Beinahe wäre Hans-Herbert Hartan bei Richard Wagner gelandet: "Es geht um die Wertschätzung der Kunst", sagte Coburgs Zweiter Bürgermeister (CSU) - in Wagners Meistersingern heißt es "Hier gilt's der Kunst". Aber Wagner und große Oper haben mit dem Projekt, das da am Freitag vorgestellt wurde, (noch) nichts zu tun. Die Stadt hat die Internetplattform www.coltur.de für heimische Künstler schaffen lassen, die in Kneipen, bei Vereinen, privaten Feiern und sonstigen Gelegenheiten gerne auftreten würden.

Derzeit geht nämlich wenig, wegen Corona. Und mit solchen Auftritten fehlen den Sängern, Musikern, Tänzern, Clowns die Möglichkeiten, bekannter zu werden und weitere Engagements zu erhalten. Die Stadt hat deshalb mit Hilfe von Sponsoren kurze Filme mit und über heimische Künstler drehen lassen, die nun im Internet abrufbar sind.

Internetplattform soll heimische Künstler unterstützen

Die Idee kam von Michael Selzer, zuständig fürs Stadtmarketing; umgesetzt wurde sie von iTV Coburg, mitfinanziert von Sparkasse, SÜC, Wirtschaftsförderung und Landkreis. Eine schöne Sache sei das, sagte Sinan "SinoDee" Demircan vom Duo "Pubsody". "Aber leider nur eine Website." Die Stadt könne Künstler noch mehr unterstützen, indem sie Auftritte ermögliche, forderte er: zum Beispiel in der Fußgängerzone oder in Biergärten, "mit zwei Metern Abstand".

Derzeit sei das untersagt; wer trotzdem in der Fußgängerzone spielt und dazu singt, tut das ohne Erlaubnis. Sinan Demircan und sein Duo-Partner Conrad Schmöe fragen aber vorher ordentlich an - und erhielten vom städtischen Ordnungsamt bisher Absagen, wie sie erzählten: "Es heißt immer nur: nein." Deshalb weichen sie derzeit viel nach Thüringen aus - dort sind ihre Auftritte mit Fidel, Gitarre, Flöte und Gesang auf der Straße erlaubt. Sie spielen irische Folklore "und Evergreens" und tragen irische Kilts, wie Schmöe betont.

Viele weichen nach Thüringen aus - dort sind ihre Auftritte mit Fidel, Gitarre, Flöte und Gesang auf der Straße erlaubt

"Pubsody" waren zum Präsentationstermin am Freitag eingeladen worden, um die Künstlerseite zu repräsentieren. Für die Macher-Seite sprachen Michael Selzer und Andreas Leopold Schad (iTV), der in den Videos kurze Interviews mit den Künstlern führt. Die zwischen 15 und 20 Minuten langen Filme sollen ein möglichst umfassendes Bild des oder der jeweiligen Künstler geben.

18 solcher Portraits wurden bislang gedreht, zehn sind schon hochgeladen, die übrigen sollen in den nächsten Tagen folgen. Im Oktober sind weitere Drehtermine vorgesehen, dafür gebe es schon "um die zehn Bewerbungen", sagte Selzer. Er rechnet aber damit, dass es mehr werden könnten, wenn nun "Anschauungsmaterial da ist". Denn die Filme seien professionell produziert und kein Vergleich "mit schlecht belichteten Handyvideos".

"Das Nachfragepotenzial wird wachsen", zeigte sich auch stellvertretender Landrat Martin Stingl (SPD) überzeugt, der selbst künstlerisch mit Liedern und Mundart auftritt. Wie viele Solokünstler, Bands und Gruppen es in Stadt und Landkreis gibt, weiß indes niemand genau. "Wir wollen es erfassen", versprach Coburgs Dritter Bürgermeister Thomas Nowak (SPD), seit Mai für das Thema Kultur in Coburg zuständig.

Er wies, wie vor ihm schon Michael Selzer, darauf hin, dass selbstständige Künstler bei den Corona-Hilfen zunächst durch sämtliche Raster gefallen seien. Sie hatten keine Auftrittsmöglichkeiten und erhielten keine Soforthilfen, weil es die nur für Betriebskosten gab. Die Stadt wolle nun kleinere Kulturveranstaltungen im Amphitheater beim Kunstverein ermöglichen, sagte Nowak. Und der Sache mit den Straßen- und Biergartenauftritten möchte er sich annehmen, wie er versicherte.

Selbstständige Künstler fielen bei den Corona-Hilfen zunächst durch viele Raster

Nowak und Hartan wünschten, dass die Plattform über die Krise hinaus überdauern und wachsen werde. Wenn es nach Michael Selzer geht, wird das der Fall sein. Freilich: Geld braucht's dafür auch. Rainer Engelhard, bei der Sparkasse Coburg-Lichtenfels zuständig für den Bereich Sponsoring, zeigte sich von dem, was bisher zustandekam, sehr angetan: "Es ist ein Projekt, das seinesgleichen suchen wird."

Wie viel es nun genau gekostet hat, darüber schwieg Selzer sich jedoch aus: "Vertragsangelegenheit. Aber es kostete weniger, als es aussieht." iTV-Chef Wolfram Hegen sprach von einem "Freundschaftspreis". Es gehe bei dem Projekt für iTV nicht ums Geld, sondern um die Künstler.

"Die Seite und das Video sind unbezahlbar für uns", bestätigte Sino Demircan. "Das Projekt könnte ruhig auch mal live umgesetzt werden."