936  Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung registrierte das Polizeipräsidium Oberfranken im Kalenderjahr 2020. Im Jahr 2011 waren es noch genau 500. Somit hat sich die Zahl der Sexualdelikte in Oberfranken innerhalb eines Jahrzehnts beinahe verdoppelt. Die Ursache dieser erschreckenden Entwicklung ist der Polizei jedoch gut bekannt.

Jedes Jahr im März veröffentlicht das Polizeipräsidium Oberfranken die oberfränkische Kriminalstatistik. In ihr wird die Kriminalitätsentwicklung des Bezirks dargestellt. Einige wichtige Kriminalitätsbereiche werden einzeln aufgeschlüsselt. Mit dabei: Sexualdelikte. Dieser Sammelbegriff fasst Straftaten wie Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Zuhälterei und sexuelle Belästigung zusammen. Außerdem beinhalten Sexualdelikte auch viele Straftatbestände, welche im Zusammenhang mit dem Schutz von Kindern und Jugendlichen stehen, wie etwa das Verbreiten von Kinderpornografie. Neben den Sexualdelikten musste sich die Oberfränkische Polizei auch mit einem starken Anstieg der Wohnungseinbrüche beschäftigen. Zusätzlich haben die Drogendelikte in der Region stark zugenommen: Bei der Suche nach Erklärungen legt die Polizei ein besonderes Augenmerk auf Crystal und Cannabis.

Drastischer Anstieg der Sexualdelikte

Der Anstieg von 500 auf bald zu erwartende 1.000 Fälle entspräche einem Wachstum von 100 Prozent. Alleine von 2019 auf 2020 wuchsen die Fallzahlen der Sexualdelikte von 813 auf 936 - das entspricht einem Anstieg um 15,1 Prozent. Bayernweit steht Oberfranken im Vergleich dennoch erstaunlich gut dar:  von 9.050 Fällen im Jahr 2019 wuchs die Zahl in ganz Bayern auf 11.197 Fälle im Jahr 2020. Die Sexualdelikte stiegen somit in ganz Bayern um rund 24 Prozent.

Betrachtet man die oberfränkische Fallstatistik, sticht ins Auge, dass die Fallzahlen von 2011 bis 2016 einigermaßen stabil blieben. Selbstverständlich sind Schwankungen zu verzeichnen, insgesamt kann dennoch behauptet werden, dass sich die Zahl der Sexualdelikte vor 2016 nicht groß verändert hat. Ganz Bayern verzeichnet diesen Trend.

Um diese Zahlen richtig einzuordnen, muss man eines beachten: Kriminalstatistiken geben keine genaue Auskunft darüber, ob eine Straftat tatsächlich öfter verübt wurde oder nicht. Sie spiegeln lediglich wider, wie oft eine entsprechende Straftat von der Polizei aufgenommen wurde. Wie das Bundesinnenministerium in der polizeilichen Bundeskriminalstatistik einräumt, bilden die Zahlen nur das sogenannte "Hellfeld" ab. Der "Dunkelbereich" - also die Straftaten, welche nicht bei der Polizei gemeldet werden - könnte viel größer sein.

Neue Gesetzeslage für besseren Schutz vor sexueller Gewalt

Um diese Dunkelziffer so klein wie möglich zu halten, hat der Gesetzgeber einige Werkzeuge zur Hand: eine Beeinflussung des Anzeigeverhaltens, eine höhere polizeiliche Kontrollintensität, eine Änderung der statistischen Erfassung und eine Änderung des Strafrechts. Im Falle der Sexualdelikte ist laut der Polizeiinspektion Oberfranken vor allem eine Reform des Sexualstrafrechts vor vier Jahren die Ursache der stetig steigenden Zahlen.

Der Bund und die Länder einigten sich 2016 auf eine umfassende Ausweitung der unter dem Begriff Sexualdelikte verfolgten Straftaten. So wurde unter anderem der Grundsatz "Nein heißt Nein" in dem Gesetz verankert. Betroffene Frauen und Schutzbedürftige sollen besser vor Übergriffen geschützt werden und diese auch leichter zur Anzeige bringen können. Der damalige bayerische Justizminister Winfried Bausback  (CSU) kommentierte die Reform mit: "Es ist dringend an der Zeit, die bestehenden Schutzlücken und Wertungswidersprüche im Sexualstrafrecht zu beseitigen."

Auf Nachfrage erklärt das Polizeipräsidium Oberfranken, dass zusätzlich zur neuen Gesetzeslage ein besonders großer Zuwachs im Bereich der Verbreitung pornografischer Schriften die Zahlen in die Höhe trieb. Es handelte sich hierbei vor allem um die Bereitstellung und Verbreitung von Kinderpornografie über soziale Medien, wie beispielsweise WhatsApp und Facebook: "Nicht selten sind hier auch Kinder und Jugendliche Täter. Als Mutprobe, Langeweile oder auch als Gag wurden entsprechende Beiträge in WhatsApp Gruppen geteilt. Hierbei macht sich aber nicht nur der Sender, sondern auch der Empfänger strafbar, was in diesem Fall eine Vielzahl an Anzeigen nach sich zieht." Um diesen Trend entgegenzuwirken, startete vor einigen Wochen die Präventionskampagne "Dein Smartphone - Deine Entscheidung", welche Schüler über die strafrechtlichen Aspekte bei der Nutzung des Smartphones informieren soll.

Der plötzliche und andauernde Anstieg der Fallzahlen im Bereich Sexualdelikte bedeutet somit nicht, dass es seit 2016 auf einmal eine Explosion an sexueller Gewalt gab. Vielmehr wurden neue Grundlagen für einen genaueren und umfassenderen Schutz der Opfer geschaffen, welche nun immer mehr zum Tragen kommen. Diese Vermutung wird auch durch die hohe Fallaufklärungsquote von über 90 Prozent und die wachsende Zahl der ans Tageslicht beförderten Fälle gestärkt.