Wenn Dina Hackmann auf ihr Mobiltelefon schaut, wird ihr bange. Eine Freundin hat ihr ein Video geschickt. Ein Video aus Dina Hackmanns Heimatstadt Kiew. Rauch ist zu sehen und Hubschrauber. "Meine Freundin sagt, es waren etwa 30 Hubschrauber, die Soldaten abgesetzt haben." Es sind russische Soldaten. Ihr Angriffsziel ist der Flugplatz Kiew Hostomel. Den wollen sie in ihre Hand bekommen.

Wenige Stunden später schickt Dina Hackmann ein neues Foto aus Kiew. Es ist kurz vor 16 Uhr. Sie schreibt dazu nur: "Jetzt greifen sie Kiew City an." Auf dem Foto ist eine bekannte Kirche zu sehen, dahinter Rauch.

Die Bevölkerung in Kiew ist seit dem Morgen in Angst. "Meine Mutter und andere von der Familie sind schon im Keller und warten ab. Meine Freundin weiß nicht wohin. Sie wohnt im neunten Stock eines Hochhauses", schildert Dina Hackmann und fügt hinzu: "Ich bin sehr froh, dass ich seit 25 Jahren hier in Deutschland bin." Die Freundin hat das Video aufgenommen, das belegen soll, wie nah der russische Angriff bereits an das politische Herz der Ukraine, die Hauptstadt Kiew, herangekommen ist.

Auch bei Dieter Wolf steht das Telefon an diesem Donnerstag nicht still. Der Vorsitzende der Tschernobyl-Kinderhilfe Neustadt hat enge Kontakte in die Ukraine. Seit mehr als 20 Jahren kümmert er sich um die Menschen, die in der Katastrophenregion des Reaktorunglücks leben. Immer wieder versuchte er Tatjana G. zu erreichen. Sie ist Deutschlehrerin in Kiew und war schon mehrmals im Coburger Land zu Besuch. Als Dolmetscherin begleitete sie Kinder, die zur Erholung hier her geholt wurden. Als sie sich endlich meldet, erklärt sie ihm, dass sie keinen Empfang für das Mobiltelefon hat. Sie kann nur noch über das Internet schreiben. Sie hat sich schon am Vormittag mit ihrer Familie in einem Luftschutzkeller in Sicherheit gebracht.

O-Ton aus Kiew

Ihre Nachricht im unkorrigierten Original: "In Kiew gibt es Panik, Handy-Verbingung fast keine, Internet gibt es noch. Die Menschen versuchen seit Morgen die Stadt zu verlassen, aber wohin? Überall hört man Explosionen. Viele sind mit Sachen und Familien in der U-Bahn. Das ist nicht si gefährlich wie zu Hause.In Geschäften gibt es fast keine Lebensmittel zu kaufen. Die Unternehmen sind zu. Ich war eben im Keller, wo wir und meine Familie im Notfall werden. Man hört noch szärker wie alles explodiert. Es wurde gesagt, dass die Agressorstruppen bald in Kiew werden. KANN UND WILL NICHT GLAUBEN."

Explosionen

In Fedoriwka, etwa 90 Kilometer westlich von Kiew erreicht Dieter Wolf seine Bekannte Tanja. Sie berichtet, dass der Schulbetrieb im Ort eingestellt ist. Alle sollen sich möglichst in Sicherheit bringen. Es herrsche keine Panik, sagt sie. Aber es sind immer wieder Explosionen zu hören.

Und noch aus einem anderen Grund läutet Dieter Wolfs Handy immer wieder. Es sind Bekannte aus dem Coburger Land, die von ihm wissen wollen, was los ist in der Ukraine, was er über seine Kontakte erfahren hat. Viele bieten ihm an, zu helfen. "Es haben schon einige angeboten, Flüchtlinge bei sich aufzunehmen, wenn welche kommen", sagt er.

Tatsächlich beschreiben alle Kontakte in der Ukraine, dass zahlreiche Menschen sich in Sicherheit bringen wollen. Doch Fluchtwege sind nicht viele offen. Das Land wird von drei Seiten aus angegriffen.