußballidolen die Hand zu schütteln. Ein Foto mit E.T. musste sein. Hardy kommentierte es augenzwinkernd: "Das könnte mein Zwillingsbruder sein!" Auf ein Bild mit Donald Trump weigerte er sich allerdings zu gehen.
Ob London Bridge oder Tower, Kensington Street oder Doppeldeckerbus, die Wahrzeichen Londons gehörten zum Pflichtprogramm. Auch da herrschte wieder hellauf Begeisterung über die behindertengerechte Spezialausrüstung, mit der alle Busse ausgestattet sind und ein Ein- und Aussteigen problemlos möglich ist.


Der absolute Höhepunkt

Höhepunkt des Aufenthalts war für Hardy und sein Team jedoch der Besuch der Arsenal-Stadions. Als leidenschaftliche Fußballfans - Hardy im Trikot - durchquerte die kleine Coburger Mannschaft Spielerkabinen, die Tribüne und das Büro des Cheftrainers. Auch eine Pressekonferenz simulierten die drei. "Ich kann gar nicht ausdrücken wie ich mich gefühlt habe", sagt Hardy. Den Spendern, die ihm diese Reise ermöglicht haben, möchte er deshalb ganz herzlich "Danke" sagen. 2300 Euro hat die Reise zu dritt gekostet - all inklusive. Vor allem: Lebensfreude, Abenteuerlust und Teamgeist.