"Na ihr Mäuse? Sexy" Wollt ihr nicht mal rüberkommen?", steht in bunter Kreideschrift direkt beim Theaterplatz. Um den Catcall anzukreiden hat Fred* etwa zehn Minuten gebraucht. Der Catcall wurde von einer Frau eingesendet. Ihr und ihrer Begleitung wurde der Spruch von einer Gruppe wesentlich älterer Männer hinterhergerufen.

Catcalls sind sexuell anzügliche Rufe oder Pfiffe im öffentlichen Raum. "Catcalls sind nicht nett gemeint, sondern ein sexistisches Verhalten, das nicht klar geht", sagt Emma*. Darauf wollen die Studentinnen mit der Instagram-Seite "catcallsofcoburg" aufmerksam machen. "Weil Personen auf ihr Aussehen und Geschlecht reduziert werden, sind Catcalls ein sexualisierendes und objektifizierendes Verhalten", erläutert Fred die Beweggründe der Gruppe. Erst wenn das Thema zum Gespräch wird, können potenzielle Betroffene und Täter sensibilisiert werden.

In Deutschland nicht strafbar

Als sexuelle Belästigung zählt Catcalling in Deutschland nicht. Wie in Paragraf 184i StGB definiert, liegt eine sexuelle Belästigung dann vor, wenn eine andere Person "in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt" wird. Wie ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken auf Anfrage mitteilte, dürfte dies beim Catcalling nicht erfüllt sein. "Möglicherweise könnte hier im Einzelfall eine Beleidigung gemäß Paragraf 185 StGB im Raum stehen. Dieser Straftatbestand wäre erfüllt, wenn das persönliche Ehrgefühl durch Äußerungen, Gesten oder Tätlichkeiten herabgewürdigt wird", teilt der Sprecher mit. In Frankreich, Portugal, den Niederlanden und Belgien ist Catcalling eine Straftat.

Eine Online-Petition, in der gefordert wird, dass Catcalling auch in Deutschland strafbar wird, hat bereits über 64 000 Unterstützer. "In unserer Gesellschaft gibt es immer noch ein Machtgefälle zwischen Männern und Frauen. Catcalls und das Verhalten dahinter sind der Nährboden für sexuelle Übergriffe", sagt Fred. Neben Frauen werden auch Randgruppen, wie etwa Menschen mit Handicap oder Homosexuelle, zu Opfern. "Vor kurzem hat sich ein Mann mit Beeinträchtigung bei uns gemeldet", erzählt Emma. Er wurde am Bahnhof durch einen Catcall diskriminiert. Der Catcall wurde direkt bei den Gleisen angekreidet: "Einen Krüppel würde ich auch gerne mal FCK, das würde in ihrer Liste noch fehlen."

Vulgäre Ausdrücke zensieren

Damit die Catcalls ins Auge stechen, wird bunte Kreide verwendet. "Die angekreideten Catcalls sollen nach Straßenmalerei aussehen. Wer den Inhalt liest, rechnet meist nicht mit den heftigen Aussagen", sagt Fred. Um Kinder zu schützen, werden vulgäre Wörter zensiert. Einen Catcall auf die Straße zu bringen dauert je nach Inhalt bis zu einer Viertelstunde. Anschießend wird noch ein Foto gemacht, das später auf der Instagram-Seite geteilt wird. Die angekreideten Catcalls sollen für möglichst viele Personen zugänglich sein. Aus diesem Grund werden die Bilder auf Instagram mit einer deutschen und einer englischen Beschreibung versehen. "Betroffene schreiben uns über Instagram. Wir gehen dann an den Ort, wo sich der Catcall ereignet hat, kreiden ihn an und machen das Foto", beschreibt Emma das Vorgehen.

Die Gruppe wurde im vergangenen Herbst gegründet und organisiert sich über die Hochschule. Während Emma und Fred sehr aktiv sind, gibt es auch Studenten, die ab und zu aushelfen. "Meist sind wir zu zweit unterwegs. Weil es viele Catcalls in Coburg gibt, haben wir einen straffen Zeitplan. Es ist schwer hinterherzukommen", ergänzt Emma. Gelegentlich werden die Studentinnen beim Ankreiden angesprochen. "Wir nehmen uns für jeden Zeit, der mehr erfahren möchte und sind super glücklich über Feedback und Anregungen."

Anonymität zum Selbstschutz

Anonymität hat für Emma, Fred und die anderen Studenten, die sich in Coburg gegen Catcalls einsetzen, höchste Priorität. "Wir wissen nicht ob das Ankreiden manchen Männern ein Dorn im Auge ist und wollen uns nicht als Angriffsfläche hinstellen. So fühlen wir uns persönlich sicherer", sagt Emma. Wie Fred hinzufügt, gehe es bei der Aktion außerdem um diese an sich und nicht um die Studentinnen als Personen.

Die Catcalls-Bewegung hat ihren Ursprung in New York. "Momentan ist in der Gesellschaft ein struktureller Wandel zu beobachten. Immer mehr Menschen setzen sich für Gleichberechtigung ein", sagt Fred. Dass es Übergriffe auf Frauen gibt, gehe auf ein strukturell bedingtes Machtgefälle zugunsten des Mannes zurück. "Frauen wird eher beigebracht, sich nach anderen zu richten. Männer lernen demgegenüber, dass es okay ist zu machen, was sie wollen", erklärt Fred den Kern des Problems. Wie Emma erläutert, sind die Konsequenzen, dass die betroffenen Frauen sich selbst die Schuld an dem Problem geben und ziehen sich zurück. "Man muss sich dessen bewusst werden, was Catcalling für eine emotionale Belastung für die Betroffenen ist. Wenn Frauen auf einmal keine kurzen Klamotten mehr im Sommer tragen oder bestimmte Orte meiden, ist das der komplett falsche Ansatz."

*Zum Schutz der Protagonistinnen wurden Pseudonyme verwendet

Catcalling

Definition Unter Catcalling fallen sexuell anzügliche Rufe und Pfiffe im öffentlichen Raum, wie beispielsweise das Hinterrufen oder Nachpfeifen von Männern gegenüber Frauen.

Straftat In den Niederlanden, Belgien, Portugal und Frankreich ist Catcalling strafbar. Eine entsprechende Online-Petition läuft in Deutschland: https://www.openpetition.de/petition/online/es-ist-2020-catcalling-sollte-strafbar-sein

Kontakt Betroffene können sich über die Instagram-Seite "catcallsofcoburg" an die Studierenden wenden.